Das Tor, das der Osten nie vergisst: Jürgen Sparwasser schießt das 1:0 und damit das Siegestor gegen die BRD bei der WM 1974. Berti Vogts und Torhüter Sepp Maier haben keine Chance.
Das Tor, das der Osten nie vergisst: Jürgen Sparwasser schießt das 1:0 und damit das Siegestor gegen die BRD bei der WM 1974. Berti Vogts und Torhüter Sepp Maier haben keine Chance. Imago/Werner Schulze

Na, ist für Sie auch schon die WM vorbei wie für unsere Nationalmannschaft? Für mich nicht! Statt sich nun über die DFB-Funktionäre um Bierhoff und Co. aufzuregen, sehe ich mir liebe die anderen Spiele an. Denn das Zuschauen einer Weltmeisterschaft, auch wenn die eigene Elf fehlt, ist man ja als Ostdeutscher schon aus früheren Zeiten gewohnt. Denn in der DDR erlebte der Fußball-Fan mit dem Nationalteam noch weniger WM-Freuden – bis auf eine Ausnahme.

Man erinnert sich. Was haben die ostdeutschen Fans gelitten. Denn mit Weltmeisterschaften taten sich die DDR-Fußballer schwer. Das Aus kam bekanntlich schon in den Qualifikationsrunden. Dabei schlugen sich die Jungs da durchaus wacker. Und doch kam in fast allen Quali-Runden das Debakel, dass die DDR-Elf die WM-Teilnahme, manchmal sogar sehr knapp, verfehlte.

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DDR-Anhang hatte meist nicht viel zu jubeln. Anders bei der Weltmeisterschaft 1974, als die BRD besiegt wurde. Zu dem Spiel in Hamburg durften nur ausgesuchte Fans reisen.
DDR-Anhang hatte meist nicht viel zu jubeln. Anders bei der Weltmeisterschaft 1974, als die BRD besiegt wurde. Zu dem Spiel in Hamburg durften nur ausgesuchte Fans reisen. Imago/Horstmüller

Etwa zur WM 1962, als die DDR durch krasse Schiedsrichterfehlentscheidungen im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen die Ungarn um die Teilnahme am Turnier in Chile gebracht wurde. In der Quali zur WM 1966 in England wurde die DDR nur Gruppenzweiter und war raus.

Oder 1989, als in Wien die Elf gegen Österreich das alles entscheidende Gruppenspiel verlor und damit die Teilnahme ein Jahr später bei der WM in Italien verpasste, wo am Ende ein fast geeintes Deutschland Weltmeister wurde.

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WM 1974: Das Sparwasser-Tor gegen die BRD war der größte Turnier-Erfolg

Aber es gab eine glanzvolle Ausnahme. 1974 hatte es die DDR zum ersten und einzigem Mal zu einer WM geschafft, die damals beim deutschen Nachbarn stattfand.

Zwar durften nur staatlich ausgesuchte Fans zu den WM-Spielen der DDR beim Klassenfeind, während der Rest vorm Fernseher mitfieberte und jubelte. Und zum Jubeln gab es auch allen Grund. Man gewann das Prestigespiel gegen die Bundesrepublik mit dem legendären Tor von Jürgen Sparwasser.

Ich erinnere mich noch, wie ich damals als Siebenjähriger länger aufbleiben durfte, um dieses Spiel abends zu sehen. Und ich weiß noch, wie mein Vater immer zwischen Ost- und Westfernsehen hin und her schaltete, um dann beim so herrlichen Kommentator Heinz-Florian Oertel zu bleiben.

Der Sieg gegen die BRD war der größte WM-Erfolg für die DDR. Denn schon in der nächsten Runde flog sie nach Niederlagen gegen Brasilien (0:1) und Holland (0:2) und einem 1:1 gegen Argentinien aus dem Turnier. Na und, dann fieberten wir eben für die Bundesdeutschen mit, wie schon bei den anderen Turnieren auch.

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Nach dem 1:0 gegen die BRD: DDR-Torschütze Jürgen Sparwasser (l.) verlässt zufrieden mit Spieler-Kollege Erich Hamann das Hamburger Volksparkstadion.
Nach dem 1:0 gegen die BRD: DDR-Torschütze Jürgen Sparwasser (l.) verlässt zufrieden mit Spieler-Kollege Erich Hamann das Hamburger Volksparkstadion. Imago/Kicker/Eissner

Kein Wunder, dass in meiner damaligen Heimat in Berlin-Adlershof an einem sonnigen Nachmittag im Sommer 1974 die Straßen wie leergefegt waren und die Menschen vor ihren Fernsehern saßen, als im Finale Deutschland auf die Niederlande traf. Ich kann mich noch sehr genau erinnern. Auch daran, dass schnell die Fenster geschlossen wurden, damit man den lauten Jubel für die Westdeutschen, die Weltmeister geworden waren, nicht draußen hören konnte. Vielleicht war ja doch der eine oder andere Mitmensch unterwegs, der diese Freude nicht so passend fand.

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Nun geht für mich die jetzige WM in Katar ohne die Deutschen weiter, bei der ich nach DDR-Tradition die Daumen für andere Teams drücke. Wie für Marokko, die so gekonnt die Spanier aus der WM warfen. Am Sonnabend spielen sie gegen Portugal. Vielleicht gibt es ja wieder eine Sensation. Wir werden es sehen!

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com