Übern Gartenzaun meckern und Kiez-Sheriff spielen. Seien Sie nachsichtig mit Meckerköppen.  Imago 

Kennen wir nicht alle so einen? Einen, der seinen Senf überall dazu geben muss, einen, der im Müllraum Zettel aufhängt, man solle gefälligst das Papier zerkleinern, einen der einem hinterherbrüllt, dass Radfahren auf dem Bürgersteig verboten ist. Sie wissen schon, ich meine den ollen Meckerkopp, der hinter Gardine  und Geranie lauert und sofort Meldung macht, wenn ein Paketzusteller mal kurz im Halteverbot steht. So einen kenne ich nicht nur aus der Nachbarschaft, so einer ist mir neulich auch in einem ziemlich witzigen Buch begegnet. Und das hat mich nachdenklich gemacht. 

Günter Habicht heißt der olle Meckerkopp im Buch. Ein Synonym für einen Mittsechziger aus einem Berliner Randbezirk, Spandau oder so, der auf Regeln schwört und für ihre Einhaltung im Kiez sorgt.

Recht und Ordnung müssen sein - auch in Berlin 

Günter Habicht ist ein Wächter und Verfechter von Recht und Ordnung und hält sich selbst penibel an alle Vorschriften. „Er geht auch nachts um vier nicht über eine rote Fußgängerampel. Was das Benehmen angeht, ist er sich selbst gegenüber recht großzügig und findet es angemessen, sich auch mal im Ton zu vergreifen“, sagt der Autor Torsten Rohde  über die Figur, die er sich da ausgedacht hat.

Inspiration für seine Geschichten findet Rohde auf den Straßen Berlins: „Die  Günters lauern an allen Ecken und Enden. Mit Vorliebe pusten sie gerade mit Laubbläsern das Laub zu den Nachbarn, und wenn man nicht aufpasst, kriegt man gleich noch gratis einen Ratschlag wie: „Heb die Füße beim Loofen!“ hinterhergerufen.“ Mein Günter in der Nachbarschaft schließt übrigens demonstrativ um acht Uhr abends die Haustür ab, auch wenn man gerade die Treppe runter kommt und hinaus möchte. Nervig. 

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Wenn man aber einmal den gestressten Blick auf die Günters dieser Stadt durch eine etwas nachsichtigere Brille wagt, sind sie auf einmal ganz putzig, wohltuend bodenständig sogar. Wie schräge, altmodische Reptilien, die es in einer immer bunteren Welt auch zu schützen gilt. „Die sitzen nicht in Mitte in den schicken Cafés, aber in den Kiezen, in den alten Kneipen und an den Taxiständen, findet man sie überall“, so Rohde. Ihr Lebensraum in der Innenstadt ist bedroht. Aber ss wäre doch schade, wenn in der Sinfonie der Großstadt der Brummelbass fehlte. 

Sperrmüll auf den Straßen Berlins

Der Ton wird rauer in Berlin. Aber sind dafür wirklich die Meckerköppe allein verantwortlich? Auch mich nervt es schließlich, wenn halbe Sofas am Straßenrand stehen, wenn man mit dem Kinderwagen nicht durchkommt, weil ein Transporter auf dem Gehweg steht, oder wenn ein E-Roller im Gebüsch vor sich hinblinkt. Günter Habicht wüsste, wie er seiner Verachtung darüber Ausdruck verliehe, jubiliert mein innerer Günter.  

„Die Figur ist ja eine Karikatur, eine Überzeichnung. Ich greife auf, was sich sehe, überspitze und verdichte und halte den Leuten so einen Spiegel vor“, sagt Torsten Rohde.  Die Spießer, die es sehr genau nehmen mit den Einwurzeiten am Glascontainer, die brauche keiner. „Aber mal über sie schmunzeln zu können tut hoffentlich gut.“

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Streicheln wir alle also einmal den inneren Günter und fassen zusammen: Meckerköppe sind auch echt Berliner Pflanzen und gehören unter Artenschutz. 

Was Günter Habicht übrigens zur jetzigen Lage sagen würde ist glasklar, er kennt schließlich seine Bürgerpflicht. „Abstand halten, Rücksicht aufeinander nehmen und sich verdammt nochmal impfen lassen. Wo kommen wir denn sonst hin?! Jeder hat einen Kopf zum Denken und sollte wissen, was zu tun ist: Kontakte runter, basta.“

Das Buch von Torsten Rohde ist im Ullstein Verlag erschienen und kostet 11,99 Euro.  Ullstein Verlag

Torsten Rohde schreibt als Brandenburger Erfolgsautor mit seinen herrlichen, teils sehr schrulligen Spandauer Figuren seit Jahren Bestseller unter dem Pseudonym Renate Bergmann. Die „Online-Oma“ ist ein Twitter-Phänomen. Jetzt gibt es mit Günter Habicht , dem Offline-Opa ein Pendant, liebenswert, altmodisch, manchmal kleinkariert, aber herzerwärmend.

Stefanie Hildebrandt schreibt regelmäßig im KURIER über Berlins Kieze.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com