Das Arschgeweih: In der Jugend ein hippes Accessoire, im Alter eher unschön. Foto: dpa/Heiko Wolfraum

Liebe Leserinnen und Leser, sicher werde ich mich mit diesem Thema hier „in die Nesseln“ setzen. Es geht um Tattoos, die längst Mode und gesellschaftsfähig geworden sind. Für mein Empfinden ist diese Körperkultur aber alles andere als schön! Neulich ging ich an einem Standesamt vorbei, da kam eine junge Braut mit einem wunderschönen weißen Spitzenbrautkleid die Treppen herunter. Leider waren ihre Arme komplett farbig tätowiert. Aua... Das hat meinen Augen richtig weh getan!

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Ich verstehe nicht, warum man sich das antut. Denn mir wurde verschiedentlich berichtet, dass es sehr schmerzhaft ist, ein Tattoo zu bekommen. Mit einer Geschwindigkeit von 120 Stichen pro Sekunde stechen die Tätowierer Farbe unter die Haut. Die Nadeln durchdringen die oberste Hautschicht und drücken die Tinte in die sogenannte Dermis, eine ledrige Schicht, die ungefähr einen bis drei  Millimeter unter der Hautoberfläche liegt.

Das passiert mit der Tattoo-Farbe im Körper

In 90 Prozent der Fälle verbleibt die Farbe aber nicht vollständig in dieser ledrigen Hautschicht, sondern verteilt sich im ganzen Körper. Oft reagiert die Haut an den Tattoos mit Entzündungen. Das Immunsystem erkennt die Farbstoffe als Fremdkörper. Die schlauen Abwehrzellen umschließen die Pigmente der Farbe und bringen sie über die Blutbahn zu den Lymphgefäßen.

Die Lymphkoten sitzen beispielsweise unter den Achselhöhlen. Sie werden oft zur zweiten Heimat der Farbe. In der Nähe von roten Tattoos werden die Lymphkonten rot, von grünen Tattoos grün. Und je mehr Farbpigmente sich dort ablagern, desto größer werde die Lymphknoten. Schon deshalb würde ich mich dieser Prozedur niemals freiwillig aussetzen! Wer will da noch in Gesellschaft vor Freude die Arme hochreißen?

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Hinzu kommt, dass die Tinte Schadstoffe enthalten kann, die potenziell gefährlich oder giftig sind, Schwermetalle wie Arsen, Nickel, Kobalt. Oder Verunreinigungen und verbotene Konservierungsstoffe. Auch Krankheitserreger wie Bakterien, Viren oder Pilze sind schon gefunden worden. Wissenschaftler und Behörden sind auf Nanopartikel gestoßen, deren Wirkung im menschlichen Körper sich nur schwer vorhersagen lässt. Nicht jede Farbe enthält potenziell schädliche Stoffe. Man muss dem Tätowierer also unwissend vertrauen.

Fotograf und „Berghain“-Türsteher Sven Marquardt trägt seinen Tinten-Schmuck sogar im Gesicht. Foto: Imago/Emmanuele Contini

Als Fotografin war ich einige Male hier auf der Tattoo Convention Berlin, einer Messe, auf der international berühmte Tätowierer ihre Werke und Technik zeigen. Fans aus der ganzen Welt stehen dort Schlange zum Gucken. Aber auch, um sich eins dieser Tattoos stechen zu lassen. Zugegeben: Es war interessant und manches Bild ein echtes Kunstwerk. Das natürlich auch seinen Preis hat. Die Atmosphäre in diesen kleinen aufgebauten Studios auf der Messe war eigentümlich intim. 

Warum ließen und lassen sich Menschen eigentlich tätowieren?

Seeleute, Fremdenlegionäre, Mafiosi, Mitglieder von Rockerbanden, Angehörige der SS und andere nutzten Tätowierungen als Zeichen der Zusammengehörigkeit. Im NS-Konzentrationslager Auschwitz wurde den Häftlingen eine Nummer auf den Arm tätowiert, um geflohene Häftlinge oder Leichen ohne Kleidung zu identifizieren. Manchmal soll eine Tätowierung aber auch Ausdruck von Protest sein. Man möchte nicht so sein wie andere und zeigt es mit einem (oder mehreren) Hautzeichen. Doch inzwischen tun es sehr viele. Schauspieler, Sänger, Sportler lassen sich genauso tätowieren wie Bankangestellte, Polizisten und Studenten. 

Jedoch ist Mode bekanntermaßen ja vergänglich oder wechselt. Im Laufe meines Lebens habe ich naturgemäß öfter mal Geschmack und Mode gewechselt. Ganz klar: Was man mit 20 oder 30 Jahren toll gefunden hat, stimmt mit 50 und 60 Jahren oder älter einfach nicht mehr. Ein Tattoo ist aber in die eigene Haut gestochen. Die verändert sich mit zunehmendem Alter. Was dann mit der Strahlkraft des Hautzeichens passiert, möchte ich mir gar nicht ausmalen.... Allerdings gilt auch hier wie so oft: „Jeder nach seiner Fasson“.

Wie denken Sie, liebe Leser übers Tätowieren? Schreiben Sie es mir, ich freue mich auf den Austausch!

Ihre Sabine Stickforth

Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag im KURIER über das Leben über 50 in Berlin.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com