Ein Exemplar der Hauswinkelspinne - KURIER-Autor Florian Thalmann kann diese Exemplare überhaupt nicht leiden. Foto: imago/blickwinkel

Für den Text, den Sie gerade lesen, habe ich vor ein paar Minuten nach Fotos gesucht. Und seitdem, ich gebe es ehrlich zu, spüre ich überall dieses Kribbeln. Die Bilder von Spinnen mit langen Beinen und haarigen Körpern gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin ein tierlieber Mensch, aber ja, ich gestehe: Ich hasse Spinnen! Ich habe Angst vor ihnen – und es ist tröstlich, dass ich nicht alleine bin. Vielen Menschen geht es so. Aber warum?

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Bei einer Umfrage gaben 2016 mehr als 28 Prozent der Befragten an, sich vor Spinnen zu fürchten – und Psychologen gehen davon aus, dass fünf Prozent der Bevölkerung von einer regelrechten Phobie betroffen sind. Eine Phobie habe ich nicht, aber ab einer bestimmten Größe erschrecken mich die Tiere so sehr, dass ich am ganzen Körper eine Gänsehaut bekomme, wenn wir uns begegnen.

Ich wuchs auf dem Land auf – und dort gehörten Spinnen zum Leben

Es ist eigenartig, denn ich wuchs auf dem Land auf, in einem Dorf  in der Sächsischen Schweiz. Das Haus meiner Eltern liegt in einem Tal, die Natur kommt von allen Seiten. Lebewesen aller Art gehörten in meiner Kindheit zum Alltag. Noch heute schickt mir mein Vater immer mal wieder Whatsapp-Nachrichten mit Fotos von Schlangen, die er fotografiert hat, und schreibt dazu: „Grüße aus den Everglades“.

Und Spinnen. Mein Hobbyraum war auf dem Dachboden – feste Regel: Bloß nicht in die Ecken schauen! Mit schwarzem Humor habe ich versucht, die Angst zu besiegen. Eine Schauergeschichte lautet etwa: Jeder Mensch isst im Laufe seines Lebens dutzende Spinnen im Schlaf. Ich habe aus Spaß immer gesagt, dass ich meine Portion vermutlich schon verdrückt hatte, als ich gerade zehn Jahre alt war. Doch Lachen half nicht.

Hat wohl jeder schonmal gesehen: Die Mausspinne ist auch in Berliner Wohnungen weit verbreitet. Foto: imago/Blickwinkel

Mein Endgegner war übrigens: Die Hauswinkelspinne. Kennen Sie die? Groß, schwarz, haarig, passt trotzdem in jede Ritze und ist einfach unberechenbar. Mit ihr hatte ich das bisher schlimmste Erlebnis, das ich „Spinne versteckt sich in Hemdkragen“ taufte. Ich war damals 15, wollte mit meinen Eltern ins Theater, zog mein schönstes Hemd an und… naja, den Rest können Sie sich denken.

Im DDR-Neubau in Berlin wohnten verrückte Leute, aber kaum Spinnen

Jahrelang hatte ich Ruhe vor den Tieren, denn ich zog nach Berlin – und im Wohnhaus traf ich zwar viele verrückte Menschen, aber wenig Spinnen. Doch nun, seit ich in meiner neuen Wohnung lebe, sind die Tiere zurück. Mein Freund hat den Balkon aufgehübscht, mit Pflanzkübeln, in denen allerlei Dinge sprießen. Und wer der schönen Natur Einlass gewährt, der muss sich über Spinnen nicht wundern.

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Mehrfach trafen wir sogar Hauswinkelspinnen, auf die mein Partner noch schlimmer reagiert als ich. Als ich ihn frage, warum er sich fürchtet, sagt er nur: „Weil die acht Beine haben. Nicht zwei, ACHT!“ Tatsächlich liegt es aber nicht daran, dass der Mensch Angst vor Spinnen hat. Die Furcht ist angeboren, fanden Wissenschaftler heraus, und sie scheint ein Überbleibsel der Evolution zu sein, eine Art Eigenschutz-Reflex. „Denn es gibt Gebiete, in denen die Angst natürlich vollkommen berechtigt ist“, sagt Jonathan Neumann. 

Jonathan ist Insekten-Experte. Ein cooler Typ, mit dem ich für den KURIER mal über den Biesenhorster Sand gewandert bin, um mir zeigen zu lassen, was dort so lebt. Er liebt aber nicht nur Insekten, sondern auch Spinnen, versteht aber auch, dass sich Menschen fürchten, weil die Tiere unberechenbar wirken. „Wenn man das Licht anschaltet und eine Spinne an der Decke sitzt, kann es passieren, dass sie auf einen zusteuert“, sagt Jonathan. „Das wird dann als Angriff interpretiert. Aber in Wirklichkeit sucht sie nur Schutz.“

Hängen gern in Ecken herum, sind aber ungefährlich: Zitterspinnen! Foto: imago/Nature Picture Library

Im Internet habe ich gelesen, dass vieles leichter wäre, wenn Spinnen sprechen könnten. „Hallo, ich bin der Heinz – und ich webe hier mal kurz ein Netz hin. Keine Panik!“ Wäre das nicht viel entspannter? Nur leider tun Spinnen das nicht. Und: Es gibt sie überall, in allen Größen, Formen und Farben. „In Berlin gibt es die Hauswinkelspinnen zum Beispiel in jedem Keller“, sagt Jonathan. „Und auch Zitterspinnen und Mausspinnen kommen in jeder Wohnung vor.“ Das ist theoretisch auch gut, denn die Tiere sind überaus nützlich! „Sie fangen andere Insekten“, sagt Jonathan. Wer also Spinnen hat, hat etwa keinen Stress mit Mücken und Fliegen.

Aber: Was hilft gegen die Angst? Nur eine Schocktherapie. „Spinnen nicht gleich zertreten, sondern mit einem Glas fangen, genau anschauen, vielleicht mal über die Hand krabbeln lassen“, sagt Jonathan. „Da merkt man, dass sie nicht gefährlich sind.“ Ich werde es probieren – denn bald kommt ja der Herbst. Dann suchen Spinnen verstärkt Schutz in Wohnungen. Auch in Berlin.

Verschlucken wir wirklich Spinnen im Schlaf? Das sagt der Experte

Übrigens: Ich habe Jonathan gefragt! Verschlucken wir wirklich so viele Spinnen im Schlaf? „Das ist Quatsch“, sagt er. „Spinnen fühlen mit den Haaren auf ihrem Körper. Unsere Ausatemluft fühlt sich für sie wie ein Tornado an. Sie würden nie auch nur auf die Idee kommen, in die Nähe unseres Mundes zu krabbeln.“ Ich bin etwas erleichtert. Stolz erzähle ich meinem Freund davon, als wir abends im Bett liegen. Er freut sich kurz, sagt „Gute Nacht“ – und schiebt hinterher: „Aber wir haben ja noch Ohren.“

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiere.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com