Norbert Koch-Klaucke berichtet in seiner KURIER-Kolumne jeden Freitag über Geschichten aus dem Osten. Dieses Mal geht es um ein besonderes Mauer-Mahnmal. Koch-Klaucke

Heute möchte ich Ihnen von einem Ort erzählen, an dem ich oft verweile. Es ist eine kleine, wilde Wiese am Ufer des Griebnitzsees zwischen Potsdam und Berlin. In der Dämmerung sitzt ab und zu ein Angler, der auf einen Barsch, Aal oder Karpfen für sein Abendbrot hofft. An heißen Sommertagen tummeln sich dort Erwachsene und Kinder, die in dem See baden gehen. Ab und zu feiern nachts dort auch Jugendliche, deren Zigarettenkippen und achtlos hingeworfenen Flaschen man am nächsten Morgen findet.

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Dass sich an diesem Ort Menschen zwangslos treffen und frei bewegen können – das war nicht immer so. Ein Stück fünf Meter breite und etwa vier Meter hohe Betonwand, vor der ein Holzkreuz mahnend steht, erinnert daran. Manchmal stecken Spaziergänger Blumen an diese Wand, die eine der letzten noch existierenden Teile der Mauer ist, die an einem Sonntag im August vor 60 Jahren errichtet wurde und unsere Stadt und unser Land für fast drei Jahrzehnte in Ost und West teilte.

Der Mauerrest am Griebnitzsee steht unter Denkmalschutz. Der Verein „Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte im Land Brandenburg“ kümmert sich um seinen Erhalt, hat das Holzkreuz errichtet. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass wir heute die Geschichte dieses Überrestes der Berliner Mauer erfahren.

Ein Verein sorgte dafür, dass dieser Teil der Mauer zwischen Potsdam und Berlin am Uferweg des Griebnitzsees erhalten blieb. Ein Holzkreuz erinnert an die Toten, die in diesem DDR-Grenzabschnitt ums Leben kamen. Koch-Klaucke

Die Mauer am Griebnitzsee: Ein Holzkreuz erinnert an 17 Tote

Auf einer Tafel am Holzkreuz stehen die Namen von 17 Frauen und Männern, die in diesem Bereich der einstigen DDR-Mauer, zwischen Teltowkanal und der Havel, ihr Leben verloren. Von drei  Männern, die in der Nähe des Griebnitzsees starben, erinnern Stelen am Wegesrand.

Es wird die Geschichte von Peter Böhme und Jörgen Schmidtchen erzählt. Wie der 20-jährige Offiziersschüler Böhme am 18. April 1962 mit einem Kameraden versuchte, über die Bahngleise des nahen Bahnhofes Griebnitzsee in den West-Berliner Ortsteil Wannsee zu fliehen. Dabei stießen sie auf eine Grenzpatrouilliere. Es kam zum Schusswechsel, bei dem Böhme den 21-jährigen Grenzpolizisten Jörgen Schmidtchen erschoss, bevor er selber von Kugeln tödlich getroffen wurde. Böhmes Kamerad gelang die Flucht.

Diese Stelen erinnern an die Mauer-Opfer Peter Böhme (ohne Foto), Jörgen Schmidtchen und Willi Marzahn (v. l.). Koch-Klaucke

An einer Stele wird an den Soldaten Willi Marzahn erinnert. Der 22-Jährige wollte in der Nacht zum 19. März 1966 mit einem Freund in den Westen fliehen. Im Grenzgebiet kam es zum Schusswechsel mit DDR-Grenzern. Während der Freund West-Berliner Gebiet erreichte, fand man Marzahn schwerverletzt mit einem Kopfschuss an einer Sperre. Dort starb der junge Mann. Ungeklärt ist bis heute, ob Marzahn erschossen wurde oder Selbstmord beging, wie die Stasi behauptete.

Die Betonwand und die Stelen mit den Toten am Griebnitzsee mahnen uns, dass so etwas nie wieder passieren darf. Und doch haben unweit der Gedenkstätte Villenbesitzer 60 Jahre nach dem Mauerbau neue Grenzen aus Hecken gezogen, die auf dem Uferweg den Spaziergängern den weiteren Durchgang versperren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Villenbesitzer haben am Griebnitzsee heute eine neue Mauer aus meterhohen Hecken gezogen, die den weiteren Durchgang auf dem Uferweg für Spaziergänger versperrt. Koch-Klaucke

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
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