Morgenspaziergang. Foto: Karsten Zeidler

Es ist 5 Uhr 30 und noch dunkel. Es nieselt. Auf meinem Weg zur Arbeit gehe ich ein Stück durchs Wuhletal. Schon seit einigen Jahren ist das so. Eilig geht es morgens ins Büro, noch eiliger nach Hause und immer durchs Wuhletal. Nie war das Wuhletal für mich etwas Besonderes, auch nicht im Frühling und Sommer. Dinge, die man täglich sieht, sind selten aufregend. Irgendwann machte ich einen kleinen Umweg, später wurden die Umwege länger und ich hatte eine Kamera dabei. Plötzlich fand ich es spannend, bunte Blätter, die im Wasser treiben, zu fotografieren. Und ich war verblüfft, dass das Wuhletal eben keine langweilige Grünfläche ist, auf der es nichts zu sehen gibt.

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Ich fotografiere gern und häufig, bis dahin aber meistens im Urlaub: Norwegen, Schweden, Island. Immer sollten die Fotos spektakulär sein. Nun begann sich das zu ändern. Aber erst mal folgte ein trüber, langer Winter ohne spannende Motive. Der nächste Frühling kam. Die Wiesen um den S-Bahnhof Wuhletal sind um diese Zeit häufig in Knallgelb getaucht: im April vom Löwenzahn, im Mai vom Hahnenfuß. Ganz in der Nähe, am Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus, blühen dann vielleicht gerade Obstbäume, die dort kleine Alleen bilden. Eine Allee aus hoch gewachsenen Zierkirschen gibt es direkt auf dem Gelände des Krankenhauses, zur Blütezeit ein echter Hingucker. Als Großstädter hatte ich immer das Gefühl, vom Wechsel der Jahreszeiten wenig mitzubekommen. Mit meinen Streifzügen änderte sich das. Irgendwann hatte ich Lust auf mehr und machte Ausflüge an Wochenenden.

Das Wuhletal ist durch eiszeitliches Schmelzwasser entstanden

Ich begann, mir Karten und Pläne anzusehen, las Reportagen und Berichte. Das Wuhletal ist durch eiszeitliches Schmelzwasser entstanden, das eine breite flache Rinne ausgespült hat. Wenn man mit Auto, Bus oder U-Bahn durch das Wuhletal fährt, wird kaum jemandem bewusst sein, dass man gerade ein „Tal“ gequert hat. Bestenfalls zu Fuß oder per Rad wird man bemerken, dass es zunächst hinunter und auf der anderen Seite hinauf geht. Noch Anfang der 80er-Jahre gab es rings um das Wuhletal vor allem Landwirtschaft. Es ist eine unwirklich scheinende Vorstellung, dass dort, wo heute vielstöckige Neubauten stehen, vor wenigen Jahrzehnten Schafe ihr Gras mümmelten und nebenan Getreide wuchs.

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Mit dem Bau der Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf in den 80er-Jahren war diese Zeit zu Ende. Heute liegt das Wuhletal mitten in Berlin, wenn auch nicht im Stadtzentrum. Der Beginn der Bauarbeiten war sicher eine Zeit der Konflikte. Wo der Mensch direkt auf die Natur trifft, geht es selten harmonisch zu. Seltene Arten wie Kiebitz, Rebhuhn und Weißstorch sind seitdem aus dem Wuhletal verschwunden. Inzwischen sind aber neue Lebensräume entstanden und so manche andere geschützte Art ist aufgetaucht. Ein Beispiel dafür ist der Biber. Die in Deutschland allmählich seltener gewordenen Feldhasen laufen einem hier noch recht häufig über den Weg.

Daneben sind immer wieder weniger seltene Arten zu sehen wie Füchse, Graureiher und Rehe. Schottische Hochlandrinder grasen im nördlichen Wuhletal auf mehreren eingezäunten Flächen. Den urig aussehenden zottigen Tieren mit ihren ausladenden Hörnern ist es egal, dass sie hier Landschaftspflege betreiben. Sie verhindern, dass Sträucher Wiesen überwuchern und dadurch die für Wiesen typischen Pflanzen und Tiere verdrängen.

Das Wuhletal ist ein natürlicher Ventilator für die Siedlungsflächen

Das Wuhletal ist heute auch wichtig für das Stadtklima im Osten Berlins. An den Hängen der Ahrensfelder Berge und des Kienbergs kühlt sich die Luft in warmen Sommernächten stärker ab als die dicht bebaute Umgebung. Es entsteht eine ausgleichende Luftbewegung, ein natürlicher Ventilator für die aufgeheizten Siedlungsflächen. Für die vielen Tausend Anwohner ist das Tal vor allem als Erholungsfläche wichtig. Ein kleines Stück großstädtische Wildnis ist nur wenige Gehminuten entfernt. Anfang der 2000er-Jahre wurde der etwa 15 km lange Wuhletalwanderweg angelegt, der längs der Wuhle verläuft. Es ist aber mehr möglich als Wandern nur in zwei Richtungen auf ein und demselben Weg. Da das Tal im nördlichen und mittleren Teil recht breit ist, gibt es diverse andere Wege und häufig auch die Möglichkeit, auf die andere Seite des Gewässers zu wechseln.

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Im Wuhletal gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Sport zu treiben oder einfach den Kreislauf etwas anzukurbeln. Schon morgens trifft man Spaziergänger (mit und ohne Hund), Jogger, Radfahrer. Zwischen der B1 und der Heerstraße gibt es einen Skatepark und eine Kraftsportanlage. Der „Wuhletalwächter“ machts möglich: an einem 15,5 Meter hohen Kletterturm aus Beton kann geklettert werden. Hier hat die Berliner Sektion des Deutschen Alpenvereins ein Domizil. Nicht direkt alpin, aber immerhin hügelig ist stellenweise der Rand des Wuhletales. Entlang der Wuhle gibt es mehrere Berge: die Ahrensfelder Berge, den Kienberg und die Biesdorfer Höhe.

Sonnenaufgang in der Nähe der „Gärten der Welt“. Foto: Karsten Zeidler

Ursprünglich waren das nur unscheinbare Bodenerhebungen, die in der letzten Eiszeit entstanden sind. Während des Baus der Plattenbausiedlungen fielen jede Menge Bauschutt und nicht brauchbarer Boden an. Durch deren Aufschüttung machten die bis dahin deutlich kleineren Erhebungen Karriere als „Berge“. Im Norden, dicht an der Grenze zu Brandenburg, sind das die Ahrensfelder Berge, die durch die Aufschüttung bis zu 114,5 Meter ihre frühere Höhe fast verdoppelt haben. Sie stehen damit im Ranking der höchsten Berliner Bodenerhebungen auf Rang vier.

In den 80ern hatte man anderes im Sinn, aber: Nur wenig mehr als sechs Meter mehr Aufschüttung hätten für den Titel „Champion der Berliner Berge“ gereicht. Noch in den Wintern der 80er-Jahren rodelten Kinder an den Hängen der Ahrensfelder Berge. Das geht heute nicht mehr, denn abgesehen vom Mangel an Schnee und Kälte ist inzwischen ein Dickicht aus Bäumen und Sträuchern herangewachsen. Von den Gipfeln allerdings hat man freie Sicht. Es lohnt sich, an einem klaren Morgen dort hinaufzukraxeln und kurz vor Sonnenaufgang oben anzukommen. Der Rundblick ist grandios, nicht nur für an eher flaches Gelände gewöhnte Berliner. Die im Osten aufgehende Sonne taucht den Berliner Stadtrand in ein weiches Licht.

Nach Osten geht der Blick weit ins Land Brandenburg hinein

Direkt unterhalb der Berge erstreckt sich Marzahn, in Richtung Westen muss man den Fernsehturm nicht lange suchen. Im Süden sind die Rüdersdorfer Kalkwerke zu erkennen. Nach Osten geht der Blick weit ins Land Brandenburg hinein. Weiter im Süden fließt die Wuhle dicht am Gelände der Gärten der Welt vorbei. Spätestens seit der Internationalen Gartenausstellung 2017 dürften die Gärten nicht nur in Berlin bekannt sein. Auch außerhalb des parkartigen Geländes ist diese Gegend des Wuhletales besonders interessant. In Richtung Osten gibt es den Wuhlesteg. Eigentlich ist der Begriff ein klassisches Beispiel für Untertreibung. Der langgestreckte, rund 300 Meter lange Steg quert hoch über dem Erdboden das Tal. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf den Wuhleteich, Wiesen, Baumgruppen und die ferne Hellersdorfer Wohnbebauung. Bei einer Tour im Spätsommer und Herbst sieht man hier häufig Morgennebel, der zusammen mit Graureihern, Rehen und auf den Wiesen grasenden Pferden eine geheimnisvolle Szenerie bietet. Frühes Aufstehen kann sich also lohnen.

Südlich der B1 muss sich die Wuhle mehr und mehr zwischen der Bebauung hindurchzwängen, die immer weniger Platz für Grün lässt. Glücklicherweise sind es nur locker stehende Einfamilien- und Reihenhäuser. Raum für Wiesen, Bäume und Sträucher längs der Wuhle bleibt auch hier. Nahe dem Stadion des 1. FC Union An der alten Försterei wird mir klar, wo das Wasser der Wuhle schließlich landet: hier mündet die Wuhle in die Spree, diese wiederum in die Havel. Dann folgt die Elbe und bei Hamburg ist die Nordsee so gut wie erreicht. Es ist eine schöne Gegend, die wir da vor der Haustür haben. Es ist keine wilde Küste, keine wild gezackte Berglandschaft, aber gut zu erreichen. Und schöner als (von mir) vermutet. Es ist gut, sich daran zu erinnern. Nur für den Fall, dass es mal wieder mal kalt und dunkel ist, dazu nieselt und ich auch noch zur Arbeit muss.

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