Uschi mit Tanzpartner Erhard auf dem Parkett der Tanzschule Keller. Er hat die 92-Jährige fest im Griff. Foto: Berliner Kurier/Sabine Gudath

Diese Seniorin fegt wie ein junges Mädchen über das Parkett und tanzt ihre 92 Jahre einfach weg. Ursula Ramsthal, genannt Uschi, hat unendlich viel Ausdauer. Zwei Mal pro Woche besucht sie in der Tanzschule Keller in Friedenau den Tanzkurs für Ü60-Jährige. Gestern Vormittag bat sie der KURIER zum Walzer.

Darf ich bitten? Uschi strahlt über das ganze Gesicht, als Erhard (79) sie auffordert. Sie tanzen einen Walzer zum Song von DJ Bobo. „Meine Tanzpartner sind alle jünger. Die meisten könnten meine Kinder sein“, sagt sie, während sie sich anmutig mit Erhard auf dem glatten Parkett dreht. Das hohe Alter sieht man ihr erstaunlicherweise nicht an. Uschi trägt ihre weißen Haare zu einem flotten Pagenkopf, hat nur wenige Falten im Gesicht. „Das sind die guten Gene meiner Mutter und Großmutter“, verrät sie.

Schon als junges Mädchen tanzte Uschi gern

Aber auch Bewegung und Lebenslust beim Tanzen helfen, den Altersprozess hinaus zu zögern, weiß die pensionierte Lehrerin für Russisch und Mathematik. Ihre Leidenschaft für Standardtänze begann schon als junges Mädchen. „Während des Zweiten Weltkriegs gab es zwar keine Tanzschulen, aber wir hatten uns immer in verschiedenen Wohnzimmern in der Nachbarschaft zum Tanzen verabredet“, erinnert sie sich.

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Später ging sie am Wochenende im Friedrichstadt-Palast tanzen und traf dort auf den jungen Kunstmaler Heinrich aus Hamburg. Er habe ihr einen Sekt ausgegeben und sie später mit seinem Auto nach Hause gefahren. Heinrich wurde nicht nur ihr fester Tanzpartner, sondern auch ihr Ehemann. 1962 hielt er um ihre Hand an. „Er sah super aus und hat so gut geküsst. Ich war so wahnsinnig verliebt in ihn und habe bis heute nicht verstanden, dass er sich für mich entschieden hat, denn er konnte an jeder Hand zig Frauen haben“, schwärmt sie auch 58 Jahre später noch.

Zwischen zwei Männern: Uschi ist mit 92 Jahren mit Abstand die Älteste im Tanzkurs. Aufhören möchte sie aber nicht. Foto: Berliner Kurier/Sabine Gudath

Mit Heinrich tanzte sie 45 Jahre lang gemeinsam durchs Leben. Doch 2003 wurde ihr Glück getrübt. Bei ihm wurde ein Hirntumor diagnostiziert. Zweieinhalb Jahre lang pflegte Uschi ihren Heinrich bis zu seinem Tod. „Das forderte meine ganze Kraft, aber ich hätte es niemals übers Herz gebracht, ihn in ein Heim zu geben“, sagt sie. Zeit für ihr Hobby habe sie auch nicht mehr gehabt.

Vor 12 Jahren kam Uschi als 80-Jährige zum ersten Mal in die Tanzschule Keller. Ihr Cousin habe sie mit in den Ü60-Tanzkurs genommen. Er selbst sei dann plötzlich auch sehr schwer krank geworden und ist nun halbseitig gelähmt. Sie habe danach viele wechselnde Tanzpartner gehabt. „Ich habe ganz schön viele Männer verschlissen“, sagt die Dame und lacht verschmitzt.

Uschi lässt sich nicht unterkriegen

Vor einer Woche hat Uschi ihren 92. Geburtstag gefeiert. Inzwischen sei das Herren-Angebot etwas gesunken. „Ein Herr, der sehr gern mit mir getanzt hat, hat mir kürzlich gesagt, dass er sich eine jüngere und schlankere Tanzpartnerin wünscht“, sagt sie enttäuscht.

Doch Uschi ist keine Frau, die sich von den Widrigkeiten des Lebens so leicht unterkriegen lässt. „Ich versuche trotz allem fröhlich zu bleiben und positiv zu denken“, sagt sie. Vor zwei Jahren sei sie sogar mit einem angebrochenen Knie zu Verwandten nach Costa Rica geflogen und dort in die Wellen gesprungen. Wie lange sie noch tanzen will? „Wenigstens noch bis 95“, hofft sie. Walzer ist einfach ihr Leben.