Das Baugerüst steht noch, aber endlich können Luft und Licht durch die Fenster dringen. Volkmar Otto

Nach über 160 Tagen treffen die Sonnenstrahlen wieder ungefiltert in den Wohnungen der Mieter in der Torstraße 39 ein. Aufatmen. Denn monatelang hatten sie hier hinter einem großen Werbeplakat zubringen müssen. Tagsüber war es in den Wohnungen so dunkel, dass die Pflanzen eingingen und nachts wegen der Scheinwerfer, die das Plakat beleuchteten, taghell.

Jetzt haben die Mieter und der Bezirk endlich erwirkt, dass die Plane entfernt wurde. „Es fühlt sich nicht an wie ein Sieg“, sagt eine Bewohnerin, alle seien einfach nur erleichtert. Zwei Gerichtsanordnungen habe der Hauseigentümer ausgesessen, bis er endlich einlenkte.

Zuvor war das Haus monatelang  verhüllt. Bernd Friedel

Doch anderswo in der Stadt hängen weiter gigantische Banner und machen die Menschen dahinter krank. „Werbebanner an Mietshäusern sind ein häufiges Phänomen, das über die letzten Jahre zugenommen hat“, sagt Sebastian Bartels, stellvertretender Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Baugerüste stünden wegen Bauverzögerungen oft lange. Ein zwei Jahre seien keine Seltenheit. „Das hat zur Folge, dass die Eigentümer einen gewissen Verwertungsdruck haben. Man kann davon ausgehen, dass etwaige Bußgelder wegen einer Ordnungswidrigkeit deutlich niedriger ist als die Einnahmen durch Werbetransparente.“

Ein großer Missstand sei es außerdem, dass das Baurecht nicht drittschützend sei, sagt Sebastian Bartels. Das heißt, eine Formulierung zum Schutz von Menschen fehlt. „Sie sollte dringend eingebaut werden“, so Sebastian Bartels. Dann wären Schritte gegen die oft ohne Genehmigung aufgestellte Werbung nicht so zäh.

Im Falle der Torstraße haben Mieterproteste bei der Sitzung der Bezirksverordneten in Mitte, unzählige Briefe, eine Anfrage der Grünen und ein Antrag der Linke, das Zulassungsverfahren für solcherart Werbung künftig deutlich besser zu prüfen, das Thema wieder in den Fokus der Bezirkspolitik gerückt. Das hoffen jedenfalls die Mieter. Für alle ihre Leidensgenossen, die weiter hinter Planen ihren Alltag verbringen müssen.