Zwei der Berliner Geheimnisse: Ein Messing-Hase, eingelassen in die Chausseestraße – und das Berliner Buchstabenmuseum. Foto: Jonglez Verlag

Die Berliner sind stolz auf ihre Stadt – und kennen ihre eigenen Kieze bis in den kleinsten Winkel. Ist das wirklich so? Ein neues Buch soll zeigen: Es gibt in unserer schönen Stadt auch Orte und Details, die selbst eingefleischten Hauptstädtern noch nichts sagen dürften. „Verborgenes Berlin“ versammelt Geschichten, bei denen angeblich auch echte „Ickes“ noch etwas lernen können.

Tausende Menschen ziehen täglich über die Berliner Chausseestraße – doch nur sehr wenige bemerken die seltsamen Messing-Silhouetten, die hier an verschiedenen Stellen in den Boden eingelassen sind: Es sind Metallplatten in Form von Kaninchen, die sich im Asphalt entdecken lassen. Wer sie entdeckt, der staunt. Und fragt sich: Was soll das? Für alle, die es bisher nicht wussten: Aufgepasst! Ein Mahnmal ist es, das hier erinnern soll an die Geschichte der Kaninchen, die zur Zeit der Teilung in Frieden auf dem Todesstreifen lebten. Doch weil sie sich immer mehr vermehrten, soll es irgendwann sogar einen Schießbefehl gegen die Häschen gegeben haben. Das Denkmal „Kaninchenfeld“ von Karla Sachse erinnert noch heute an diese Geschichte.

Im Berliner Buchstabenmuseum werden alte Reklamebuchstaben gesammelt. Die Ausstellung im Stadtbahnbogen 424, 10557 Berlin, ist die erste dieser Art. Foto: Jonglez Verlag

Unzählige solcher kleinen Fundstücke gibt es in Berlin – Ecken, die selbst viele eingefleischte Berliner noch nicht kennen dürften. Der Autor Tom Wolf hat sie nun in einem Buch versammelt. Ein Projekt, das die Entdeckerlust fördern soll. „Wenn man immer wieder auf unscheinbare Spuren hingewiesen wird, schärft sich der Blick und man entdeckt selbst auch ohne Anleitung immer mehr, wo man zuvor eigentlich nichts wahrgenommen hat“, sagt Wolf dem KURIER. „Man verstehe es als Training der Aufmerksamkeit und der Neugier – im guten Sinne.“

Tom Wolf hat den Stadtführer der Berliner Geheimnisse geschrieben. Foto: privat

Bücher wie „Verborgenes Berlin“ (Jonglez Verlag, 19,95 Euro) schrieb er bereits über Potsdam, Frankfurt am Main und Brandenburg. „Die Idee war dort wie hier die gleiche: den Einwohnern ihre Stadt (oder ihr Land) aus ungewöhnlichem Blickwinkel interessant zu präsentieren und Themen anzuschlagen, die man nicht vermutet.“

Die Glasfenster der Kirche am Hohenzollernplatz lassen einen einzigartigen Lichteffekt entstehen. Foto: Jonglez Verlag

Es sind Fundstücke wie dieses! Eine der Geschichten befasst sich mit dem Plattenbau in der Memhardstraße 2 bis 8. An einer sonst fensterlosen Fassade im 8. Stock des Hauses befindet sich ein einzelnes Fenster. Verschiedenen Überlieferungen zufolge soll es sich bei der Wohnung dahinter – je nach Version – um die von Erich Honeckers oder Erich Mielkes Tochter gehandelt haben. Sie habe sich „kraft ihrer Abstammung in ihrem ansonsten fensterlosen Badezimmer dieses luxuriöse Lichtloch einbauen lassen“, schreibt Wolf im Buch.

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Ebenfalls oft unbemerkt bleibt die Porzellan-Skulptur des Froschkönig, der am U-Bahnhof Prinzenstraße sitzt – wie passend. Die Figur wurde gefertigt von der Königlichen Porzellan-Manufaktur, 1902 aufgestellt, mehrfach gestohlen, erneuert, zwischenzeitlich abgebaut und nach Protesten wieder an Ort und Stelle gebracht.

In der Chausseestraße tummeln sich Messing-Kaninchen. Foto: Jonglez Verlag

Für die Sammlung wälzte Wolf Bücher, Magazine, Zeitungsartikel, Blogs. „Bis auf ein paar wenige Orte sind das freilich bekannte Dinge“, sagt er. „Es ist nur die Frage, wie bekannt oder wie unbekannt etwas ist. Wie viele Berliner oder wie viele Berlinbesucher kennen dies oder das noch nicht?“ Oder wussten Sie, dass in der Reichenberger Straße unter anderem Hufeisen und Schienen in das Straßenpflaster eingelassen sind, die daran erinnern, dass hier früher eine Pferdeeisenbahn fuhr?

An der Fassade des Hauses Memhardstraße 2 gibt es ein einzelnes Fenster. Dahinter wohnte angeblich die Tochter von Erich Honecker. Foto: Sabine Gudath

Dass Berlin ein „Buchstabenmuseum“ hat? Oder dass unter der S-Bahn-Brücke in der Leibnizstraße in einem Brückenpfeiler Einschusslöcher aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden sind? Wolfs Lieblingsfund liegt allerdings im Grunewald. „Die Überreste der Skisprungschanze und eines Nazi-Telefon-Bunkerstollens am Teufelsberg haben mich überrascht, weil es mich immer schon begeistert, fast vergessene Bodendenkmäler im Gelände zu finden“, sagt er. „Etwas erst auf Bildern zu sehen und dann im Unterholz zu finden, ist wie Schatzsuchen.“