Eltern im Wrangelkiez beklagen die Verwahrlosung der Spielplätze. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Als Laura und Tom ein Kind bekamen, dachten sie, dass sie eine gute Vorstellung davon hätten, worauf sie sich einließen: Sie sind beide in Berlin geboren, Laura ist in Kreuzberg aufgewachsen. Sie wussten also, dass das Rattern der Hochbahn an der Skalitzer Straße, das Heulen der Sirenen am Schlesischen Tor der Soundtrack im Alltag ihres Kindes sein würde, dass es hier Armut sehen würde und Menschen, die anders sind. „Aber wir waren nicht darauf vorbereitet, unser Kind mit drei Jahren auf HIV testen zu lassen“, sagt Tom.

Seit einem halben Jahr ist einiges von dem erschüttert, was Laura und Tom in ihrem Leben für Gewissheiten hielten.

Kreuzberg im Februar. Es war ein kalter Tag, daran erinnert sich Laura noch, morgens hatte sie ihrem Sohn einen Schneeanzug angezogen, sie gab ihn im Kinderladen ab und fuhr zur Arbeit. Ein ganz normaler Tag. Dann kam der Anruf, mit dem für Laura, Tom und ihren dreijährigen Sohn eine Odyssee  begann, die bis heute nicht zu Ende ist: Das Kind hatte auf dem Spielplatz im Görlitzer Park eine Spritze aufgesammelt und sich daran gestochen.

Vierzehn Stunden in der Notaufnahme

Vierzehn Stunden verbrachten sie in der Notaufnahme. Zwölfmal wurde dem Kind Blut abgenommen. Am Ende erklärte eine Infektiologin, dass es unwahrscheinlich sei, dass ihr Kind sich mit einer Krankheit angesteckt habe. Mehr Sicherheit konnte sie ihnen nicht geben. Die Erzieherin hatte zwar geistesgegenwärtig die Spritze eingesteckt, aber die Nadel weggeworfen. Ob daran Blutreste waren, ob diese getrocknet oder noch frisch waren, ließ sich nicht mehr feststellen.

„Es war der Horror“, sagt Laura. Den ersten HIV-Test machten sie nach sechs Wochen, dann einen zweiten. Beide waren negativ. Erst ein dritter Test wird das Ergebnis endgültig bestätigen.

Laut und dreckig war es im Wrangelkiez schon immer. Foto: Berliner KURIER/Christian Schulz

Es ist ein warmer Nachmittag im Herbst, Laura und Tom sitzen in einem Café auf der Falckensteinstraße, die zwischen Görlitzer Park und Oberbaumbrücke verläuft. Während sie erzählen, flaniert das Straßentheater vorbei: Obdachlose, die abgegriffene Heftchen verkaufen, Schwarze mit Boombox, Hare Krishnas, Väter mit Kinderwagen und Coolkids in Buffalos.

Laura zündet sich eine Zigarette an, sitzt kerzengerade da. Ob ihr Sohn sich mit Hepatitis C infiziert hat, dafür gibt es keinen Test, das wissen sie erst, wenn er erwachsen ist und daran erkranken sollte. „Damit müssen wir jetzt leben“, sagt sie. Laura und Tom sind nicht ihre richtigen Namen, ihr Sohn soll kein Stigma tragen, deshalb haben sie darum gebeten, anonym zu bleiben. „Das Schlimmste ist das Gefühl, dass das eigene Kind hier nicht mehr sicher ist.“

Wie sollen wir als Familie denn all die Probleme hier im Wrangelkiez tragen?

Tom, Vater im Wrangelkiez

Eine Zeit lang, sagt Laura, war sie wütend, wenn sie auf der Straße jemanden sah, der Drogen nahm. „Meine Empathie war ziemlich angekratzt.“ Dann verwandelte sich ihre Wut in den Wunsch, etwas zu tun. „Wer ist denn eigentlich dafür zuständig, dass das, was meinem Kind passiert ist, nicht wieder passieren kann? Warum sind die Spielplätze so verwahrlost?“

Sie schrieb eine Mail an die Bezirksbürgermeisterin. Und bekam keine Antwort. „Wir haben uns allein gelassen gefühlt“, sagt Tom. „Wie sollen wir als Familie denn all die Probleme hier im Wrangelkiez tragen?“

60 Prozent der Bewohner im Wrangelkiez haben einen Migrationshintergrund

Der Wrangelkiez, dieses kleine Karree zwischen Schlesischem Tor und Görlitzer Bahnhof,  ist eine der bevölkerungsreichsten Gegenden Berlins. Hier leben siebenmal so viele Menschen pro Quadratkilometer wie im Berliner Durchschnitt. Sie sind jünger als der Durchschnitt und öfter arbeitslos. Über 60 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund – von der türkischen Familie, die hier seit drei Generationen lebt, bis zum Programmierer aus England, der am anderen Spreeufer arbeitet. Dazu noch so viele Touristen, dass die Bezirksbürgermeisterin schon mal erwog, Rollkoffer zu verbieten. Die Mieten im Wrangelkiez haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

In so einem Kiez erscheint die Großstadt wie unter einem Brennglas.

Das ganze Land zeigt gerne mit dem Finger auf diesen kleinen Teil des eh schon so verruchten Berlins. Sehr oft geht es dann um den Görlitzer Park, der schon lange als Chiffre für das Versagen der Behörden gilt. Weil hier offen mit Drogen gedealt wird und sich daran seit Jahren nichts ändert. Der einstige Innensenator und Hardliner Frank Henkel von der CDU scheiterte hier genauso wie die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann, die gerne legale Coffeeshops eröffnet hätte.

Bisher waren es meistens die anderen, die mal wieder die Nase rümpften über dieses gallische Dorf namens Kreuzberg, denn bisher war es immer so: Das Zusammenleben im Wrangelkiez funktionierte, weil es eine Art Gleichgewicht gab – laut und dreckig war es hier immer schon, und manchmal drehte einer durch, aber meistens gelang es den Bewohnern, sich damit zu arrangieren. Mit einer romantischen Vorstellung von Vielfalt hatte das nichts zu tun, eher mit gut eingeübtem Gleichmut. Das funktionierte, weil der Stress des Großstadtlebens für alle noch irgendwie aushaltbar war.

Aber irgendwann kam der Punkt, an dem es kippte.

Kitagruppen dürfen im Wrangelkiez nicht mehr in den Park

Vielleicht war dieser Punkt Mitte September erreicht. Da schlug der staatliche Kitaträger Kindergärten City Alarm. Ein vierjähriges Mädchen, das eine der Kitas im Kiez besucht, hatte auf einem Spielplatz im Görlitzer Park einen Löffel gefunden, der offensichtlich Teil eines Spritzbestecks war, hatte ihn in den Mund genommen und eingesteckt. Seitdem dürfen die Kitagruppen nicht mehr in den Park. Der Träger will seinen Erzieherinnen die Verantwortung, zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert, nicht zumuten.

Wenn Kinder nicht mehr auf die Spielplätze können, läuft irgendwas gewaltig schief.

Laura und Tom wussten da schon, dass sie nicht die einzigen Eltern im Kiez waren, die sich um die Sicherheit ihrer Kinder sorgten. Der Wrangelkiez ist wie ein Dorf, wo jeder jeden kennt. Laura hatte in einer Nachbarschaftsgruppe bei Facebook darüber geschrieben, was ihrem Kind passiert war. Danach hatte sie viele Nachrichten bekommen.

Eltern im Kiez berichten von Menschen, die Drogen in Treppenhäusern nehmen und manchmal auch mitten auf dem Bürgersteig, direkt vor einer Kita; von Spritzen, die in Kinderwägen entsorgt werden und verrußter Alufolie auf den öffentlichen Toiletten im Park. Auf Facebook posten sie Bilder von Kanülen in der Sandkiste. Ein Kind hatte auf einem Spielplatz ein Tütchen mit einer Ecstasy-Pille gefunden, rosafarben, mit Hello-Kitty-Motiv drauf.

Sicherheit ist ein Gefühl. Man kann versuchen, es mit Zahlen zu fassen: In den vergangenen zwei Jahren ist die Kriminalität rund um das Schlesische Tor angestiegen. Rund 1100 Straftaten erfasste die Polizei im Jahr 2017. Zwei Jahre später waren es dann 1559, das ist ein Anstieg um 40 Prozent. Zugenommen haben insbesondere Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und gegen das Asylgesetz, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die Polizei die Dealer im Kiez verstärkt kontrolliert. Aussagekräftiger, wenn es um das Sicherheitsempfinden geht, sind die Zahlen zu Raub, Nötigung und schwerer Körperverletzung: Sie haben sich fast verdoppelt.

Polizei hat ihre Präsenz im Wrangelkiez massiv erhöht

Die Polizei hat ihre Präsenz im Park und im Kiez massiv erhöht, es gibt jetzt eine personalstarke Brennpunkteinheit bei der Direktion City, die Beamten sind viermal so viele Stunden im Wrangelkiez im Einsatz wie vorher. „So viel Polizei gab es hier noch nie“, sagt Stefan Kranich, Leiter des zuständigen Abschnitts 53. Die Beamten tragen gelbe Westen, sprechen Menschen direkt an. Ihre Strategie ist es, den Dealern das Leben schwer zu machen.

Im Mai erklärte die Polizei den Kiez zum „kriminalitätsbelasteten Ort“ – wie den Görlitzer Park, das Kottbusser Tor, das RAW-Gelände in Friedrichshain. Die Polizei darf jetzt jeden im Kiez kontrollieren, ohne dass es dafür einen konkreten Verdacht braucht, es reicht, wenn sich jemand auffällig verhält. „Es gab in diesem Jahr mehr als doppelt so viele Kontrollen wie im letzten“, sagt Kranich.

Seitdem ist die Zahl der Straftaten zurückgegangen, nicht nur für die Zeit des Lockdowns: Laut polizeilicher Statistik ist es so sicher im Kiez wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Das sind soziale Probleme, die löst man nicht mit einem Polizeieinsatz.

Stefan Kranich, Leiter Abschnitt 53

Die Unsicherheit, der Stress, den die Menschen, die hier leben, empfinden, hat also weniger mit Kriminalität zu tun. Vor kurzem war Stefan Kranich zu Besuch beim Wrangelkiezrat. Anwohner hätten dort über die Verwahrlosung im Kiez geklagt, über den Müll auf den Straßen, über die Obdachlosen, die Drogenabhängigen. „Das Elend, das sie dort sehen, ist erschütternd“, sagt Kranich. „Aber das sind soziale Probleme, die löst man nicht mit einem Polizeieinsatz.“

Oft seien es ja gerade die Menschen auf der Straße, die Opfer von Straftaten werden. „Wir sind auch die Polizei von Obdachlosen und Junkies, die sind sehr schutzbedürftig, das darf man nicht vergessen.“ Gerade wenn sie so sichtbar sind wie im Wrangelkiez.

Juri Schaffranek ist seit 35 Jahren Streetworker, er arbeitet für Gangway und ist mehrmals in der Woche im Görlitzer Park. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

„Während des Lockdowns hat sich der Drogenkonsum in den Park und in den Kiez verlagert, er ist sichtbarer geworden“, sagt Juri Schaffranek. „Hier landen die Menschen, die sonst niemand haben will.“

Er sitzt auf einer Holzbank vor einem der alten Bahnhofsgebäude im Park, die Sonne scheint, auf der Wiese hat das Spielmobil Klettergeräte aus Holz aufgebaut. Ein paar Kinder turnen darauf herum. Es ist einer dieser Momente, in denen man versteht, warum es sich hier gut leben lässt.

Schaffranek ist Leiter der Streetworker bei Gangway, seit Mitte September nutzen sie die Räume drinnen für Beratungsgespräche. Gangway hat sechs Streetworker, die in zwei Teams aufsuchende Sozialarbeit machen, sie sind im gesamten Bezirk unterwegs, eines kümmert sich um Jugendliche, eines um Erwachsene.

Einrichtungen kümmern sich um Suchtpatienten

Es gibt in der Umgebung mehrere Einrichtungen, die sich um Suchtpatienten kümmern, erzählt er. Die „Ska“ in der Reichenberger Straße hat einen Druckraum, wo Drogen unter hygienisch sicheren Bedingungen konsumiert werden können, viermal in der Woche hält ein Drogenkonsummobil am Parkeingang. Mit Beginn des Lockdowns schlossen diese Einrichtungen. Mittlerweile haben sie zwar wieder geöffnet, aber um die Hygieneregelungen einhalten zu können, dürfen nur noch halb so viele Konsumenten rein wie vorher. Auch die Anlaufstellen, die sich um Obdachlose kümmern, haben ihre Kapazitäten reduziert.

Außerdem ist am Kottbusser Tor Baustelle. Die Drogenszene verschwindet nicht, sie verschiebt sich, zum Beispiel immer entlang der U-Bahnlinien: Richtung Prinzenstraße und Hallesches Tor, Richtung Görlitzer Bahnhof und Schlesisches Tor. Raus aus dem Park - rein in den Kiez. Das ist nichts Neues, das geht schon seit Jahren so.

Im Wrangelkiez trifft alles aufeinander: Obdachlosigkeit, Hipster, Touristen. Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

„Was uns im Moment Sorgen macht, ist, dass immer mehr Leute Crack nehmen“, sagt Schaffranek. Der Zugang werde dann schwer für die Streetworker, die Menschen seien kaum ansprechbar, wie Zombies, sagt er. Gleichzeitig steige die Nachfrage nach Heroin, manche nähmen beides, am Tag Crack, nachts, zum Schlafen, Heroin. „Der gesundheitliche Verfall geht dann irre schnell.“ Insbesondere, wenn der Konsum draußen stattfindet, ohne sterile Utensilien, hastig in Treppenhäusern oder im Gebüsch.

Ein paar Minuten dauert das High, sagt Schaffranek, gefolgt von einem Absturz und dem Druck, sofort neuen Stoff besorgen zu müssen. Fünf bis sieben Euro koste eine Dosis, ein kleiner Stein, genannt Rock, der in einer Pfeife geraucht wird. Um über den Tag zu kommen, brauche es bis zu zehn davon.

Warum schafft man keine legalen Arbeitsmöglichkeiten für die Menschen?

Juri Schaffranek, Streetworker

Gangway hat eine Mitarbeiterin, die sich um den Raum im Park kümmert: Nyima, eine zurückhaltende junge Frau. Sie stammt aus Gambia, was hilft, wenn das Team dienstags eine Runde durch den Park dreht, Kaffee und Tee verteilt. Nyima kann die Männer dann fragen, was sie brauchen, und für sie übersetzen. Die Antworten seien immer dieselben, sagt Nyima, als sie kurz nach draußen kommt: einen Job, eine Wohnung. Das eine bekommen sie nicht ohne das andere und sowieso meist beides nicht, weil sie nur geduldet sind.

„Warum schafft man keine legalen Arbeitsmöglichkeiten für die Menschen?“, sagt Juri Schaffranek. Das ist die Mauer, gegen die er immer wieder anrennt. Die Menschen sind hier, sie gehen nicht wieder weg, soll das heißen, also gebt ihnen eine Chance. Das Gleiche gilt aus seiner Sicht für die Drogen: Die Menschen nehmen sie, sie hören damit nicht auf, nur weil man es ihnen verbietet. Also sorgt für eine legale, kontrollierte Abgabe - selbstverständlich unter Maßgabe des Jugendschutzes.

Es ist die Logik eines Pragmatikers. Schaffranek ist seit 35 Jahren Streetworker, er weiß, was es mit Menschen macht, wenn man sie in die Illegalität schiebt: Es macht sie kaputt.

Spritzen auf der Rutschen - im Wrangelkiez keine Seltenheit

Und wer kaputt ist, dem ist alles egal. Der lässt seine Spritze auf der Rutsche liegen, wo sie ein Kind findet, das von all dem nichts weiß. Das vielleicht lernen kann, dass man Spritzen nicht anfasst, wie man Scherben nicht anfasst, dass aber immer noch ein Kind ist, auch wenn es in der Großstadt aufwächst, und deshalb in allererster Linie ein Recht auf Unversehrtheit hat.

Im August veranstaltete die Polizei einen Spaziergang durch den Kiez, „städtebauliche Kriminalitätsprävention“ nennt sich das, der Sozialstadtrat war dabei, die Bezirksbürgermeisterin. Poller wurden begutachtet, die eigentlich den Verkehr beruhigen sollen, jetzt aber Treffpunkte für alle geworden sind, die ihr Leben auf der Straße verbringen, die Bänke am Durchgang zwischen Cuvrystraße und Falckensteinstraße, wo Obdachlose campierten, direkt neben einem Spielplatz.

Auch Laura war dabei. Irgendwann verlor sie die Geduld: „Wie können Sie von Prävention reden, wenn Sie es nicht mal schaffen, einen Spielplatz sicher zu machen?“

Danach meldete sich endlich jemand vom Grünflächenamt. „Ich wollte ganz bestimmt nicht die Kinderlobbyistin vom Wrangelkiez werden“, sagt Laura. Aber irgendwie ist sie jetzt genau das. Mit den anderen Eltern hat sie eine Initiative gegründet, „Spielplatz in Not“ heißt sie. Sie haben jetzt ein klares Ziel. „Der Kiez ist voller Erwachsenenthemen, und klar wollen wir, dass es allen Menschen hier besser geht, solidarische Nachbarschaft ist uns wichtig“, sagt Laura, „aber hier leben auch Kinder, und die werden vergessen, die schützt niemand. Es muss Räume geben, die nur den Kindern gehören.“ Erst mal ein Problem lösen, statt alle auf einmal.

Anders geht es hier nicht. Das hat auch damit zu tun, wie die Berliner Verwaltung konstruiert ist, diese besondere Aufteilung zwischen Bezirk und Senat, die sich die Bälle hin- und herspielen können – ohne dass dabei etwas herauskommt.

Problematik im Wrangelkiez hat einen hohen Stellenwert in der Politik

Im Bezirk selbst wird das Ordnungsamt von der SPD verantwortet, das Grünflächenamt von den Grünen und das Soziale von der Linken. „Alles, was man tut, kann nur nachhaltig sein, wenn es koordiniert passiert“, sagt Knut Mildner-Spindler. Er ist der Sozialstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, er sitzt in seinem Büro im Altbau des Bezirksamts an der Yorckstraße. Er sagt, dass die Problematik im Wrangelkiez einen hohen Stellenwert in seinem Ressort habe. „Aber die Belastung ist flächendeckend.“ Viktoriapark, Hasenheide, Marheinekeplatz, Hallesches Tor, Kottbusser Tor. Wo drängt es am meisten? Welches Problem zuerst lösen?

Das ganze Elend hat eine gesellschaftliche Ursache.

Knut Mildner-Spindler, Sozialstadtrat

Neulich wurde er im Fernsehen zitiert: „Sichtbare Armut und Drogenabhängigkeit gehören zu einer Großstadt dazu.“ Als wäre das seine Antwort auf die Probleme. Danach saß Mildner-Spindler mit aufgeregten Anwohnern aus dem Wrangelkiez zusammen und musste das erklären. Dabei hatte er selbst den Satz so nicht gesagt. Er stammte aus einer Mitteilung der Suchthilfekoordination. „Natürlich ist das einseitig“, sagt er, „und zugleich ist es richtig.“ Eigentlich hat er also nichts gegen diesen Satz.

„Das ganze Elend hat ja eine gesellschaftliche Ursache. Das, was ich als Sozialstadtrat verantworte, ist ein System, das versucht, Hilfe zu organisieren, aber eine wirkliche Hilfe für die Menschen ist es doch nur, ihnen Wohnung, Auskommen und eine Sicherheit zu bieten, dass sie mit ihren Suchtproblemen langfristig fertig werden können.“ Mildner-Spindler  lässt Spritzenabwurfbehälter aufstellen, seinem Ordnungsamt kann man Spritzenfunde jetzt auch via App melden. Macht das die Menschen gesund? Nein, sagt er. „Ohne systematische Veränderung wird es das immer geben. Es gehört zu diesem System dazu, dass es Gewinner und Verlierer gibt.“

Nur kann der Wrangelkiez nicht auf das Ende des Kapitalismus warten. Es ist Oktober, es dauert nicht mehr lange, dann sinken die Temperaturen nachts unter fünf Grad. Die Kälte verlangt jedes Jahr von allen, die sich in der Stadt um Menschen auf der Straße kümmern, einen Kraftakt - in einem Winter mitten in einer Pandemie ist alles noch viel schwieriger.

Sabine Albrecht, Pfarrerin in der Taborkirche, kümmert sich als Seelsorgerin um Obdachlose im Wrangelkiez.
Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Pfarrerin Sabine Albrecht öffnet die schwere Kirchentür am Ende der Wrangelstraße und betritt den Vorraum. „Unsere Winterkirche“, sagt sie. Seit vergangener Woche übernachten hier jeden Dienstag Obdachlose, bekommen ein warmes Abendessen, medizinische Versorgung, Toiletten und einen Platz zum Schlafen. Sabine Albrecht ist in diesen Nächten als Seelsorgerin da. Mitte März, als der Lockdown verhängt wurde, mussten sie die Winterkirche von einen Tag auf den anderen abbrechen. „Alle, die wir kennen, leben zum Glück noch“, sagt sie. Jetzt haben sie ein Hygienekonzept, statt 40 können sie noch 30 Leute unterbringen, immerhin.

„Wir versuchen, als Kirche offen zu sein“, sagt sie. Trotzdem schließt sie die Tür jetzt hinter sich ab. Ihr Büro liegt am Ende des Kirchenschiffes, von dort aus kann sie nicht sehen, wenn einer reinkommt und die Toilette am Eingang benutzt. Sie hat nicht genügend Mitarbeiter, um ständig zu reinigen.

Leben auf der Straße ist hart - und seit Corona noch härter

Dass das Leben auf der Straße hart ist, das weiß Albrecht von den Menschen, die in der Taborkirche Obdach suchen. Dass es härter geworden ist seit Corona - auch das erzählen sie ihr: Weniger Touristen, weniger Nachtleben heißt weniger zum Betteln, weniger Pfandflaschen. Und die Pfarrerin sieht es auch. „Es sind mehr Menschen hier, deren Zustand ins Würdelose kippt“, sagt sie. „Viele Junge sind darunter, wo es einem richtig leid tut, wie schlecht es ihnen geht.“

Albrecht weiß auch nicht, wie man die Probleme lösen kann. Manchmal schlafen Menschen draußen unter dem Vordach des Kirchenportals, dann beschweren sich die Nachbarn aus dem Haus gegenüber. „Aber Verdrängung nützt doch nichts“, sagt sie. Sie steht auf, zieht eine Bibel aus dem Regal, schlägt zielsicher eine Seite auf, Matthäus Evangelium, Kapitel 25, Vers 45: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Neben der Taborkirche kümmert sich auch die Kirchengemeinde St. Marien Liebfrauen in der Wrangelstraße um Obdachlose.
Foto: Berliner KURIER/Volkmar Otto

Sie schlägt die Bibel wieder zu. „Was wir hier sehen, sind die Folgen der Politik“, sagt sie. Die meisten Probleme, soll das heißen, haben ihren Ursprung anderswo, sind Folgen der Asylgesetze, der Drogengesetze, der Sozialpolitik, der Mietenpolitik, der Gentrifizierung, der Touristifizierung. Abstrakte Begriffe, die niemand überblicken kann. Hier im Wrangelkiez bekommen sie ein Gesicht.

Die Schwarzen im Park - manche von ihnen verkaufen Drogen, manche nehmen selbst Drogen, gegen die Bilder von Krieg und Flucht im Kopf, manche schuften illegal in den schicken Restaurants in der Umgebung, für einen Euro die Stunde und einen Schlafplatz im Bierkeller.

Die Obdachlosen aus Polen, die vor dem Rewe in der Wrangelstraße abhängen, einige sind seit vielen Jahren hier, sie trinken dem Ende des Tages entgegen, denn anders hält man es auf der Straße kaum aus. Zum Arbeiten sind sie zu krank.

Partytouristen kotzen morgens in die Hauseingänge

Familien drängen sich in viel zu kleinen Wohnungen, deren Mieten ständig steigen; im Dachgeschoss wohnen die Neuen, die viel zu viel zu zahlen bereit waren für den frischsanierten Quadratmeter, da hätte man es dann auch gerne so hip und trendy, wie in der Maklerbroschüre versprochen.

Die Partytouristen, die nachts laut das Leben begrölen und morgens in den Hauseingang kotzen. Aufwischen müssen das andere.

Aber weil es ja zu Sabine Albrechts Job gehört, Hoffnung zu haben und zu geben, sagt sie am Ende noch: „Ich wünsche mir, dass der Wrangelkiez eine Art Experimentierfeld wird, wie man das alles lösen kann. Wie schön wäre es, wenn uns das hier gelänge.“

Es gibt Momente, da sieht es so aus, als wäre das mehr als Träumerei. Es ist ein Dienstag, vor dem Nachbarschaftszentrum Kiezanker36 ist ein Tisch aufgebaut, Listen liegen aus, knapp 50 Menschen aus dem Kiez haben sich angemeldet, wurden in Arbeitsgruppen eingeteilt: Sicherheit, Hygiene, Obdachlosigkeit, Kinder, Drogen. Laura und Tom sind da, die Pfarrerin, Juri Schaffranek leitet die Drogengruppe. Den ganzen Nachmittag werden Erfahrungen ausgetauscht, es wird diskutiert und zusammen nachgedacht. Wer braucht hier was? Was wollen wir eigentlich erreichen?

Keiner macht es sich leicht auf der Suche nach Antworten. Jedem ist klar, dass die Obdachlosen, die Drogenabhängigen, die Dealer nicht einfach so weggehen. Sie leben hier zusammen, aber es muss endlich wieder für alle erträglich sein.

Die Spielplätze zumindest werden jetzt öfter gereinigt, an den Eingängen hängen Schilder mit Öffnungszeiten, es gibt die Idee, dass Kitas eine Art Patenschaft für einen Spielplatz übernehmen. Tom und Laura haben mit den anderen Eltern Forderungen aufgestellt und sie als Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung eingereicht. Kleine Schritte, damit es wieder sicherer wird im Kiez, zumindest für die Kinder.