Die Zitadelle Spandau, 1594 fertiggestellt, war nie wirklich umkämpft. Sie wird vom 32 Meter hohen Juliusturm überragt, der vermutlich im frühen 13. Jahrhundert entstand und als ältestes Gebäude des heutigen Berlin gilt.  Foto: imago images/Jürgen Ritter.

Spandau hatte keine Lust. Die Industrie blühte auf, das prachtvolle Rathaus war gerade fertig, und plötzlich sollte die Stadt an der Havel Teil von Berlin werden. Doch das Murren half nichts: Am 27. April 1920 beschloss die Verfassungsgebende Preußische Landesversammlung mit knapper Mehrheit die Bildung von Groß-Berlin. Ein neuer Nackenschlag für Spandau, das sich seit Jahrhunderten von der benachbarten Hauptstadt untergebuttert gefühlt hatte. Noch heute gibt es Unterschiede zwischen Spandauern und Berlinern, sagt eine, die es wissen muss.

Dr. Urte Evert (45) leitet das Stadtgeschichtliche Museum in der Zitadelle und hat den Blick von außen: 2003 aus dem Münsterland nach Berlin gezogen, kann die Militärhistorikerin und Volkskundlerin Spandau und Berlin unparteiisch betrachten.

Dr. Urte Evert lehnt am Backstein-Mauerwerk der Zitadelle: Hier hat sie ihren Arbeitsplatz. Die Festung ist auch ihr Lieblingsort in Spandau. Foto: Volkmar Otto/Berliner Kurier

Eigentlich seien die Spandauer städtischer geprägt als die Berliner, findet Urte Evert. „Die Spandauer sehen sich als Bewohner ihrer eigenen kleinen Stadt, die Berliner sind eher ihrem dörflichen Kiez verbunden, obwohl sie sich als Großstädter darstellen.“

Spandauer berlinern mehr als die übrigen (West-)-Berliner, in der Altstadt gibt es mehr Begegnungen und mehr Gespräche als in anderen Einkaufsstraßen Berlins. Man kennt sich halt. Spandau ist auch stark ins westlich gelegene, havelländische Umland ausgerichtet: Wer von dort aus „in die Stadt“ will, fährt nicht etwa nach Berlin, sondern nach Spandau.

Bielefeld an der Havel

„Für mich wirkte Spandau wie eine westdeutsche Stadt, als ich hier herkam. Mit Fußgängerzone und einer Altstadt, die nach dem Bombenkrieg wieder aufgebaut wurde – mit wiederhergestellten alten Gebäuden und dem architektonischen Brutalismus der 60er Jahre“, sagt Evert. Die großen Straßenschneisen erinnerten sie an Bielefeld, das ebenfalls zerstört war und jetzt von einer Autobahn zerschnitten ist.

Im Zweiten Weltkrieg zerstörte Häuser der Spandauer Altstadt wurden teilweise durch brachiale Neubauten ersetzt. Foto: imago images / Schöning

Beulen für die Berliner

Natürlich sei der alte Berlin-Spandauer Gegensatz heute nur noch Folklore, das war schon mal ganz anders. 1567 ordnete der Kurfürst ein „Manöver“ zwischen Berlinern und Spandauern an, eine Schlacht als öffentliche Belustigung. Vorgesehen war ein Sieg der Berliner. Bei der mit Knüppeln und Stangen ausgetragenen Schlacht – dem „Knüppelkrieg“ – gerieten die Berliner jedoch ins Hintertreffen, der Kurfürst mischte sich auf ihrer Seite ein. Sein Pferd jedoch wurde im Getümmel geschlagen und warf ihn ab. Zur Strafe musste der Spandauer Bürgermeister über Monate in den Kerker.

Spandau fühlte sich später abgehängt: Im Dreißigjährigen Krieg wurde die ganze Stadt zur Festung erklärt. Das hatte Folgen. Urte Evert: „Es durften nur Häuser gebaut werden, die niedrig und schnell abzureißen waren, um notfalls ein Schussfeld für die Zitadelle zu schaffen.“

Die staatlichen Waffen- und Munitionsfabriken Preußens in der „Festung“ Spandau brachten der Stadt keine Steuereinnahmen, deren Arbeiter verdienten schlecht. Sie brauchten aber Wohnungen, die sich Spandau eigentlich nicht leisten konnte. Erst 1903 wurde der Festungsstatus aufgehoben, und Spandau blühte wirtschaftlich auf: Militärflächen wurden verkauft, weitere Industrien angesiedelt, die wie Siemens schon vorher begonnen hatten, vor den Berliner Grundstückspreisen zu flüchten. 1913 wurde Spandau mit über 100.000 Einwohnern Großstadt. Zum Glück wurde mit dem „Dauerwaldvertrag“ 1915 der Spandauer Forst gerettet, sonst wäre er auch Industriegebiet geworden.

Dr. Urte Evert im Depot ihres Museums. Der rostige, löchrige Stahlhelm weist auf die militärische Vergangenheit der sogenannten Festung Spandau hin. Foto: Volkmar Otto / Berliner Kurier

Mit der neuen Blüte erwachte Spandauer Selbstbewusstsein. Man erinnerte sich westlich der Havel, dass Spandau schon im 10. Jahrhundert eine slawische Burg aufzuweisen hatte, als an eine Stadt Berlin noch lange nicht zu denken war. Havelländischer Stolz wurde wiederbelebt, weil Spandau im Mittelalter als Handelsort bekannter war als Berlin.

Deshalb wollte man nicht Teil Berlins werden, auch wenn man eigentlich einsah, dass Groß-Berlin das völlig zersplitterte Versorgungswesen der Hauptstadt und ihrer umliegenden Städte, Dörfer und Landkreise mit unzähligen Verkehrsbetrieben oder Gaswerken einen würde. Urte Evert: „Spandau verfügte über eine eigene Straßenbahn, die eine andere Spurbreite als die Straßenbahn in Berlin hatte.“ Und einen eigenen Tarif, was für aus Berlin anreisende Arbeiter überaus unpraktisch war.

Sie wollten wieder raus

Nach der Eingemeindung als 8. Berliner Bezirk hörte der Widerstand nicht auf. 1923 stimmten 20 000 Spandauer – jeder dritte Wahlberechtigte – dafür, sich wieder von Berlin zu trennen.  Bezirksbürgermeister Martin Stritte, der 1920 aus rationalen Gründen und gegen seine Gefühle für Groß-Berlin gestimmt hatte: „Die Spandauer haben nicht gelernt, sich als Berliner zu fühlen und werden es in absehbarer Zeit nicht lernen.

Ein früher Siemens-Staubsauger aus Spandauer Produktion. Der Bezirk war eine Säule der einstigen Elektropolis Berlin. Foto: Volkmar Otto/Berliner Kurier

Urte Evert: „Berlin verschleppte die Angelegenheit, die Abstimmung blieb folgenlos.“ Wie groß die Ablehnung war, zeigt sich unter anderem daran, dass es 1923 den „Fluchtversuch“ gegeben hatte, obwohl Spandau im Rahmen der Gründung von Groß-Berlin selber deutlich größer geworden war. Es hatte östlich der Havel Land dazugewonnen, die Siemensstadt, weitere Ortschaften wie Gatow und Kladow wurden Teil des Bezirks, der heute fast 250.000 Einwohner hat.

Neuen Aufschwung erhofft sich der Bezirk durch die Einrichtung eines „Innovationscampus“ von Siemens, in dem Wohnen, Forschen und Arbeiten den Verlust von herkömmlichen industriellen Arbeitsplätzen mehr als ausgleichen soll. Urte Evert bereitet zur Zeit eine Ausstellung „Jein danke“ über den ungeliebten Anschluss Spandaus an Berlin im Kommandantenhaus der Zitadelle vor. Wegen Corona musste die Eröffnung aber verschoben werden, sie ist jetzt für September vorgesehen.