Benjamin Arlet ist Survival-Trainer und hat Vorräte für vier Wochen. Foto: Markus Wächter

Die wirklich einfachste Frage ist die nach der Nahrung für den Notfall. In Zeiten der Hamsterkäufe wegen Corona wissen wohl alle, was noch zu kaufen wäre, wenn eine Quarantäne anstünde und noch Zeit zum Einkauf wäre: viel Wasser, Nudeln, Konserven, Kartoffeln, Schokolade und so weiter. Doch als Benjamin Arlet seine 42-Liter-Notfallbox öffnet, wird schnell klar, dass er zu jenen Leuten gehört, die sich sehr genaue Gedanken über einen möglichen Notfall machen – wenn es nichts mehr zu kaufen gibt.

Der 29-Jährige räumt die große Kunststoffbox aus, und dann liegen da zwei eingeschweißte Zahnbürsten. Daneben liegt ein Wasserfilter, mit dem verschmutztes Wasser genießbar gemacht wird. Da kommt auch nicht jeder drauf. „Viele denken auch nicht daran, wie sie sich beschäftigen sollen, wenn sie in ihrer Wohnung bleiben müssten“, sagt der hauptberufliche Überlebensexperte. „Jeder sollte also ein paar Spiele bereitlegen oder Bücher.“

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Bundesregierung empfiehlt Vorräte

Darauf könne man bei etwas nachdenken durchaus kommen. „Aber viele denken nicht daran, was wäre, wenn der Strom ausfällt“, sagt er in ruhigem Ton und lächelt. „Ich bin vorbereitet. Ich habe ein Radio, das ohne Batterien funktioniert und eine Kurbel hat.“

Wo hört die normale Vorsorge auf und wo beginnt die Panik? Diese Frage ist schwer zu beantworten, denn im Krisenfall ist nichts mehr normal. Das Spektrum der Vorsorge ist groß. Die Bundesregierung empfiehlt Vorräte für zehn Tage. Und es gibt Leute, die sowieso zu Großeinkäufen neigen, weil sie nicht ständig einkaufen wollen. Aber das hat wenig mit einer gezielten Vorbereitung für den Ernstfall zu.

Sieht schön aus und kann im Notfall sogar nützlich sein. Wer nicht zum Hamsterkäufer werden will, kauft rechtzeitig ein paar Vorräte. Foto: imago images/MiS

Und dann gibt es noch die sogenannten „Prepper“. Der Begriff leitet sich ab vom Englischen „to be prepared“, also bereit sein. Solche Leute werden meist belächelt. Denn heutzutage gibt es in jedem Supermarkt üblicherweise alles zu kaufen – und das zu fast jeder Zeit. Dazu kommt, dass etliche der Prepper ihre Vorräte nicht nur aus einer nachvollziehbaren Vorsorge anlegen, sondern weil sie an einen nahen Weltuntergang glauben, an eine Apokalypse – oder sie gar herbeisehnen. Sehr verbreitet ist dieses Phänomen in der rechtsradikalen Szene.

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Überlebenskurse in der Wildnis

Benjamin Arlet findet den Begriff Prepper schwierig. „Weil er bei manchen negativ besetzt ist.“ Arlet kommt aus der Survival-Szene, übt und vermittelt, was nötig ist, um zum Beispiel allein im Wald zu überleben. Alles fing als Kind an, er wuchs auf dem Dorf auf, und da war es nun mal üblich, sich Buden im Wald zu bauen oder Feuer zu machen und sich Wasser zu kochen. Heute ist der studierte Spieleentwickler hauptberuflicher Überlebenstrainer.

Gemeinsam mit anderen betreibt er die Firma SurviCamp. „Wir bieten vor allem Überlebenskurse in der Wildnis an“, erzählt er. Mehr als 1000 Leute nehmen daran jedes Jahr teil. Bei seinem längsten Trip lebten fünf Leute zehn Tage in Lappland nur aus dem Rucksack. „Wir bieten auch urbane Krisenvorbereitung.“

Nun in der Corona-Krise kommen natürlich auch Leute aus seinem Freundeskreis und fragen um Rat. „Aber ich sage da nicht: Ätsch, ich habe es euch doch gesagt.“ Er rät zu äußerster Vorsicht bei Leuten, die sich auch noch über die Krise freuen. „Gefährlich sind Leute, die Krisenvorsorge mit Politik oder Ideologie verbinden“, sagt er. „Die kommen oft aus der rechten Ecke oder sind krasse Apokalyptiker.“

Benjamin Arlet: „Wir müssen nicht mehr in den Supermarkt. Wir haben schon alles.“

Das seien meist Leute, die sich dann in der Krise als machtbesessene kleine Diktatoren aufspielen wollen. „Wir sind keine Spinner, die mit Lebensmitteln und Schrotflinte im Keller hocken und auf die Krise hoffen“, sagt Benjamin Arlet. Er finde es einfach gut, von einer Krise nicht als negatives Ereignis überrascht zu werden, sondern gut vorbereitet zu sein.

Auch die offizielle Krisenplanung in Deutschland beruhe darauf, dass sich ganz viele Leute ehrenamtlich engagieren, zum Beispiel beim THW, so wie er selbst. Und dass die Leute möglichst zehn Tage autark überleben können. Arlet erzählt, dass er normalerweise Vorräte für sich und seine Frau für zwei Wochen hat.

Nun hat er wegen Corona noch ein wenig nachgekauft. Alles passt in die drei, vier große Plastikboxen – plus Wasservorräte. „Es sind Dinge, die wir sowieso verbrauchen würden“, sagt er. Deshalb neigen Leute wie er auch nicht zum Hamsterkauf. „Wir müssen nicht mehr in den Supermarkt. Wir haben schon alles.“

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Benjamin Arlet: „Und immer an Gewürze denken“

Die Kosten für die Notfallausrüstung samt Lebensmitteln für eine vierköpfige Familie schätzt er auf etwa 600 Euro für eine Dauer für etwa zehn Tage. Essen und Trinken sei das einfachste, sagt er. Wichtig sei aber auch das Zubehör: Wasserfilter, Heizmöglichkeiten, Kerzen, Campingkocher, Schlafsack, Medikamente, Schutzmasken, Toilettenpapier.

Die Vorräte seien nur die eine Säule der Vorsorge. „Ich muss auch wissen, wie die Dinge funktionieren – besonders in Stresssituationen.“ Es sei ein Unterschied, ob man ein Zelt zu Hause aufbauen kann oder bei Sturm. Und wichtig sei auch, was das soziale Umfeld von Vorsorge hält, also die Familie, mit der man dann die Krise verbringen wird.

Und dann sagt Arlet noch: „Und immer an Gewürze denken. Es gibt nichts Schlimmeres, als eine Krise, auf die du zwar vorbereitet bist, aber dann schmeckt das Essen nicht.“