Vorne Laube, hinten Eisenbahn: Die Kolonie liegt zwischen den S-Bahnhöfen Karlshorst und Betriebsbahnhof Rummelsburg.
Foto: Markus Wächter

Aufregung um eine kleine Laubenkolonie in Karlshorst. Eine Immobilienfirma hat das Gelände zwischen Eisenbahn und Wallensteinstraße gekauft und bietet Pächtern gegen Geld an, die Parzellen abzuräumen, wenn die ihre Pacht aufgeben. Der Verdacht, dass es sich hierbei um einen Fall von Spekulation handelt, liegt nahe, weil die Verantwortlichen der Firma schon zum Zeitpunkt des Kaufs 2016 wussten, dass das Bezirksamt die Kleingärten erhalten will.

Das Gelände der Kleingartenanlage (KGA) Querweg lag auf Gelände der DB Netz AG. Die hatte das Areal an den Verein Bahn-Landwirtschaft verpachtet und der wiederum an die Kleingärtner. Meinert Klemm, Geschäftsführer der Bahn-Landwirtschaft Berlin, erklärte dem KURIER: „Die Käufer haben den Generalpachtvertrag mit uns im Juli zu Ende November 2021 gekündigt. Wenn die Kündigung berechtigt ist, müssen wir den Kleingärtnern als Unterpächtern kündigen.“ Er habe der Kündigung allerdings widersprochen.

Die Bahn-Landwirtschaft

Die Bahn-Landwirtschaft entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Vergabe von Parzellen durch die Bahn an ihre schlecht bezahlten Mitarbeiter, die dort zur Selbstversorgung Obst und Gemüse anbauen sollten. Um 1910 begann die Organisation in einem Verein, der bis heute Gelände der Bahn und des Bundeseisenbahnvermögens pachtet und als Kleingärten nicht nur an Eisenbahner weiterverpachtet.

Dennoch bot der Käufer, die Firma Wallensteinstraße Living GmbH (WLG) mit ihrem damaligen Geschäftsführer Christian Gérôme, den Pächtern Geld an, wenn sie ihren Pachtvertrag mit der Bahn-Landwirtschaft kündigen. Barbara Neßenius von der Interessengemeinschaft Kleingärten Karlshorst nennt Beträge von 2000 Euro aufwärts. Wenn man sich schnell entscheide, steige der Betrag mit bis zu zwei Prämien auf durchschnittlich 4000 Euro. Geld geflossen sei noch nicht. Die WLG habe den Kleingärtnern suggeriert: Hier wird bald gebaut, und wir nehmen euch die Arbeit und die Kosten dafür ab, Lauben abzureißen und Bäume zu fällen.

Der Bezirk will die Kleingärten entlang der Wallensteinstraße in Karlshorst erhalten.
Foto: Markus Wächter

Meinert Klemm widerspricht Verdächtigungen, der Unterbezirk Lichtenberg der  Bahn-Landwirtschaft stecke mit der Firma unter einer Decke und fördere die Bodenspekulation: „Alles falsch.“ Er habe einen Brief an die Pächter geschrieben, sie sollten ihre Pacht fortsetzen.

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Das Bezirksamt reagierte geharnischt auf das Angebot der Firma an die Pächter. Das Areal sei kein Bauerwartungsland, befinde sich vielmehr im Bebauungsplan-Verfahren mit dem Ziel der „langfristigen Sicherung des Objekts als Dauerkleingartenanlage“.

Barbara Neßenius und ihr Bruder, der an der Wallensteinstraße auch einen Garten hat, setzen sich für den Fortbestand der Kleingartenanlage ein. Die Erklärung des Bezirksamts, die Carsten Neßenius zeigt, macht ihnen eine gewisse Hoffnung, dass ihnen das gelingt. Foto: Markus Wächter

Bürgermeister Michael Grunst (Linke), Stadtentwicklungsstadtrat Kevin Hönicke (SPD) und Umweltstadtrat Martin Schaefer (CDU) erklärten in einer Art Großer Koalition: „Das Bezirksamt weist die Pächterinnen und Pächter explizit auf das B-Plan-Verfahren hin. Aufforderungen zur Abgabe der derzeitigen Verträge gegen eine Abfindung aufgrund einer falschen Behauptung sollten nicht für bare Münze genommen werden. Derzeitig ist kein Bauland auf dieser Fläche ausgewiesen. Die Kleingartenanlage Wallensteinstraße bleibt.“

Nicolas Burmeister, neuer Geschäftsführer der WLG, schrieb auf Anfrage des KURIER: „Wir stehen seit längerem mit dem Bezirksamt bezüglich dieser Flächen im Gespräch. Eine Veräußerung an den Bezirk ist denkbar. Wenn der Bezirk diese Flächen erwerben sollte, sollen diese für soziale Zwecke genutzt werden. Hierzu gibt es mehrere Ideen, die jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch offen sind.“

Das Manneken Pis zeigt, was das Bezirksamt Lichtenberg vom Vorgehen der Immobilienfirma hält.
Foto: Markus Wächter

Die Firma selbst verfolge keine Bebauungspläne, Pächter würden aber weder „herausgekauft“ oder sogar durch „Drückerkolonnen“ aufgesucht, wie es Norman Wolf, Vorsitzender der Linke-Fraktion in der BVV, nach Gesprächen mit Betroffenen über die Vorgänge gegenüber dem KURIER erklärt hatte.

Fragen des KURIER, beispielsweise warum man angesichts der Vorhaben des Bezirks das Areal überhaupt gekauft habe, wenn man doch nicht bauen wolle, ließ Geschäftsführer Burmeister unbeantwortet. Dabei legt das Wort „Living“ im Firmennamen nahe, hier sollten Wohnungen entstehen. Keine Antwort gab es auch auf die Frage, ob Pächter von sich aus an die WLG herangetreten seien.

Wie es weitergeht, ist noch ungewiss. Laut Meinert Klemm ist der Streit um die Rechtmäßigkeit der Kündigung noch kein Gerichtsfall. Allerdings könnte die Empörung des Bezirksamts zu spät kommen. Denn 16 der 21 Pächter sind auf das Angebot der Firma eingegangen, nur einer hat bislang seine Kündigung zurückgezogen, erklärte Klemm. Eine abgeräumte Laubenkolonie könnte für Druck auf den Bezirk sorgen, doch eine Bebauung zuzulassen, fürchtet Neßenius.