Ein Zettel weist darauf hin, dass diese Grundschule geschlossen bleibt. Foto: Gallerdsdörfer

Drei Schulen schließen, Hotlines sind überlastet, Arztpraxen fehlt Schutzausrüstung – und ein auf die Schnelle eingerichtetes Abklärungszentrum ist schon nach kurzer Zeit überlaufen. Am Dienstag erhöhte sich in Berlin die Zahl der bestätigten Covid-19 Fälle auf sechs – und schon zeichnet sich ab, dass eine beispiellose Belastungsprobe auf die Stadt und ihr Gesundheitssystem zukommt. Bundesweit gab es bis Dienstagnachmittag rund 190 bestätigte Corona-Fälle, weltweit erhöhte sich die Zahl auf 90 900 Fälle in 72 Ländern.

Hamsterkäufe in Supermärkten führen zu leeren Regalen. Foto: Pressefoto Wagner

Vorsorglich wurde die Leipziger Buchmesse, die am 12. März beginnen sollte, abgesagt. Und auch die für Mittwoch angesetzte Wahl eines neuen Regierungschefs in Thüringen steht auf der Kippe – weil es unter den Abgeordneten einen Corona-Verdachtsfall gibt. In Berlin meldete die Senatsgesundheitsverwaltung am Dienstagmittag  die Corona-Fälle Nummer vier und fünf. Zuletzt seien ein Arzt einer Tagesklinik in Neukölln positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet worden sowie ein junger Mann aus Tempelhof-Schöneberg. Bereits am Montag war bekannt geworden, dass sich ein 22-Jähriger aus Mitte, eine Frau aus Mitte sowie ein Lehrer aus Marzahn-Hellersdorf infiziert haben. Insgesamt hätten diese fünf Personen zu 200 Menschen so engen Kontakt gehabt, dass sie nun als Verdachtsfälle gelten und in Quarantäne oder häuslicher Isolierung untergebracht wurden, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci.

Mehrere Berliner Schulen geschlossen

Die meisten Kontaktpersonen verzeichnen der Lehrer aus Marzahn-Hellersdorf, der mit 74 Schülern und sechs Reisen auf einer Schulreise in Südtirol war. Seine Schule, die Emanuel-Lasker-Schule wurde vorübergehend geschlossen. Auch der Arzt der Tagesklinik hatte zu 30 Personen Kontakt. Neben der privaten Berlin Metropolitan School in Mitte blieben aufgrund der ersten Fälle am Dienstag auch die Emanuel-Lasker-Schule und die beiden Standorte der Modersohn-Grundschule in Friedrichshain geschlossen.

Zunehmend müssen in Berlin nun Tests vorgenommen werden, um bei begründeten Verdachtsfällen schnell Gewissheit zu haben, aber auch Abklärungsfälle zu testen – also all jene Menschen, die Corona-typische Symptome wie Halsschmerzen und Husten haben, aber keinen Kontakt zu einem nachweislich Infizierten hatten und auch nicht in einem Risikogebiet waren. Um Notaufnahmen und Arztpraxen von diesen Fällen zu entlasten, richtete die Charité auf dem Campus Virchowklinikum in Wedding am Dienstag ein Abklärungszentrum ein. Es befindet sich in einem separaten Haus und ist montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnet. Dort werden Abstriche aus dem Nasen-Rachen-Raum genommen. Rasch bildete sich eine lange Warteschlange, bis 16 Uhr wurden rund 100 Abstriche genommen, teilte die Charité mit.

Die Stelle soll nicht die einzige bleiben. Insgesamt seien in Berlin vier bis sechs derartige Zentren geplant, sagte Senatorin Kalayci. Auch für die niedergelassenen Ärzte in der Stadt ist es wichtig, dass es diese Zentren gibt. Denn ihnen mangelt es an Schutzausrüstung. Obwohl sie sich darum bemüht habe, verfüge ihre Praxis weder über Masken, noch über Schutzanzüge, um im Verdachtsfall Rachenabstriche zu nehmen, sagt Ayse-Bettina Linder, Allgemeinmedizinerin in Schöneberg. „In dieser Hinsicht sind die Berliner Praxen schlecht vorbereitet“, sagt sie und fordert die Senatsgesundheitsverwaltung auf, bei der Lösung des Problems rasch zu helfen. „Der Berliner Senat betont immer, man sei gut vorbereitet, aber er übernimmt nicht die Verantwortung, wenn es um die Umsetzung in den Praxen geht“, moniert die Ärztin.

„Auf eine länger andauernde Corona-Krankheitswelle sind wir nicht eingestellt.“

Ihr Beitrag zur Eindämmung der Epidemie ist derweil, dass sie Patienten mit Erkältungssymptomen rät, zu Hause zu bleiben und ihnen bei Bedarf die Krankschreibung zuschickt. „Eigentlich dürften wir das nicht, in dieser besonderen Situation ist das aber zu vertreten“, sagt Linder. Auch der Vorsitzende des Hausärzteverbands Berlin und Brandenburg, Wolfgang Kreischer, bemängelt: „Auf eine länger andauernde Corona-Krankheitswelle sind wir nicht eingestellt.“ Vor allem auf eine dramatische Situation sei die Ärzteschaft nicht vorbereitet. Er moniert, dass die Gesundheitsämter im Zuge der Verschlankung des Staates unterbesetzt seien. Aufgabe der Gesundheitsämter ist es jetzt, die Kontakte infizierter Personen nachzuverfolgen und die engen Kontaktpersonen in häusliche Isolierung zu schicken sowie Tests anzuordnen, wenn sie Symptome haben. Die Kontaktnachverfolgung gehöre zum täglichen Brot seiner Mitarbeiter, sagt der Reinickendorfer Amtsarzt Patrick Larscheid. Sein Amt könne auch große Fallzahlen managen, versichert er.

„Der Masernausbruch 2014/15 mit einer vierstelligen Fallzahl ist da Vorbild.“ Wegen der Coronavirus-Epidemie stehen nun jedoch viele Veranstaltungen auf dem Prüfstein. In Berlin wurde eine für den 11. März angesetzte Anti-Terror-Übung abgesagt. Die bislang größte Übung dieser Art mit 3000 Mitwirkenden soll zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. „Die ursprünglich für die Übung vorgesehenen Räumlichkeiten des Führungsstabes der Berliner Feuerwehr stehen nicht zur Verfügung, weil diese für die aktuelle Lage genutzt werden“, hieß es. Neben dem Gesundheitssektor trifft das Coronavirus vor allem die Wirtschaft hart.

Das wird auch gravierende Folgen für die Steuereinnahmen des Landes und die öffentlichen Kassen haben. „Wir erwarten erhebliche finanzielle Folgen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller am Dienstag. Er rechne für den Landeshaushalt schon jetzt mit „erheblichen Steuerausfällen“ durch Einbußen zum Beispiel im Tourismus, der Hotellerie und Gastronomie, so Müller. „Das muss allen bewusst sein, dass das auch in den nächsten Jahren bezahlt werden muss.“ Gesprochen werden müsse außerdem über finanzielle Unterstützung und Entschädigung für stark betroffene Unternehmen und Branchen. Die Absage der Internationalen Tourismusbörse (ITB) zum Beispiel werde „große Folgen, auch beim Jahresabschluss“ für die Messe Berlin haben, so Müller.