Eines der fensterlosen Badezimmer am Mehringplatz: Trotz Belüftung durch die Tür breitete sich Schimmel aus.  Foto: Markus Wächter

Sengül A. kann es nur noch mit Galgenhumor ertragen, wie sie mit ihrem Mann Kadim wohnen muss: „Wir leben hier wie im Camping.“ Schimmelbefall machte ein Zimmer unbewohnbar, Sachen liegen in Plastiktüten auf der Erde. In einem zweiten Raum kam der Putz von der Decke, weil es durchregnete,  das Bad ist eine einzige Schimmelhölle.

Das Ehepaar wohnt im 16. Stock des Hauses Wilhelmstraße 3, einem von mehreren Gebäuden rund um den Mehringplatz, die von der Firma BauGrund für eine luxemburgische Gesellschaft verwaltet werden. Das Schimmel-Problem zieht sich durch mehrere Wohnungen, und überall hört man den Vorwurf, die Verwaltung täte nichts oder nur wenig. 

Sengül und Kadim A. in dem Zimmer, wo Wasser vom Dach durchdrang und den Putz von der Decke fallen ließ. Foto: Markus Wächter

Weiter unten in der Nummer 3 lebt Huriye A. (50) mit Ehemann und zwei Kindern, zahlt für die 72-Quadratmeter-Wohnung 780 Euro Miete. Die Mieterin zeigt im Flur auf einen schwarzen Schimmelfleck über der Garderobe und im Schlafzimmer an die Wand. Dort hatte die Familie Schimmel entfernt, aber er kommt wieder, und der Bodenbelag hebt sich. Im Herbst 2019 habe die Verwaltung ihr für einige Wochen einen Luftentfeuchter in die Wohnung gestellt, aber die zusätzlichen Stromkosten von 680 Euro nicht ersetzt.

Ein älterer Mieter schimpft über viel Leerstand, dreht dann aber frustriert ab – es ändere sich nichts. Eine Frau, die im 10. Stock der Wilhelmstraße 5 ihre pflegebedürftigen Eltern betreut, berichtet von regelmäßigen Ausfällen der Aufzüge, was die alten Leute im Rollstuhl an die Wohnung fessele. In beschmierten, mit Taubendreck besudelten Treppenhäusern sollen sich Junkies herumtreiben.

Eine Bürgerinitiative „Mehringplatz West" hat sich gebildet, beschreibt die Zustände auf ihrer Internetseite. So gebe es immer wieder Rohrbrüche, was die Schimmelbildung fördere.

Hutiye A. zeigt, dass sie entlang der Scheuerleiste im Schlafzimmer den Schimmel beseitigt hat. Die Feuchtigkeit blieb, der Bodenbelag hebt sich. Foto: Markus Wächter

Wulfhild Sydow (84), ehemalige Hochschullehrerin, kämpft seit Jahren für eine Verbesserung der Zustände, war im Quartiersmanagement und im Sanierungsbeirat tätig, machte eine Kiezzeitung und Kiezkabarett. Sie war eine der ersten Mieterinnen, lebt seit 49 Jahren im Haus und versucht mit ihrer Nachbarin Christa Hartmann, die Mieterschaft zusammenzuhalten. 

Der  Verfall habe vor etwa 15 Jahren begonnen, sagt Wulfhild Sydow. Bei den beiden vorher tätigen Hausverwaltungen sei alles in Ordnung gewesen, die vorletzte und jetzige Hausverwaltung seien katastrophal.

Sengül A. und Wulfhild Sydow in dem wegen Feuchtigkeit und Schimmel unbewohnbaren Schlafzimmer. Foto: Markus Wächter

Sie beklagt, dass bei den Eigentümern, einer „SEF Select Evolution 1 S.à.r.l.“, niemand greifbar sei und Abhilfe bei der Hausverwaltung nur schwer erreichbar sei. Tatsächlich wurde in einigen Wohnungen der Schimmel beseitigt.

Immerhin werde jetzt das Dach saniert. Insgesamt aber achte die Verwaltung nur auf das Äußere der Häuser, vor vier Jahren wurden zum Beispiel Fassaden saniert. 

Von den über 300 Wohnungen der Häuser Wilhelmstraße 2–6, Friedrichstraße 245–246 sowie Mehringplatz 12–14 stehen jedoch laut ihrer Zählung 40 leer, allein sieben der 120 in der Wilhelmstraße 3.

Hellwach und kämpferisch: Professorin Wulfhild Sydow will nicht, dass ihre Nachbarn schlecht wohnen müssen. Foto: Markus Wächter

Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) verweist darauf, dass das Bezirksamt seit Jahren Druck auf die Eigentümer ausgeübt habe, Missstände zu beseitigen. Erst „maximaler Druck“ habe dazu geführt, dass die Parkpalette „zugebrettert“ wurde. Die Sanierung der rattenbefallenen Keller gehe los, wenn auch schleppend. Schmidt: „Bei ordnungsrechtlichen Verstößen haben Eigentümer leider immer die Möglichkeit, sehr spät zu reagieren, weil nur bei unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben Ersatzvornahmen möglich sind.“ Also Arbeiten im Auftrag des Bezirks, die dann dem Eigentümer in Rechnung gestellt werden.

Viele Missstände wie der Schimmel seien hingegen zunächst zivilrechtlich zu klären. Erst wenn die Hausverwaltung nachweislich nichts tue, könne der Bezirk einschreiten. Die Mieterschaft sei vor vier Wochen von der bezirklichen Mieterberatung auf die Möglichkeit hingewiesen worden, dass die Wohnungsaufsicht als Schiedsrichter auftreten kann. Dazu müssen Mängel aber von den Mietern aktiv angezeigt werden, „was noch nicht geschehen ist“.

Schmidt hatte zwar 2017 ein Milieuschutzgebiet für den Mehringplatz festgesetzt, auch damit gegebenenfalls das Vorkaufsrecht für die Wohnungen gezogen werden kann: „Es ist offensichtlich, dass der Eigentümer mit dem Grundstück spekuliert. Das Gebäude wird vernachlässigt, leer gezogen, äußerlich aufgehübscht: Nun könnte der Verkauf direkt bevorstehen.“

Von außen sind die Häuser der luxemburgischen Firma ganz ansehnlich. Von innen nicht. Foto: Markus Wächter

Leider bestehe die Gefahr, dass auch der zukünftige Eigentümer nur auf Bodenwertsteigerungen hofft. „Daher wäre es das Beste, wenn eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft den Komplex erwirbt. Der Senat muss hier aktiv werden und seine Wohnungsbaugesellschaften in die Spur schicken, sonst sehe ich schwarz für die Mieterschaft.“ Wenn erst beim Vorkaufsrecht der Erwerb geprüft werde, könnte der Preis in die Höhe gegangen sein. Daher müsse eine Wohnungsbaugesellschaft direkt mit dem Eigentümern verhandeln. „Der Bezirk unterstützt gerne.“

Auf diese Lösung hoffen auch viele Mieter: Es wird gemunkelt, die Gewobag könne die Gebäude übernehmen. Sie besitzt die Bebauung zur Lindenstraße hin und dort ist alles weitgehend in Ordnung. Ein möglicher Preis ist nicht bekannt, gerüchtehalber ist von 80 Millionen Euro die Rede.

Die Firma BauGrund teilte mit, nicht für Auskünfte ermächtigt zu sein. Auch nicht dazu, einen möglichen Gesprächspartner beim Eigentümer zu nennen.