Idyllisch sieht der Schäfersee aus. Unter der Oberfläche lauern Dreck und Gift. Da steht der Vogel lieber nur auf einem Bein im Wasser ... Foto: Sabine Gudath

„Es lächelt der See, er ladet zum Bade.“ Den Reinickendorfer Schäfersee unserer Tage kann Friedrich Schiller nicht gemeint haben. Das Gewässer nahe der Residenzstraße ist eine Kloake. Seeaktivisten aus der Umgebung werfen Senat und Bezirk vor, sich nicht darum zu scheren und gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben, den Zustand zu ändern.

Das rund 10.000 Jahre alte Gewässer, Überbleibsel der Eiszeit, misst etwa 42.000 Quadratmeter (4,2 Hektar) und ist maximal 7,5 Meter tief. Umsäumt von Bäumen, Gebüsch, Wiesen und Schilf, vom Lärm der Residenzstraße durch die Bebauung abgeschirmt, sollte er eigentlich Lust zum Baden machen. Doch ein Blick über die Oberfläche zeigt Schmutz, am Rande stellt der Spaziergänger fest, dass man nur wenige Zentimeter tief sehen kann. Die Trauerweiden stehen zu Recht am Ufer ...

Anja Werstler (39), Susanne Standke (50) und Anton Kulmus (72) von der Projektgruppe an einem der Zuläufe des Schäfersees. Selbst ohne Regen erkennt man eine versiffte Brühe. Foto: Sabine Gudath

Anton Kulmus (72), pensionierter Berufsschullehrer und bei fast jeder Veranstaltung zum Thema Wasser in Berlin zu finden, führt die „Projektgruppe Schäfersee“ an. Er schildert das Problem: Der See hat fünf Zuläufe und nur einen Ablauf. Bei jedem Regen spült das Wasser Mikroplastik aus Reifenabrieb, Zigarettenkippen, Hundedreck und was sonst noch kleinteilig auf der Residenz- und anderen Straßen herumliegt in den See. Kulmus: „Nach einem Gutachten sind das pro Jahr mindestens 276 Tonnen.“

Grafik: BLZ/Hecher

Der Schmutz lagert sich im See ab. Kulmus: „Etwa 70.000 Tonnen giftiger Schlamm liegen im See, unterhalb 2,5 Meter ist er tot.“ 2013/14 versuchte der Senat, das Problem zu entschärfen, parallel entstand das Gutachten. Rund 7000 Tonnen Schlamm wurden herausgeholt. Das helfe natürlich nicht, meinen die Aktivisten. Mit 1,8 Millionen Euro habe der Senat viel zu viel Geld für den kleinen Erfolg ausgegeben, der nicht verhinderte, dass der See im Sommer 2018 „umkippte“ und 300 Kilogramm tote Fische beseitigt werden mussten. 

Mikroplastik aus Reifenabrieb gelangt über die Gullis unter anderem der Residenzstraße ungefiltert in den Schäfersee. Foto: Sabine Gudath

Zwar habe man Schilder aufgestellt, damit die Spaziergänger kein Brot an die Wasservögel verfüttern, was die Qualität des Sees weiter verschlechtert, und zwei Belüftungsanlagen installiert: Gegen 10 Uhr beginnen sie zu sprudeln, um das Gewässer mit Sauerstoff zu versorgen. Kulmus: „Wir sind nicht dagegen, aber das löst das Grundproblem nicht.“

Bislang habe die Projektgruppe nur kleine Fortschritte erzielt. So setzte sie durch, dass am Uferteil mit Schilf ein Zaun gezogen wurde, nachdem ein trennender Graben verlandet war, und es dürfen seit Herbst 2019 keine Boote mehr verliehen werden: Spaziergänger und Bootsfahrer seien den Vögeln zu nahe gekommen, sodass sie ihre Nester verließen. 2018 habe man kein einziges Küken gesichtet. Jetzt paddelt wenigstens eine Gruppe Jungschwäne mit seinem Elternpaar über die trübe Brühe.

Die Weißfische im Schäfersee sind vermutlich nikotinabhängig: Auch Zigarettenkippen gelangen in das Gewässer. Foto: Sabine Gudath

Kulmus’ Mitstreiterin, die Erzieherin Susanne Standke (50), lenkt den Blick auf die Zuständigkeiten: „Bezirk Reinickendorf und Senat weisen sich gegenseitig die Verantwortung zu – Behörden-Pingpong.“ Dabei liege eine Lösung auf der Hand, der Bau eines „Retentionsbodenfilters“ wie seit 2007 am Halensee. Das ist ein Betonbecken, mit Granulat befüllt und mit Schilf bepflanzt, das den Dreck von den Straßen zurückhält.

Dieser Vorschlag hat auch längst den Weg in die Politik gefunden. Burkard Dregger, CDU-Fraktionsvorsitzender und Abgeordneter für Reinickendorf-Ost, hatte deshalb 2019 bei Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) in einem Brief angefragt, ob man nicht den Bau eines solchen Filters am Schäfersee prüfen könne.

An zwei Stellen sprudelt das Wasser: So soll erreicht werden, dass es mehr Sauerstoff enthält. Foto: Sabine Gudath

Die Antwort, die dem KURIER vorliegt, ist ernüchternd. Der Schäfersee sei weder ein Badegewässer noch liege er in einem Wasserschutzgebiet. Deshalb genieße er keine Priorität. Günther schrieb: „Das heißt, eine kurzfristige Lösung ist hier nicht absehbar. Angesichts der begrenzt zur Verfügung stehenden personellen und finanziellen Mittel können wir keine Studien/Konzepte für die Schublade beauftragen.“

Ihr Staatssekretär Stefan Tidow (Grüne) hatte in der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage faktische Hindernisse aufgeführt: Das versiegelte Gebiet, in dem Regenwasser nicht versickert, sondern in den Schäfersee fließe, messe 93 Hektar. Nach den geltenden Vorschriften müsse man eine knapp 10.000 Quadratmeter große Retentionsanlage errichten, und dafür sei am Schäfersee kein Platz.

Familie Schwan grast am Rande des Schäfersees. Hier wäre nach Auffassung der See-Schützer Platz für eine Filteranlage. Foto: Sabine Gudath

Kulmus meint dagegen, dass an zwei Stellen insgesamt 3500 Quadratmeter zur Verfügung stehen könnten, wenn man ein wenig vom See abknapse, und das wäre schon einmal ein Anfang. Das sollte man mit Maßnahmen ergänzen, dass Regenwasser von den Dächern der Umgebung nicht in die Kanalisation läuft, sondern versickert. Auf die Grünen ist er nicht gut zu sprechen, 2012 ist er schon ausgetreten: „Sie haben ihre Kompetenz für Umwelt und Energie nicht umgesetzt.“

Der anstehende Umbau der Residenzstraße zwischen Lindauer Allee und Franz-Neumann-Platz macht den Schäfersee-Freunden wenig Hoffnung. Zwar ist im Gespräch, dort „Mulden-Rigolen“ mit einem Drainagesystem anzulegen. Eine Art Straßengraben, in denen Wasser verdunstet und versickert. Das anschließend noch überschüssige  Wasser, durch das Passieren des Bodens halbwegs gereinigt, soll erst dann über die Drainage in den Schäfersee fließen. Kulmus fragt sich allerdings, wohin das Wasser  versickern soll – unter der Straße fährt die U-Bahn. 

Die Rigolen wären ein erster Schritt, eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Vorstellung zu ersetzen – Regenwasser schnellstens loszuwerden. Damals hielt man Niederschlag, der in den Flüssen, Kanälen, Seen und Teichen der Stadt ankam, nämlich noch für sauber.