In Terminal T1 des Flughafens BER warten Koffer auf ihren Testeinsatz. Rund 7500 Gepäckstücke wurden gesammelt, um den Betrieb zu simulieren. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Was tut man nicht alles, um dabei mitzuhelfen, den neuen Berliner Flughafen für die Eröffnung fit zu machen. Hendrik Voß zeigt auf Kjell Sommer, der mit ihm am Probebetrieb teilnimmt. „Wir haben eine Sonderaufgabe erhalten“, sagt der Airbus-Mitarbeiter, der aus Hamburg nach Schönefeld gekommen ist. „Er spielt gleich mein Kind, das auf dem Flughafen verloren geht.“ 375 Komparsen sind am Dienstagvormittag zum BER gereist, um Passagiere darzustellen. Es ist der 26. Probebetriebstag am neuen Hauptstadt-Flughafen und der siebte, an dem auch Menschen von außerhalb der Luftfahrtbranche teilnehmen.

Die Begrüßung erinnert an eine Werbeverkaufsveranstaltung, und um Werbung für den lange verfemten BER geht es sicher auch. „Herzlich willkommen auf Ihrem Flughafen Berlin Brandenburg“, ruft Stefan Blei ins Mikrofon. Die Komparsen, erkennbar an den grünen Westen, stehen zwischen den Gepäckförderbändern, auf denen bereits die Koffer für den heutigen Tag kreisen.

„Ein wunderschöner Flughafen. Und ein Abenteuer, das Sie erwartet“, sagt der 48-jährige Moderator, der früher bei der Deutschen Welle gearbeitet hat. Dazu ertönt Alphavilles Hit „Forever Young“. Ein passendes Musikstück für den Flughafen, der erst 2011, dann 2012 eröffnet werden sollte. Manche Dinge im BER, zum Beispiel zahlreiche Bildschirme und Sitzgelegenheiten, stammen noch aus jener Zeit, in der die Pannenserie, die dem Flughafenprojekt und dem Ruf Berlins enorm geschadet hat, erste Höhepunkte erreichte.

„In diesen Flughafen sind so viele Steuergelder geflossen. Jetzt möchte ich sehen, was damit gemacht worden ist“, sagt Daniel Gentzsch, ein 25-jähriger Pilot aus Berlin. Im Untergeschoss, wo kaum jemand das Kunstwerk „Sterntalerhimmel“ mit rund 5000 in die Bodenplatten eingelassenen Münzen aus aller Welt zur Kenntnis nimmt, hat er sich angemeldet. Jeder Tester bekommt einen Beutel mit der Aufschrift BER, der einen Kaffeebecher, einen Kugelschreiber und einen Chip für die Gepäckwagen enthält. Danach geht es zur nächsten Station, an der die BER-Tester ihren Tagesauftrag erhalten.

Elena Woitschehofsky schaut auf ihren Aufgabenzettel. „Ich fliege nach Hilversum.“ Mit Tunisair in die Niederlande - eine ungewöhnliche Kombination. Die 18-Jährige findet den BER „sehr großzügig“. Beinahe wäre die Berlinerin wie andere Menschen, die heute hier sind, in der Luftfahrtbranche gelandet. „Ich habe darüber nachgedacht, mich zur Service-Kauffrau im Luftverkehr ausbilden zu lassen“, erzählt die Abiturientin. Aber dann begann die Corona-Pandemie - und brachte den Verkehr weltweit fast auf null.

Zwar hat sich das Aufkommen inzwischen wieder erholt. Für die ersten Monate des BER, der am 31. Oktober 2020 öffnet, rechnet die Flughafengesellschaft FBB allerdings nur mit rund 20 Prozent des zuletzt erwarteten Passagieraufkommens. „Ich denke jetzt noch einmal neu nach“, sagt Elena Woitschehofsky.

An den grünen Westen sind sie zu erkennen: Flughafentester unterwegs im Flughafen BER. Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Während die Branche weiterhin leidet, ein Unternehmen nach dem anderen in Turbulenzen gerät und immer neue Reisewarnungen ausgegeben werden, wird im BER unverdrossen der Start trainiert - der Start in eine ungewisse Zukunft, in der nicht mehr so viel gereist werden kann wie noch vor wenigen Monaten. Die ziemlich kleinen Anzeigetafeln bringen einen ins Träumen. Sie listen Ziele auf, die in Zeiten von Corona wie eine Fata Morgana klingen: Toronto, New York, Amman in Jordanien.

Von April bis Mitte Oktober sind am neuen Flughafen insgesamt 47 Probebetriebstage geplant, sagt Koordinator Paul Hoppe. Rund 10.000 Menschen werden am BER arbeiten, die Hälfte nimmt an den Tests teil. Anfangs sollten außerdem 20.000 Komparsen mitmachen, wegen Corona wurde die Zahl auf 9000 gesenkt. Sie müssen auch besondere Situationen nachstellen - wie Vanessa Labancz, die sich mit einer großen Musikinstrumententasche über den edlen Jura-Sandstein des Terminals T1 in Richtung Sicherheitskontrolle müht. „Auch wenn es so aussieht, zum Glück ist da kein Kontrabass drin. Sondern nur alte Klamotten“, sagt die BER-Testerin, die laut Auftrag in die Niederlande fliegen soll. „Offenbar gebe ich da ein Konzert.“

„Bisher wurden 25.000 Check-in-Vorgänge getestet und 80.000 Gepäckstücke befördert“, berichtet Paul Hoppe. Rund 7500 Koffer und Taschen stehen für die „Fluggäste“ bereit. Einige Gepäckstücke wurden so präpariert, dass sie bei der Kontrolle auffallen müssen. Manche riechen alt - ein Zeichen dafür, dass sie schon beim Probebetrieb 2012 zum Einsatz gekommen sind.

Das Stichwort lautet ORAT, Operation Readiness and Airport Transfer. Es prangt auf den roten Westen der Mitarbeiter. „Der Probebetrieb ist mit einer Generalprobe nicht zu vergleichen“, erklärt Flughafenmanager Patrick Muller. Bei einem Theater muss am nächsten Tag alles klappen. „Am Flughafen ist dagegen das Ziel, dass so viel wie möglich schiefgeht - damit wir daraus lernen können.“ Jeder Mitarbeiter laufe Gefahr, betriebsblind zu werden. „Deshalb brauchen wir das Feedback der künftigen Fluggäste.“

Bislang habe sich gezeigt, dass die Technik funktioniert, berichtet Muller – abgesehen von Details wie der Lautsprecheranlage, die mal zu laut, mal zu leise eingestellt ist, oder automatischen Sperren, die streikten. Bei der Wegweisung müsse auf jeden Fall noch einiges korrigiert werden, damit die Passagiere im Flughafen schnell an ihr Ziel kommen, heißt es. „An der einen oder anderen Stelle kamen die Fluggäste nicht so gut klar“, sagt Katy Krüger von der FBB. Ein anderes Thema lässt dagegen keine nachträglichen Änderungen mehr zu: der Platz im Terminal. „Wenn 50 bis 60 Menschen an der Sicherheitskontrolle stehen, hat man schon den Eindruck, dass es voll ist“, so Patrick Muller. Das hat damit zu tun, dass die Zugangsbereiche zwar breit sind, aber keine besonders große Tiefe haben. Insgesamt gibt es 44 Sicherheitslinien im T1.

Auf der anderen Seite sind die Distanzen im Hauptterminal oft verhältnismäßig groß, wie ein Blick auf die Anzeigetafeln im zentralen Marktplatz zeigt. In dem Bereich mit rund 120 Läden und Gastronomiebetrieben landet man unweigerlich, nachdem die Sicherheitskontrolle und der Supermarkt mit zollfreien Waren passiert worden sind. Wer von dort zum Beispiel zum Ausgang B42 will, um das derzeit noch fiktive Flugzeug nach Edinburgh zu erreichen, muss laut Anzeige zwölf Minuten laufen. Auch zu anderen Gates werden zwölf Minuten Gehzeit angezeigt.

„Das ist ein Sportprogramm“, sagt Jana Goldmann, Komparsin aus Kyritz. „Wege ohne Ende“, klagt ihre Begleiterin. „Ich habe den Eindruck, drei Kilometer gelaufen zu sein.“ Dabei hat das Duo erst einen Teil des Programmes absolviert. Allerdings stehe auch auf dem Flughafen Tegel ein ordentliches Laufpensum an, gibt Jana Goldmann zu bedenken. „Zumindest, wenn man im Terminal C eincheckt.“

Was fehlt am BER? „Haken in den Toilettenkabinen“, so die Brandenburgerin. „Steckdosen und USB-Ports in Wartebereichen“, sagt Hendrik Voß aus Hamburg (hier sind aber Nachrüstungen geplant). Was ihm ebenfalls auffiel: Als er die Sicherheitskontrolle passierte, musste das Röntgengerät neu gestartet werden. „Ganz schön niedrig, die Decken im Untergeschoss“, meint Daniel Gentzsch.

Ein 54 Jahre alter Probebetriebsteilnehmer aus Berlin, der nur seinen Vornamen Sven verraten will, findet die Architektur am BER ziemlich klotzig - vor allem die Parkhäuser und das Hotel Steigenberger. „Ganz schön viel Beton“, sagt er. Dann geht es zur Sicherheitskontrolle. Als Passagierin Babette Paul reist er mit einer roten Rolltasche voller Altkleider nach Hilversum.