Die Montagsfreiwilligen: Initiatorin Carola Muysers in der Hasenheide in Neukölln. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Das ganze Ausmaß des Problems ist bereits nach einem Meter für jeden sichtbar. Gleich hinter dem Eingang zur Hasenheide liegt er massenhaft herum, der Müll. Dort ein altes Bügelbrett, da ein Karton, der vom Regen aufgeweicht ist, hier drei Hosen, zwei Pullover, ein Hemd. Da ein paar Dinge, von denen niemand sagen kann, was sie mal waren, von denen aber jeder weiß, dass sie nicht in einen Park gehören.

Ein paar Meter weiter versammelt sich eine Gruppe zur Lösung des Problems. Es ist Montag, zehn Uhr. Die Putzgruppe von Carola Muysers versammelt sich zum Müllsammeln. Muysers, eine 59 Jahre alte promovierte Kunsthistorikern, begrüßt alle herzlich. Es ist die vierte Putzaktion, und sie sagt, dass beim ersten Mal drei Leute kamen, beim zweiten Mal fünf. Dieses Mal sind es knapp 20. Sie ruft: „Es gibt nicht viel zu sagen: Müllsammeln ist halt Müllsammeln.“ Auf die Frage, wie lange die Aktion dauert, sagt sie: „Ich mache maximal zwei Stunden, ihr könnt so lange machen, wie ihr wollt. Auch an jedem anderen Tag. Es gibt so viel Müll, der auf uns wartet.“

Die Realität nach einem Party-Wochenende. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Freiwilliges Müllsammeln ist seit Jahren leider eine Notwendigkeit in dieser Stadt, da die Grünflächenämter es einfach nicht mehr schaffen. Ein Brennpunkt ist seit Wochen der Volkspark Hasenheide in Neukölln, der genau an der Grenze zu Kreuzberg endet. Er steht auf Platz 14 der größten Parks der Stadt. Überregionale Bekanntheit bekam er vor zwei Wochen, als etwa 3000 Jugendliche dort am Wochenende ausgelassene „Corona-Partys“ feierten und die Polizei bis in den Morgen brauchte, um das verbotene Treiben aufzulösen.

Carola Muysers ruft den Freiwilligen zu: „Ihr müsst nicht in die Büsche, wenn ihr euch nicht traut. Da ist echter Hardcore-Müll.“ Sie erzählt von den Spritzen der Drogensüchtigen, von vollgekackten Schlafsäcken, von Unterwäsche. Sie hat aber auch noch eine gute Botschaft. „Wir haben einen Sponsor. Er hat mir 300 Euro in die Hand gedrückt. Davon kaufen wir Kaffee und Kuchen für alle.“

Als sich die Leute verteilt haben, erzählt sie, warum sie die Gruppe gegründet hat. „Ich bin keine Anwohnerin, sondern komme aus Kreuzberg. Mit sechs, sieben Leuten habe ich eine Tanzgruppe, und wir treffen uns immer hier.“ Als sie das auf Facebook schrieb, gab es einen Shitstorm. Die Leute regten sich auf: Wie könnt ihr in dieser Müllhalde tanzen? Da muss der Staat doch mal was machen. „Einer schrieb, dass sein Hund schon zweimal eine Überdosis hatte, weil er irgendwelches verdrecktes Zeug gefressen hatte.“ Also wandte sie sich an den Bezirk, erfuhr, wie die Realität ist, und gründet die Gruppe „Clean up Hasenheide“.

Sie erzählt, dass diese Aktionen für sie auch eine Art Friedensarbeit ist: „Wir verbinden alle miteinander, alle Generationen, Hautfarben und Überzeugungen. Und wir sammeln den Müll von Leuten, die wir am liebsten anmeckern würden. Das gibt uns inneren Frieden.“

An Sommertagen bis zu 25.000 Leute in der Hasenheide

Als auch sie mit ihrem Müllsack loszieht, bleibt Rainer Sodeikat zurück und freut sich. Er ist 58 Jahre alt und arbeitet seit 30 Jahren beim Grünflächenamt und ist auch für die Hasenheide zuständig. „Ich bräuchte viel mehr von solchen freiwilligen Gruppen“, sagt er. Denn die Ämter könnten die Massen an Müll gar nicht bewältigen. Seine Truppe umfasst 20 Leute und ist für einen Bereich zuständig vom Teltowkanal bis Kreuzberg. „Wir können nur Schwerpunkte regelmäßig betreuen.“ Er erzählt, dass vor Jahren eine Studie über die Nutzung der Hasenheide gemacht wurde: An Sommertagen sind dort bis zu 25.000 Leute unterwegs. „Seit Corona werden es immer noch mehr. Die Kneipen waren dicht, die Clubs sind es noch immer. Und bei uns ist fast jede Nacht Corona-Party.“

Amina Staroste und ihre Mutter Uta. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Wegen der riesigen Müllmengen hat Sodeikat 57 große Stahlkörbe aufstellen lassen, die jeweils einen Kubikmeter Müll fassen. Er bräuchte aber 200. Wenn die vorhandenen nach einem Partywochenende voll sind, dauert es zwei Tage, alle zu entleeren. Da bleibt kein Geld und Personal, um auch noch all das einzusammeln, was rumliegt. „Es gibt nur zwei Lösungen: Entweder kommen mehr Freiwillige und räumen auf. Oder jeder bringt eine Tüte mit und nimmt nach dem Parkbesuch seinen Müll wieder mit“, sagt er. „Ist doch eigentlich ganz einfach.“

Amina Staroste hebt gerade mit ihrem Müllgreifer eine Zigarettenschachtel auf. Die 18-Jährige ist mit ihrer Mutter Uta zum zweiten Mal dabei. „Wir haben davon im Internet gelesen, und ich wusste sofort: Da machen wir mit“, sagt die 58-Jährige. „Es sieht wirklich krass aus“, sagt die Tochter, die kürzlich Abitur gemacht hat. „Es ist schon traurig, zu sehen, wie unsere grüne Oase verdreckt.“ Sie erzählt, dass die Party-Leute gar nicht aus den Kiezen ringsum kommen. „Ich kenne niemanden von uns, der da mitmacht“, sagt sie. „Das sind Leute, die kommen von weit her, machen hier Lärm und Dreck und lassen uns dann ihren Müll hier.“ Sie bückt sich und hebt eine leere Whisky-Flasche auf.

Am anderen Ende der Wiese ist zu sehen, dass ein Obdachloser auf einem Schlafsack halb im Gebüsch schläft. Amina sagt: „Es macht zwar nicht so richtig Spaß, aber es ist nun mal nötig.“

Die Montags-Freiwilligen

  • „Clean up Hasenheide“ trifft sich jeden Montag, 10 Uhr an der Minigolf-Anlage in der Hasenheide.
  • Es soll wohl auch eine Early-Bird-Gruppe gegründet werden, die ab 7.30 Uhr sammelt.
  • Infos über: m@berlin-woman.de