Die Tauentzienstraße in der City West ist eine der wichtigsten Einkaufsmeilen der Stadt. Foto: imago images/Stefan Zeitz

Nach der Friedrichstraße in Mitte soll eine weitere Einkaufsmeile autofrei werden – zunächst für einen Tag. Berliner Bürger planen für den 10. Oktober einen autofreien Aktionstag in der Tauentzienstraße in Charlottenburg. „Auch dort wollen wir zeigen, was eine Straße dieser Art sein könnte: eine Flaniermeile, auf der Menschen entspannt unterwegs sein können“, sagte Matthias Dittmer. Er ist Sprecher des Bündnisses „Stadt für Menschen“ und der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Grünen.

Am zweiten Oktober-Sonnabend soll ein Teil der wichtigsten Einkaufsstraße im Herzen der City West nur noch für BVG-Linienbusse befahrbar sein. Außerdem soll es die Möglichkeit geben, Pedelecs, E-Scooter und andere elektrische Vehikel auszuprobieren. Alle anderen Kraftfahrzeuge werden umgeleitet. Dafür stünde die Lietzenburger Straße zur Verfügung, so Dittmer. Die Sperrung des Tauentziens soll an der Einmündung der Rankestraße beginnen und zwei oder drei Blöcke Richtung Osten reichen.

Senat begrüßt das Projekt

Der Senat äußerte sich positiv. „Wir begrüßen es, wenn Initiativen aus der Stadtgesellschaft mit Aktionen zeigen, wie der Straßenraum in der Stadt anders genutzt und erlebt werden kann“, sagte Dorothee Winden, Sprecherin der Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne). „Das ist im Sinne einer Verkehrspolitik, die auf weniger Kfz-Verkehr, mehr Aufenthaltsqualität und damit auf mehr Lebensqualität setzt.“

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„Ein autofreier Aktionstag lässt einen Ort völlig neu erleben“, so der Grünen-Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbhaar. „Mehr Platz zum Flanieren und Verweilen auf wichtigen Einkaufsstraßen schafft einen qualitativen Mehrwert für die ganze Stadt – und regelmäßig auch mehr Umsatz für den Einzelhandel.“ Autofreie Straßen seien nichts Ungewöhnliches mehr: „Das wissen die, die auf der Straße des 17. Juni auf der Fanmeile oder bei der Love-Parade waren, temporäre Spielstraßen im Kiez nutzen, an Demonstrationen teilnehmen, Straßenfeste und Märkte besuchen.“ Aktionstage dieser Art sollten auch woanders stattfinden – zum Beispiel in der Karl-Marx-Straße in Neukölln, in der Skalitzer Straße in Kreuzberg oder der Berliner Allee in Weißensee. Sie könnten zu einer Berliner „Erfolgsgeschichte“ werden, sagte Matthias Dittmer.

Das Bündnis „Stadt für Menschen“ hatte Ende 2018 eine Sperrung eines Teils der Friedrichstraße organisiert. Es war der erste Aktionstag dieser Art in Berlin. „Das war die Initialzündung“, so der Sprecher. Zusammen mit Changing Cities und anderen Akteuren wurden Pläne für eine längerfristige Unterbrechung des Autoverkehrs erarbeitet.

Sperrung der Friedrichstraße sorgt für Kritik

Wie berichtet, bereitet das Bezirksamt Mitte nun den Verkehrsversuch autofreie Friedrichstraße vor, der voraussichtlich Mitte August beginnt und bis Ende 2020 dauert. Das Vorhaben trägt dort den Titel „Friedrich, the Flâneur“. Doch die nun absehbare Sperrung des Abschnitts zwischen der Französischen und der Leipziger Straße, die nicht für Fahrräder gilt, stößt bei Anrainern auf Kritik. Aus Kreisen der Gewerbetreibenden hieß es, dass Klagen gegen die jüngst erfolgten Anordnungen nicht ausgeschlossen sind.

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Nicht nur dort, auch in Charlottenburg gibt es Skepsis. Eine kurzzeitige Straßensperrung wäre nicht sinnvoll, sagte Klaus-Jürgen Meier, Vorstandsvorsitzender der AG City, der Berliner Zeitung. Einzelaktionen dieser Art „können nichts bringen“ -außer Stress. Sie wären auch kundenfeindlich. Wichtiger wäre es, die Charta City West 2040 umzusetzen, die auf einem Gesamtkonzept basiere, mahnte Meier. Dieser Masterplan sieht unter anderem vor, den Nahverkehr zu bevorzugen, den Fuß- und Radverkehr zu stärken sowie neuen Mobilitätsformen den Weg zu bereiten.

Charta empfiehlt „City-Maut-Zone“

„Die Mobilität der Zukunft in der City West ist voll vernetzt, digital und emissionsfrei: vielfältige, nachhaltige und flexible Mobilitätslösungen stehen den Menschen in der City West rund um die Uhr zur Verfügung“, heißt es darin. „Ein öffentlicher Nahverkehr neuer Qualität bildet das Rückgrat des Verkehrs und vernetzt die City West mit der Stadt. Private Fahrzeuge sind kaum noch nötig und werden durch C02-frei betriebene und autonom fahrende Schwarmfahrzeuge ersetzt. Durch den radikal abnehmenden Kfz-Verkehr werden Verkehrsflächen frei, die konsequent dem Fuß- und Radverkehr zurückgegeben werden.“ In den Handlungsempfehlungen der Charta wird gefordert, „Rechtsgrundlagen für die Einführung einer City-Maut-Zone“ zu schaffen.

Bisher sei die AG City nicht darüber informiert worden, was die Aktivisten für den 10. Oktober auf der Tauentzienstraße planen, sagte der Vorsitzende der AG City. Meier: „Mit uns hat noch niemand gesprochen.“