Als Neuköllnerin wohnt unsere Autorin seit ein paar Tagen in einem Corona-Risikogebiet. Foto: imago images/Rüdiger Wölk

Ein wenig fühle ich mich wie eine Aussätzige. Als Neuköllnerin wohne ich seit ein paar Tagen in einem Corona-Risikogebiet. So wie die Bewohner von Berlin-Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg auch. In einem Risikogebiet im Inland, wie es heißt. Würde ich demnächst nach Schleswig-Holstein fahren wollen, oder nach Rheinland-Pfalz, müsste ich zwei Wochen lang in Quarantäne. Bei Verstößen sind Bußgelder bis zu 10.000 Euro möglich, erfahre ich auf der Webseite von Schleswig-Holstein.

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Hat es Sinn, Berlin in seine Bestandteile zu zerlegen, sich einzelne Bezirke herauszupicken? Klar, die Zahlen liegen vor, Neukölln ist mit rund 330.000 Bewohnern eine Großstadt. Und Einreiseverbote haben sich leider als sinnvolles Mittel gegen die Ausbreitung von Corona erwiesen. Andererseits lebt man in Berlin nicht in seinem Kiez, man lebt in der ganzen Stadt. Mit Freunden habe ich mich kürzlich in einem Restaurant in Wilmersdorf getroffen, demnächst gehe ich in die Schaubühne, sie liegt in Charlottenburg, im Kino war ich in Schöneberg. Darüber denke ich normalerweise gar nicht nach. Berlin ist für mich eine Stadt. Doch jetzt ist mein Bezirk eine Art deutsches Wuhan. Und die Herbstferien stehen vor der Tür.

Es soll zu meiner Mutter gehen, sie wohnt in Baden-Württemberg. Zum Glück. Denn die lassen uns rein. Noch wenigstens. Wer weiß, wie es in ein paar Tagen aussieht. Aber selbst, wenn Baden-Württemberg Neukölln nicht als Risikogebiet einstuft – ist es verantwortungsbewusst, das föderale Chaos in Deutschland mit seinen unterschiedlichen Regelungen auszunutzen? Zumal meine Mutter mit ihren über 80 Jahren zu einer Risikogruppe gehört. Meine Verunsicherung wächst. Ein wenig fühle ich mich an die Anfangszeit von Corona erinnert. Damals im März habe ich meine Reise in die alte Heimat nicht angetreten.