„Präsident“ Aurick Günther präsentiert stolz sein DDR-Restaurant Volkskammer – auch wenn es im zweiten Lockdown besonders schwer ist, durch die Krise zu kommen. Foto: Berliner KURIER/ Dajana Rubert

Die Stühle sind vierzig Jahre alt. Aber top in Schuss. An der Pinnwand hängen alte Markscheine. Nicht D-Mark. Honecker grüßt vom Schwarz-Weiß-Bild an der Wand und das Besteck ist aus Aluminium. Willkommen in der wunderbar ostigen Welt der „Volkskammer“. Ja, sie haben richtig gelesen. So heißt es, Berlins DDR-Restaurant par excellence. Würzfleich, Jägerschnitzel und Wurstgulasch stehen ebenso auf der Karte wie Rohkostsalat und Kalter Hund. Auf den Teller kommt nur, was Mutti schon vor 40 Jahren kochte. „Präsident“ Aurick Günther weiß, dass er bei seinen Gästen mit der Liebe zum Detail in seinem Laden richtig punktet – dank Corona jetzt auch mit Lieferdienst. Krisen kennt der 51-Jährige und ist optimistisch, auch diesmal irgendwie durchzukommen.

Was verbirgt sich hinter dem Mythos Ostgerichte?

Aurick Günther: Letztendlich muss man sagen: Das, was da war, wurde verarbeitet. Wir hatten damals nicht die Auswahl an Lebensmitteln, die es heute gibt. Also hieß es zu Ostzeiten: kochen nach den vorhandenen Möglichkeiten. Die DDR-Küche ist deshalb schlicht. Und kalorienhaltig. Fleisch, Butter, Speck hat eben Kalorien, aber das macht die Gerichte aus.

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Was fasziniert Sie an der Ostküche so sehr, dass Sie ein DDR-Restaurant führen?

Ich bin gelernter Koch, habe auch im Ausland gelebt, in der Schweiz und in London gearbeitet. Aber ich muss sagen: Nur DDR-Köche können aus wenig viel machen. DDR-Köche brauchen keinen Trüffel für ein leckeres Gericht. DDR-Köche verarbeiten bis zum letzten Zipfel alles. Da wird kaum etwas weggeschmissen. Das beste Beispiel ist Soljanka: Da kam früher hinein, was übrig war. Ganz so ist das heute natürlich nicht mehr. Aber Ost-Gerichte schmecken einfach immer nach zu Hause.

Ein deftiges Steak au four ist auch bei den Gästen der Volkskammer sehr beliebt. Foto: Berliner KURIER/ Dajana Rubert

Sie sagen es selbst: DDR-Küche ist sehr kalorienhaltig. Und damit sicherlich nicht besonders gesund …

Nein, das würde ich so nicht unterschreiben. Der DDR-typische Rohkostsalat ist zum Beispiel gesünder als Blattsalat. Es sind mehr Vitamine und Ballaststoffe darin. Unsere Gäste bekommen immer vorab einen kleinen Rohkostsalat aus den typischen drei Ostsalaten: Möhre, Rotkohl und Weißkohl. Viel mehr Auswahl gab es nicht. Und ganz ehrlich: Früher konnte man das nicht mehr sehen.

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Damals kamen die Lebensmittel eben aus der Region …

Wir hatten zu Ostzeiten Erbsen, Möhren, Brokkoli, Schwarzwurzel, später auch Spargel. Aber viel größer war die Auswahl nicht. Es hat gereicht. Auch heute biete ich in meinem Restaurant kein anderes Gemüse an. Und die Gäste fragen auch nicht danach.

Alles wurde saisonal verarbeitet. Das ist in unserer heutigen Konsumgesellschaft nicht mehr denkbar. Heute kommen Tomaten aus Holland und Gurken aus Indien.

Salatgurken sind das beste Beispiel dafür, warum das Quatsch ist. Heute haben sie zigtausend Kilometer auf dem Buckel, ehe wir sie in den Händen halten. Und sie schmecken nach nichts. Früher haben wir Salatgurke als Snack am Stück gegessen. Etwas Salz drauf. Lecker. Das kannst du der Jugend von heute gar nicht mehr erklären.

Welches Gericht ist bei Ihnen am meisten nachgefragt?

Wir haben 28 Gerichte, inklusive Desserts und Salate, auf der Karte. Der klare Favorit bei den Gästen ist das Steak au four. Danach kommen der Broiler und das Jägerschnitzel, zum Nachtisch Kalter Hund und Windbeutel.

Mandora ist eine Orangenlimo aus einer spezieller Ost-Flasche – auch die gibt es in der Volkskammer.  Foto: Berliner KURIER/ Dajana Rubert

Und welche Getränke servieren Sie dazu?

Mandora ist eine Orangenlimo aus einer spezieller Ost-Flasche. Der einzige Lieferant kommt aus Thüringen, hat aber eine Zweigstelle in Berlin. Aubi-Bier ist die Ostvariante von alkoholfreiem Bier. Bei den Cocktails steht Koks hoch im Kurs, eine Mischung aus Eierlikör und Kirschlikör.

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Wie sind Sie bisher durch die Corona-Krise gekommen – müssen die Gäste um ihr DDR-Restaurant fürchten?

Der zweite Lockdown hat uns hart getroffen. Härter als der erste. Bei der ersten Schließung haben wir das gesamte Restaurant auf den Kopf gestellt und nebenbei geliefert. Aber dieses Mal ist es irgendwie schwerer. Die Rechnungen laufen weiter und müssen bezahlt werden. Wenn uns der Staat nicht unter die Arme gegriffen hätte, hätten wir schon ganz dicht machen müssen. Noch bin ich aber optimistisch, dass wir durch diese schwere Zeit kommen werden.

Wie wird der Lieferdienst angenommen in der Krise? Was bestellen die Kunden besonders gern?

Die Gäste, die wissen, dass wir auch liefern, nehmen unseren Service sehr gerne an und freuen sich. Sie bestellen die Karte hoch und runter. Aber das reicht nicht. Wir kämpfen jeden Tag um neue Gäste. Wir haben so viel Werbung gemacht – aber anscheinend doch zu wenig.

Info: Volkskammer - DDR-Restaurant: Str. d. Pariser Kommune 18a; 10243 Berlin; 030/ 20 68 75 49; www.volkskammer.de

Von Vorspeise mit Mixgetränk ist hier alles richtig ostig – in der Speisekarte der Volkskammer. Foto: Berliner KURIER/ Dajana Rubert