Maria verdeckt ihre Glatze unter einem Tuch.  Gerd Engelsmann

Die erste kahle Stelle war so groß wie ein Cent-Stück. Sie bemerkte sie vor fünf Jahren über ihrem rechten Ohr. Dann verlor sie binnen von drei Monaten sämtliche Haare am Kopf und am gesamten Körper. Maria Otto (33) leidet unter Alopecia Areata Totalis (kreisrundem Haarausfall).

„Warum trägst Du Glatze?“ Das wird die junge Frau aus Strausberg oft auf der Straße von wildfremden Menschen gefragt. „Viele denken ich habe Krebs oder bin Feministin“, sagt Maria Otto.  Unter der Stigmatisierung leide sie mehr, als unter dem Verlust ihrer langen blonden Haare, die mal weit bis über die Schulter gingen. Sie war 29, als die Krankheit Ende Oktober 2015 ganz unvorbereitet ausbrach. „Du hast da zwei kahle Stellen am Kopf“, bemerkte ihr Friseur, als er ihr die Haare schnitt.

„Schon morgens nach dem Aufwachen hatte ich unzählige Haare auf meinem Kissen“

Da ihr Mutter und auch die Großmutter selbst unter Alopecia litten und zu Stresszeiten immer mal wieder mit kahlen Stellen, die dann recht schnell wieder zuwuchsen, zu kämpfen hatten, habe es sie nicht gleich in Unruhe versetzt. Doch der Haarausfall wurde immer stärker. „Schon morgens nach dem Aufwachen hatte ich unzählige Haare auf meinem Kissen“, erinnert sie sich. Maria Otto recherchierte im Internet stundenlang über kreisrunden Haarausfall. Schließlich suchte sie einen Hautarzt auf, der dann die Erkrankung diagnostizierte.

Vor fünf Jahren hatte Maria noch lange blonde Haare. Heute trägt sie Glatze. Foto: Maria Otto

„Er erklärte mir kurz, dass Alopecia zu den Autoimmunerkrankungen zählt, mein Immunsystem quasi meine Haare als Fremdkörper ansieht und deswegen abstößt und der momentane Stress für das Ausmaß der Erkrankung eine große Rolle spielt“, sagt Maria Otto. Das passte. Denn zu diesem Zeitpunkt war ihr Vater sterbenskrank und sie musste ihn bis zu seinem Tod pflegen. Der Arzt habe ihr cortisonhaltige Medikamente verschrieben. Trotz allem aber wurde das Haar der jungen Frau immer schütterer. Die letzten Strähnen, „von denen sie sich nicht trennen konnte“, habe ihr Bruder abrasiert.

„Ich habe mich plötzlich sehr hässlich gefühlt und mich nur noch zu Hause versteckt“

„Mit den paar Fransen siehst du richtig krank aus“, habe er gesagt. Sie versteckte die Glatze unter Tüchern und eine Zeit lang auch unter einer Perücke. Inzwischen waren ihr auch alle Wimpern, Augenbrauen und die restlichen Haare am Körper ausgefallen. Maria Ottos litt nun sehr unter ihrem stark veränderten Äußeren. Die Erzieherin hatte vor allem Angst, an ihrem Arbeitsplatz in einer Kindertagesstätte von Eltern und Kinder angesprochen zu werden. „Ich habe mich plötzlich sehr hässlich gefühlt und mich nur noch zu Hause versteckt“, erzählt sie heute. Maria Otto holte sich noch eine weitere ärztliche Meinung ein. Doch es gebe keine Therapie, die langfristig helfen könne, wurde ihr gesagt. Fünf Jahre später hält Maria Otto ihre Tochter Luka (16 Monate) in den Armen.

Das kleine Mädchen war ein Wunschkind, wie sie sagt. Den Vater ihres Kindes, Marcel, lernte sie 2016 im Internet kennen. „Ich schrieb ihm kurz vor unserem ersten Treffen, dass ich keine Haare mehr habe und ich verstehen kann, wenn er mir aus diesem Grund absagt.“ Doch er ließ sich nicht abschrecken und sie wurden ein Paar. „Er hat mir geholfen, mein Selbstwertgefühl wieder aufzubauen und liebt mich so, wie ich bin“, sagt Maria Otto. Nur manchmal, da hofft sie noch immer, dass ihre Haare eines Tages wieder wachsen. In der Schwangerschaft gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Da habe sie langsam wieder einen dunklen Flaum auf dem Kopf gehabt.

Doch das Glück war nur von kurzer Dauer. Nur wenige Monate nach der Geburt seien sie schon wieder ausgefallen. Maria Otto steht heute fest zu sich, auch ohne Haarpracht. Sie hat angefangen zu schreiben: www.ichsehewasdunichtsiehst.de heißt ihr Blog. Damit will sie ihre Krankheit verarbeiten und auch anderen Betroffenen Mut machen. Sie sagt: „Ich habe kein Arm oder Bein verloren, nur meine Haare. Ich kann doch noch alles machen.“