Eine leere Hafenbar: Hier steigt freitags die virtuelle Party.   Foto: Gerd Engelsmann

Sie tanzen allein und mixen Drinks, die niemand bestellt hat. In der traditionellen Hafenbar, die während der Corona-Krise schließen musste, ist niemandem nach Feiern zumute. Doch das, was aussieht wie eine Geisterdisco, hat einen sehr ernsten Hintergrund. Die Betreiber versuchen damit im Gespräch zu bleiben, um ihre Existenz zu retten.

„Ein bisschen Spaß muss sein, dann ist die Welt voll Sonnenschein“, ertönt Roberto Blancos Gassenhauer gegen 20.30 Uhr. Normalerweise würden die ersten Schlagerfans um diese Zeit schon vor der blau-weißen Eingangstür anstehen. Doch stattdessen sitzen sie zu Hause auf ihren Sofas starren von dort auf ihren Bildschirm. Die Party, die sie gerade erleben, spielt sich nur in den sozialen Netzwerken, bei Instagram und Facebook ab.

Noch nie länger geschlossen

Für die Unternehmerfamilie Schreiber ist die Zwangsschließung ein harter Schlag, von dem sie nicht wissen, ob sie sich jemals wieder erholen werden. „Die Hafenbar hatte noch nie länger geschlossen. Jetzt haben wir schon seit sieben Wochen zu“, sagt Christoph Schreiber (32).

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Seine Mutter Petra (50) hatte die ehemalige DDR-Disco vor 30 Jahren übernommen. Inzwischen führt ihr Sohn die Geschäfte. Großmutter Monika (69) ist noch als Toilettenfrau mit an Bord. Die Schreibers kennen stürmische Zeiten. Kurz nach der Wende mussten sie plötzlich mit den Clubs in West-Berlin konkurrieren. „Doch die Krise, die wir jetzt erleben, trifft uns so dramatisch wie nie zuvor“, sagt Christoph Schreiber.

Die Hafenbar-Familie: Großmutter Monika (69), Mutter Petra, und Sohn Christopher Schreiber (32) (v.l.). Sie kämpfen in der Krise ums nackte Überleben.
Foto: Gerd Engelsmann

In der Not kam das 40-köpfige Hafenbar-Team auf die Wohnzimmer-Disco-Idee. Jeden Freitag laden sie während der Ausgangsbeschränkungen zur Quarantäneparty und feierten so auch mit vielen Fans in den Mai. Bei Facebook hat ihr Livestream knapp 4500 Likes und Hunderte Mutmach-Kommentare wie „Haltet durch“ und „danke für ein Stück Normalität“ erhalten. Jeder Zuschauer kann ein Foto von sich einsenden, das bei der nächsten Disco an einer Wäscheleine auf der Tanzfläche ausgehängt wird.

„Was fehlt, ist die Zuversicht“

Eine halbe Stunde dauert die virtuelle Party, an der das Unternehmen nichts verdient, aber sie verschafft überlebensnotwendige Aufmerksamkeit. Viele Anhänger unterstützen ihre Hafenbar (www.hafenbar-berlin.de) derweil schon mit Käufen aus dem Online-Geschäft, wie Kaffeebecher, Anhänger und T-Shirts.

„Wir sind unseren jahrelangen Fans sehr dankbar und ganz gerührt über die zahlreiche Hilfe“, sagt Christopher Schreiber und seine Stimme schwankt ein wenig. Dennoch sei die Lage ernst und sehr bitter. „Was fehlt, ist die Zuversicht. Denn dass die Clubs die letzten seien, die wieder öffneten, sei ja unbestritten.“