Sebastian Haße gießt eine ganz junge Japanische Hopfenbuche auf dem Mittelstreifen einer viel befahrenen Straße in Neukölln. Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Er hat sich extra einen neuen Fahrradanhänger gekauft, und weil er für das eigene Tun werben will, hat er ihn auffällig gestaltet. Grüne Wimpel flattern im Wind und am Wagen hängen zwei selbst bemalte Schilder mit der Aufschrift: „Berliner Bäume-Wässerer-Mobil“.

Sebastian Haße hat im vergangenen Jahr eine eigene Gießgruppe in Neukölln gegründet – ihre Mission: Sie wollen in Zeiten der Dürre mithelfen, dass nicht noch mehr Berliner Stadtbäume eingehen.

Denn 2018 und 2019 waren in der Region Berlin-Brandenburg die heftigsten Dürrejahre seit Jahrzehnten. Massenhaft Bäume sind akut vom Austrocknen bedroht. Auch in diesem Jahr waren fast alle Monate deutlich zu trocken, nur der sehr regenreiche Februar sorgte dafür, dass das Niederschlagsdefizit bis Ende Juli sich nur auf 20 Prozent beläuft.

Die Trockenheit ist ein großes Problem, und die Grünflächenämter kommen mit dem Gießen nicht hinterher, obwohl der Senat den Bezirken in den Dürrejahren 2018/19 2,3 Millionen Euro zusätzlich für die Notbewässerungen bereitgestellt hat.

Zwei von vier Pumpen sind defekt

Als Erstes fährt Haße mit seinem Wassermobil zu einer Pumpe in der Hufeisensiedlung. „Wer einmal vier volle große Gießkannen zu einem Baum geschleppt hat, merkt wieder, wie schwer Wasser ist“, sagt der 41-Jährige. Deshalb hat er nun den Anhänger, denn die Wege für die Bäume-Retter sind lang. „Hier im Kiez gibt es zwar vier Pumpen, aber nur zwei funktionieren“, sagt er.

An einer füllt Haße seine Kannen und radelt dann 300 Meter zum Mittelstreifen der Blaschkoallee. Dort stehen alte Bäume und ganz junge.

Er geht zu einem dünnen Bäumchen, einer Japanischen Hopfenbuche, deren Blätter sehr schlapp aussehen. „Die steht erst seit ein paar Wochen, aber sie wird vom Amt kaum gegossen“, sagt er. „Deshalb machen wir das.“

Im vergangenen Jahr, als die Gruppe anfing, wollten sie vor allem die großen alten Bäume retten. „Wenn es damals schon die Internetseite Gieß-den-Kiez gegeben hätte, hätten wir diese Anfängerfehler nicht gemacht“, sagt Haße. „Dann hätten wir nur junge Bäume gegossen, weil die das meiste Wasser benötigen.“

Erst durch die Internetseite erfuhr er, dass alte Bäume viel tiefere Wurzeln haben, manchmal bis zum Grundwasser. „Junge Bäume brauchen deutlich mehr Wasser“, sagt Julia Zimmermann, die das Projekt Gieß-den-Kiez bei CityLAB Berlin leitet. Dort wurde über Monate eine Internetseite erstellt, die seit Ende Mai zugänglich ist. Hier sind die Daten zu 625.000 Stadtbäumen auf einer interaktiven Karte zusammengetragen.

So kann nun jeder Bürger einen Steckbrief zu jedem Baum anschauen. Dort ist zum Beispiel zu sehen, dass ein sechs Jahre alter Ahorn auf dem Mittelstreifen bei Sebastian Haße einen hohen Wasserbedarf hat und einmal pro Woche gern 200 Liter hätte. Der Ahorn daneben ist bereits 36 Jahre alt und benötig nur die Hälfte.

Die Karte zeigt auch, wie groß der Bedarf vor Ort ist, denn dort steht, dass es in dieser Gegend in den vergangenen 30 Tagen nur 44,9 Liter geregnet hat. Es wird auch angezeigt, wo sich Pumpen befindet.

Jeder kann dort sehen, dass Sebastian Haße in seiner Hufeisensiedlung 34 Ahornbäume „adoptiert“ hat. Das heißt, er hat sich verpflichtet, sie regelmäßig zu gießen. Dort steht auch, dass jeder Baum von ihm 25 Liter bekam.

„Wir wollen verhindern, dass sich zu viele Leute um dieselben Bäume kümmern“, sagt Julia Zimmermann. „Man kann Bäume auch übergießen.“

Das CityLAB ist ein Projekt der Technologie Stiftung Berlin, die es sich als gemeinnützige Organisation zum Ziel gesetzt hat, innovative technische Ideen zu unterstützen. Vor allem geht es darum, die Chancen der Digitalisierung zu zeigen. „In diesem Fall nutzten wir Daten der Grünflächenämter der Bezirke, die der Senat zusammenfasst“, sagt Stiftungssprecherin Frauke Nippel.

Leipzig und Düsseldorf haben Interesse am Projekt

Das Beispiel soll aufzeigen, wie öffentlich zugängliche digitale Daten zum Nutzen der Bürger eingesetzt werden können. Es soll nicht gewartet werden, bis eine Firma auf eine Idee kommt. „Die haben immer auch wirtschaftliche Interessen“, sagt die Sprecherin. „Wir wollen lieber gemeinsam mit den Bürgern Projekte entwickeln. Es geht um die Schaffung einer digitalen Infrastruktur im Sinne der Bürger.“

In diesem Fall stellten die Macher fest, dass es die Daten des Baumkatasters gibt, die bislang kaum öffentlich genutzt werden. Also wurden die digitalisierten Daten in die interaktiven Karten überführt.

Julia Zimmermann erzählt, dass sich über diese Seite immer mehr Leute vernetzen und Gießgruppen bilden. Die einen stellen große Tonnen voll Wasser auf, andere sammeln Geld, um das Wasser gemeinsam zu bezahlen. „Wir haben bislang 1200 angemeldete Nutzer, davon gießen 1030“, sagt Zimmermann. „Das heißt: Wer diese Plattform nutzt, ist auch aktiv.“

Und die Seite ist auch noch gar nicht fertig. Nun sollen als Nächstes all jene Bäume gekennzeichnet werden, um die sich die Grünflächenämter bereits kümmern und die diese von Firmen gießen lassen. So soll die Hilfe der Baum-Retter noch gezielter gesteuert werden.

Und die Baum-Retter-Idee scheint nicht nur in Berlin zu funktionieren. „Auch andere Städte wie Leipzig und Düsseldorf haben bei uns angefragt und wollen das Projekt für sich übernehmen“, sagt Julia Zimmermann. „Das ist ausdrücklich gewünscht.“ Den Quellcode für die Internetseite könne jeder nutzen. „Denn das Ganze ist kein kommerzielles Projekt, sondern wird von einer gemeinnützigen Stiftung getragen und ist dann quasi ein Geschenk an die anderen.“