Die Späti-Kultur ist ein Aushängeschild der Hauptstadt. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Bunte Discolichter flirren über den Gehsteig in der Oranienstraße. Es ist Wochenende, nach 22 Uhr. Stimmengewirr füllt die klare Nachtluft. Peng. Eine Flasche kracht auf den Asphalt. Am Tisch nebenan wird, davon unberührt, die nächste Runde Kurze mit Klatschen und Johlen in Empfang genommen. Die meisten Nachtschwärmer, die sich hier neben dem Oranienplatz treffen, bleiben lieber beim Klassiker: Flaschenbiere stehen auf improvisierten Möbeln, die der Betreiber der Spätverkaufsstelle aus Getränkekisten gebaut hat. Die bodentiefen Fenster des Ladens sind weit geöffnet, Gruppen sitzen darin wie im Schaufenster und verteilen sich vor dem Späti weiträumig über die Straße. Drinnen bedienen sich Kunden an den grell ausgeleuchteten langen Reihen gekühlter Flaschen und Dosen. Spätis sind in Berlin schon lange beliebt, aber noch nie waren sie es so sehr wie in diesem Sommer, dem Corona-Sommer.

Die Späti-Kultur ist ein Aushängeschild der Hauptstadt. Nirgendwo sonst wird die Kultur des Kiosks so gefeiert wie in Berlin. Sie sind rund um die Uhr geöffnet, mit dem Nötigsten und Wichtigsten ausgestattet, und – im Gegensatz zu anderen berüchtigten Berliner Szene-Institutionen – nicht bekannt für eine harte Türpolitik.

Das Konzept bedient die Bedürfnisse unterschiedlichster Gruppen: Den schnellen Kaffee am frühesten Morgen oder die dringende Packung Nudeln am späten Abend gibt es genauso wie das Drittbier für jene, die das geschäftige Ein- und Ausgehen als Kulisse der Entspannung wählen. „Für mich geht es um das Kiez-Gefühl“, sagt Johannes Jatho. Der 33-Jährige sitzt mit Mia Drobec auf den Sitzmöbeln, weil die beiden an diesem Abend den „sozialen Aspekt“ gesucht haben. Bars kommen für sie seit Corona nur bedingt infrage. Er habe „zurzeit nicht so Bock, irgendwo reinzugehen“, sagt Jatho. Vor einem Späti kann man man unverbindlich sitzen, beiden gefällt, dass es nicht so „organisiert“ abläuft. „Du gehst rein, nimmst dir, was du willst, kannst gehen, wann du willst“, sagt Drobec. Berlin, die Hauptstadt der Improvisation.

Weißer Wein und ein Mitarbeiter als DJ

Bis drei oder vier Uhr morgens öffnen sie an Wochenenden, erzählt der Mitarbeiter, der nicht genannt werden will. Während er hinter der Plexiglasscheibe abrechnet, die ihn von Trinkfreudigen trennt, bedient er gleichzeitig mit einer freien Hand das Musikprogramm auf dem Laptop. Der junge Mann, Kassierer und DJ in einer Person, erzählt: Die Polizei sei ein paar Mal da gewesen, hätte sich wegen des zu geringen Abstandes zwischen den Sitzgelegenheiten beschwert – und sei dann aber wieder abgezogen, sagt er achselzuckend.

Hannah Merzouki und ihre Gang an ihrem Lieblingsort: einem Späti in der Danziger Straße.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Im Gespräch behält er mit huschendem Blick den Laden im Auge: vor allem die vier Jungs, die rauchend an der Kaffeemaschine lehnen, aber auch die blond-gelockte Person in hochhackigen Schuhen, die subtile Tanzbewegungen am Stehtisch andeutet. Eine Frau aus Leicester mit maskenbedingt beschlagener Brille braucht einen Moment, um das Selbstbedienungskonzept zu verstehen. Schließlich sucht sie für ihre Freundinnengruppe eine Flasche Weißwein für 7,40 Euro aus, bekommt drei Gläser in die Hand und stößt zur Belohnung ein jauchzendes „I love it“ von sich.

Die Clubs sind zu, das Risiko in Kneipen ist vielen zu groß

Üblicherweise beginnt um diese Jahreszeit die Clubsaison. Die zehn Grad Außentemperatur – Tendenz: sinkend – würden üblicherweise spätestens jetzt die Feierbevölkerung zurück in die düsteren Keller und Hallen der endlosen Nächte treiben. Weil die Clubs aber noch immer geschlossen sind und es keine Aussicht auf baldige Veränderung gibt, sind es auch an diesem ersten kälteren Wochenende eben die Spätis, die spontanen Ausgleich zum Alltag versprechen. Und sei es nur ein bisschen davon.

Aber so wie die Nächte rund um die Spätis für viele, vor allem jüngere Leute im Sommer schon zum Routineprogramm geworden sind, so unklar sind die Perspektiven für die kältere Jahreszeit: „Ich habe richtig Angst vor dem Winter“, sagt Giorgio, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die Clubs sind zu, in Bars fühlt er sich auch mit Maske nicht sicher vor Corona. „Es gibt immer ein Risiko“, findet der 26-Jährige. Die Enge auf der Oranienstraße erscheint ihm weniger gefährlich. Denn immerhin ist er hier an der frischen Luft.

Ein anderer Abend, ein anderer Späti: Eine Gruppe von Kommilitonen sitzt in der Danziger Straße, nahe der Kollwitzstraße, und feiert einen gemeinsamen Projektabschluss an der Uni. „Für mich ist ein Späti ein Zwischenpunkt“, sagt einer. Auf dem runden Plastiktisch finden sich Tabak, Feuerzeuge und Kronkorken – und eine wilde Mischung unterschiedlicher Biersorten, als wäre sie ein weiteres Projekt der Gruppe. Normalerweise wären die Studenten nach der ersten Runde weitergezogen: in den Club, auf einen Rave. Jetzt bleiben sie erst mal hier und ziehen später vielleicht weiter zum nächsten Späti. Für Leute, die den Kontaktbeschränkungen auf unangemeldeten Partys trotzen – und sei es unter freiem Himmel –, haben sie hier nur wenig Verständnis.

Für manche ersetzen Spätis gerade die klassische Kneipe

Auch Hannah, Mascha und Luise, alle drei haben kürzlich ihr Abitur gemacht, treffen sich regelmäßig hier, bei ihrem Lieblingsspäti in Prenzlauer Berg, der ein Prototyp seiner Art sein könnte. „Jede Gang hat ihren Späti“, weiß die 18-jährige Mascha. Den jungen Frauen fehlen die Partys und sorglosen Feiern. Trotzdem wissen sie die Interims-Version ihres Nachtlebens zu schätzen: „Immerhin müssen wir nicht im dunklen Park sitzen“, sagt Luise. Für sie ist es auch eine Frage von Sicherheit. Wo auch andere sitzen, wo es Licht gibt und eine gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel, fühlt sich die fröhliche Runde sicherer. Sie spielen „Knack“, ein Kartenspiel, nippen an Sternis und wippen zu Songs von Outkast mit den Köpfen – die kommen aus ihren portablen Mini-Boxen.

Ob in der Danziger oder in der Oranienstraße, am Donnerstagabend wie in der Nacht zum Sonnabend: die Späti-Freunde wissen feuchtfröhliche Argumente zu zücken, wenn es um die Begründung ihrer Ortswahl geht. Nicht alle sitzen kompromisslos draußen, manch einer wäre lieber im schwitzigen Technoschuppen unterwegs. Doch die meisten Späti-Gänger scheinen überzeugt, sich selbst und dem Infektionsschutz einen Gefallen zu tun.

So sieht es auch Christine Inden in der Danziger Straße: Dass Bezirk und Anwohnerinitiativen in Mitte nun aufgrund von Lautstärke und Alkoholkonsum gegen die Spätis vorgehen, versteht sie überhaupt nicht. „Es macht doch keinen Sinn, das ausgerechnet jetzt zu tun“, sagt die 37-Jährige. „Spätis ersetzen für mich gerade die klassische Kneipe.“ Sich fürs Feierabendgetränk in Räumen aufzuhalten, findet sie verantwortungslos, allein schon wegen ihrer Arbeitskollegen im Büro. Sie steckt sich einen Filter in den Mundwinkel und dreht sich eine Zigarette. Sie sagt: Die Späti-Kultur habe eine eigene Offenheit, niemand werde ausgeschlossen – auch „weil sich jeder den Späti leisten kann“.

Sind die Spätis also das Substitut für die zur Zurückhaltung gezwungenen Nachtschwärmer? In diesem Corona-Sommer wurden sie dazu. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die neue Späti-Kultur auch den Winter überlebt.