Ein Anruf und das Warnschild an der Holz-Box leuchtet auf. Das Partyvolk am Böhmischen Platz ist dezent gewarnt.  Foto: Volkmar Otto

Wenn den Anwohnern abends der Partylärm auf dem Böhmischen Platz in Neukölln zu laut wird, wählen sie eine Telefonnummer. Nicht die der Polizei oder des Ordnungsamts, sondern die Nummer der Böhmi-Box. Der hölzerne Kasten steht am Rand des Platzes. Das Telefon klingelt laut. Schrift leuchtet auf: „Pssst! Denkt an die Nachbar*innen! Danke!“

„Als am Freitagabend der Platz wieder voll mit Menschen war und das Schild anging, wurde es tatsächlich leiser“, berichtet Stadtplaner Michael Pinetzki (40). Für ein paar Minuten zumindest. Er zählte etwa 150 Leute, viele von ihnen mit Späti-Bier in der Hand. Ein buntes Durcheinander.

Stadtplaner Michael Pinetzki (40) am Böhmischen Platz. Er und seine Kollegen hatten die Idee für die Böhmi-Box.    Foto: Volkmar Otto

Michael Pinetzkis Planungsbüro „AG Urban“ war beauftragt worden, das Zusammenleben auf dem Böhmi zu verbessern. Denn viele Leute kommen in diesem Kiez unweit der Sonnenallee zusammen: Austauschstudenten, Hipster, Familien, Künstler, Arbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund. „Der Platz ist übernutzt, viele Gruppen sind präsent, es gibt Beschwerden. Immer noch“, sagt der 40-jährige Stadtplaner. Und erschuf die Böhmi-Box samt Sitzgelegenheit, Blumenbeeten und eben dem lauten Telefon. Im Innern werden Sachen zum Tausch angeboten. 

Das Gute: Wer sich über die Box beschwert, bleibt anonym und ist nicht gleich der Spielverderber. Für das Partyvolk ist das Telefonklingeln mit blinkender Schrift im Vergleich zur Polizei entspannter. Pinetzki nennt die Box deshalb treffend „Empathieverstärker“.

Das Ehepaar Ali und Nural Karci (57 und 54) leben und arbeiten seit 30 Jahren im Kiez. Sie sehen Fortschritte, sagen sie. Foto: Volkmar Otto

Leise war es am Böhmi eigentlich nie, sagen die Anwohner wiederum. Lange brausten die Autos hier entlang. Vor einem Jahr wurde der Platz zur Fußgängerzone gemacht. Als die Autos weg waren, kamen dafür mehr Nachtschwärmer. Nural Karci (54) und Ali Karci (57), die  zusammen seit 30 Jahren einen Zeitungskiosk am Platz betreiben und über dem Kiosk wohnen, sehen jetzt aber einen Fortschritt. „Wir können zwar noch nicht bei offenem Fenster schlafen, aber die Situation ist besser als vorher. Wenn das Telefon nicht missbraucht wird, ist die Idee okay“, sagt das Paar.

Artur Albrecht (63) betreibt seit über zehn Jahren das „Kasper Theater Rixdorf“ am Böhmi. „Die Box ist ein geeigneter Kommunikationsort“, erklärt er. Am Böhmi zeige sich wie unter einem Brennglas, wie es in Berlin läuft, so Albrecht. 160 Nationen leben in Neukölln zusammen und für alles brauche es Lösungen. „Jetzt haben wir nach jahrelangem Autostau die einzige Fußgängerzone in Neukölln“, sagt er stolz. „Berlin! Schau auf diesen Platz!“