Pankower Autohaus  verurteilt an Fassade den Krieg. Hildebrandt

Bernd Quinque öffnet die Glastür zu seinem Auto-Showroom in Französisch-Buchholz im weißen Hemd und in Turnschuhen. Die Hündin Sissy scharwenzelt um seine Beine. Ein Foto? Lieber nicht. Seit er die großen Schaufenster an der Berliner Straße mit politischen Slogans zum Krieg beklebt, hat er nicht nur Freunde. Fremde werfen ihm vor, er sei ein Putin-Versteher.

Lesen Sie auch: „Putin klingt schon wie Adolf Hitler“: Sind diese Vergleiche erlaubt – und ist da was dran? >>

Über der Tür zum Eingang hat Bernd Qinque ein Bild angebracht: die ukrainischen und die russischen Farben gemeinsam, dazu eine Friedenstaube. Quinque spricht ruhig und bedacht, auch wenn er sich ärgert. Über einen Artikel etwa, der ihn und seine Aktion als prorussische Provokation darstellt. „Mir wurden da ein Einverständnis und eine Nähe zu diesem furchtbaren Krieg angedichtet, die ich so nicht stehen lassen will“, sagt er. Ausdrücklich betont er, dass er den abscheulichen Krieg verurteilt und dass das menschliche Leid in der Ukraine eine Katastrophe ist.

Lesen Sie auch: Sie ist Putins größte Propaganda-Tröte in Deutschland – und DAS ist der Schwachsinn, den sie verbreitet! >>

Welche Schuld tragen die NATO und ihre Mitglieder am Krieg in der Ukraine?

Bernd Quinque glaubt nur eben nicht, dass Russland allein verantwortlich für die Zuspitzung der Lage ist. So schreibt er es seit Beginn des Krieges an die Scheiben: „Die Nato inklusive Deutschland tragen eine riesige Verantwortung für diesen schlimmen Krieg“, steht dort etwa. Oder „Unsere Forderungen: sofortige Einstellung sämtlicher Kriegshandlungen, bedingungslose Verhandlungen, sofortiges Einstellen von Waffenlieferungen“. Oder: „Waffen in die Ukraine liefern, bedeutet, Deutschland will den Krieg.“

Lesen Sie auch: Nach Polizeibesuch wegen Heimunterricht: Familie springt aus dem siebten Stock, vier Tote>>

Es gibt unter Politik-Experten durchaus die Meinung, dass Waffenlieferungen aus dem Westen den Krieg künstlich verlängern. Und sicher hat der Westen im Umgang mit Russland in der Vergangenheit Fehler gemacht. Das gängige Narrativ in den Medien über den Ukraine-Krieg betont meist die ukrainische Perspektive. Bernd Quinque kritisiert diese Sichtweise als zu einseitig.

Hildebrandt
Quinque Autohaus

Die Diplomatie hat nicht versagt, meint er. Ihm komme es stattdessen manchmal so vor, als sei dieser Krieg gewollt. Am Ende sei es tragisch, wie ein Land wie die Ukraine zwischen den Großmächten aufgerieben werde.

Krieg in der Ukraine: Können Sprüche an der Scheibe etwas verändern?

Nun kann man es naiv finden, wenn ein Autohändler glaubt, seine Sprüche würden irgendetwas verändern. Dass Bernd Quinque von diesem Krieg nicht betroffen ist, kann man ihm nicht unterstellen. Wenn er von den Menschen auf der Flucht, ihren Traumata in den zerbombten Städten spricht, rutscht ihm die Stimme weg. „Mir geht das Schicksal der Kinder nahe“, sagt der 69-Jährige.

Selbstverständlich habe er bei sich bereits ukrainische Flüchtlinge beherbergt, aber auch gestrandeten russischen Kraftfahrern geholfen. Es wird ein Benefizkonzert in seinem Autohaus für ukrainische Geflüchtete geben, wie es auch schon eins für die Opfer der Flut im Ahrtal gab. Bernd Quinque ist in Pankow nicht unbekannt, seit über 37 Jahren verkauft er hier Autos. Erst Wartburg, jetzt Hyundai und Fiat, auch Chinesen hat er im Angebot.

Lesen Sie auch: Ein Ausflug in die Geschichte oder wie ein russischer Jagdbomber in den Berliner Stößensee fiel>>

„Die jetzige Situation überfordert mich, überfordert mein Gefühl“, gibt er zu. Doch er will weiter an seinen Scheiben plakatieren, wachrütteln, dazu aufrufen, genauer hinzuschauen und sich nicht mit einfachen Erklärungen zufriedenzugeben. „Wenn alle immer nur wegsehen, ist die Welt verloren“, sagt er. Die Tatsache, dass man dies in Berlin kann, unterscheidet uns von Putins Russland, auch das ist Quinque sehr wohl bewusst.

Shitstrom und miese Google-Bewertungen für Pankower Autohändler

Sicher sei sein Weg nicht gerade geschäftsfördernd. Seit dem Zeitungsartikel erhalte er miese Bewertungen im Internet, von Leuten, die nie seine Kunden waren. Er solle doch nach Russland gehen, schreiben die Leute. 50, 60 neue negative Einträge habe es seit Kriegsbeginn gegeben. Ein Putin-Freund sei er und ein Schwurbler, der Propaganda verbreitet. Doch die Einbußen nehme er in Kauf. „Wenn jeder immer wegguckt und auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, kommen wir nicht weiter“, sagt Bernd Quinque.

Es sind Argumente wie die des Politikwissenschaftlers Johannes Varwick, die Quinque zum Nachdenken bringen. Varwick ist Professor für Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle-Wittenberg und sagte etwa in einem Streitgespräch auf n-tv: „Ich bin überzeugt, dass wir den Krieg hätten verhindern können, wären wir der russischen Perspektive ein Stück weit entgegengekommen.“ Russland habe bei vielen Gelegenheiten signalisiert, dass es unzufrieden ist mit der europäischen Sicherheitsordnung. „Unser Versäumnis ist es, erst darauf reagiert zu haben, als Russland im vergangenen Jahr den militärischen Druck erhöhte.“

Zu einfache Logik: Wir sind die Guten, wir bedrohen niemanden

Faktisch bedrohe die NATO Russland nicht, so Varwick weiter. „Die NATO ist ein Bündnis von 30 Demokratien, ein Angriffskrieg gegen Russland wäre innerhalb des Bündnisses niemals mehrheitsfähig. Das wissen die Russen natürlich auch. Dennoch ist nachvollziehbar, dass eine Großmacht gegenüber einem Klub, dem sie nicht angehört, eine gewisse Skepsis hat. Wir würden es uns zu einfach machen, wenn wir sagen: Wir sind die Guten, wir bedrohen niemanden.“

Es sich zu einfach machen, auch dagegen textet der Pankower Autohändler, der auch schon gegen eine Impfpflicht Stellung an den Scheiben bezog, im Wochentakt immer neu an. Seine Mitarbeiter sehen die Aktionen ihres Chefs und seine kontroversen Ansichten mit Skepsis. Unterschiedliche Meinungen würden sie hier aber aushalten, ist sich Quinque sicher.