Bauarbeiter Alexander Höhäusel hält einen der gefundenen Schädel in seiner Hand. Foto:  privat/Saltuk

Eigentlich wollte Bauarbeiter Alexander Hohäusel sie schon in den Müll werfen. Zwei Tierschädel, die er bei der Grabung für eine Zisterne auf dem Hof der Weißenseer Wohnsiedlung an der Falkenberger Straße fand. Zwei Meter tief hatte der 53-Jährige mit dem Bagger im Erdreich gewühlt, als plötzlich die Tierknochen in der Schaufel lagen. „So etwas finden wir öfter in Berlin und werfen sie weg“, sagt Hohäusel. Wie konnte er denn auch wissen, dass er mit diesen Schädeln zwei Zeugen einer großen Schweinerei aus dem Boden geholt hatte, die einst in Weißensee geschah.

Kerem Saltuk (51) an der Stelle, wo die Schädel gefunden wurde. Der Fotograf, der in den gegenüberliegenden Häusern wohnt, dokumentierte den Fund. Fotos: Sabine Gudath

Durch Zufall kam Anwohner Kerem Saltuk (51) dazu. Der in der Türkei geborene Fotograf, der unter anderem in Kanada Reportagen machte, in der dortigen Wildnis Eisbären ablichtete, witterte etwas Besonderes, als er die Schädel sah. „Ihre fast bronzene Färbung, die dicke Erdkruste, die daran klebte, lassen vermuten, dass die Köpfe schon sehr lange dort vergraben waren“, sagt er . „Vielleicht sind sie sogar prähistorisch.“

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Saltuk nahm die Schädel an sich, um der Sache genauer auf den Grund zu gehen. Zunächst galt es zu klären, von welchen Tieren sie stammten. „Irgendwie haben die Schädel, die so groß wie ein Basketball sind, Ähnlichkeiten mit Schweineköpfen“, so Saltuk. Möglich, dass die Köpfe von zwei wilden Ur-Berliner Borstenviechern stammen.

Der Fotograf bat das Naturkundemuseum um Hilfe. Dort wurden die Schädel von Experten untersucht. Ihr Ergebnis: Die Köpfe stammen vom Sus scrofa forma domestica. Das ist kein Ur-Vieh, sondern ein ganz normales Hausschwein. Etwa zwei Jahre alt dürften die beiden Tiere gewesen sein. Ihr Geschlecht konnte nicht festgestellt werden.

Der zweite Schweineschädel: Fast 100 Jahre lag er in dieser Weißenseer Siedlung unter der Erde. Foto:  privat/Saltuk

So ernüchternd klar das Ergebnis auch klingt: Ein Rätsel können die Experten nicht lösen. Denn es bleibt eine Frage offen: Wer hat wann und warum mitten in Berlin in einer Wohnsiedlung Schweineköpfe vergraben?

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Die Antwort findet der KURIER im Museum Pankow bei Archivarin Beate Boehnisch. Sie entdeckte alte Unterlagen zu dem Hof an der Falkenberger Straße, aus denen hervorgeht, dass dort 1884 ein Wohnhaus mit Stall und Scheune stand. Ab 1923 fand dort eine echte Schweinerei statt. „Die Gebäude wurden illegal als Schlachthaus betrieben, in dem die Fleischerei Bagusat auch TBC-befallene Rinder tötete“, sagt Boehnisch. Die gefundenen Schweineköpfe stammten offenbar aus dieser Zeit. Das Schlachthaus gab es bis 1940.

Die Schädel, die nun zur Aufklärung zu einem Stück Berliner Stadtgeschichte beitrugen, sind jetzt in der FU Berlin, dienen künftigen Veterinärmedizinern als Studienobjekt.