Die Verwaltungsbeamtin Christina Hanwig-Köhler vor dem Rathaus Reinickendorf. Sie arbeitet fachfremd im Lagezentrum und ruft Bürger an, um Kontakte zu Infizierten zurückzuverfolgen.  Foto: Jörg Carstensen, dpa

Sie hat ein Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen: Christina Hanwig-Köhler sitzt seit Mitte März am Telefon der Corona-Hotline. Die Verwaltungsbeamtin aus dem Bezirksamt Reinickendorf erzählt dem KURIER, was sie in ihrem neuen Job erlebt.

„Ganz ehrlich, bei den ersten Gesprächen hatte ich innerlich Schnappatmung“, sagt sie. „Ich wusste gar nicht so genau: Was sag ich den Leuten denn?“ Gerade mal eine Viertelstunde blieb ihr für die Einarbeitung.
Die Nachverfolgung von Fällen und die Gespräche mit Kontaktpersonen gehören für das Berliner Robert Koch-Institut zu den wichtigsten Bausteinen bei der Bekämpfung dieser Pandemie. „Sonst haben wir schwupp wieder eine neue Infektionskette“, sagt Hanwig-Köhler.

Jetzt ruft sie Menschen an, die Kontakt zu Coronapatienten hatten

Wer möchte, kann seit März dem Gesundheitsamt Reinickendorf helfen. Zu den bereits 135 Mitarbeitern kamen 70 dazu und es sollen noch mehr werden. Eigentlich arbeitet Hanwig-Köhler im Haushaltsbereich. Jetzt ruft sie Menschen an, die Kontakt zu Coronapatienten hatten. Oder Menschen rufen sie an, weil sie Angst vor Ansteckung haben. Hanwig-Köhler arbeitet den Profis im Gesundheitsamt zu: Muss da jemand ganz schnell raus und einen Abstrich für den Test auf das Coronavirus nehmen?

Per elektronischer Datenerfassung kann Hanwig-Köhler Arbeitgeber schnell mit einem Mausklick über erkrankte Mitarbeiter informieren. Es gibt auch ein Feld für „Quarantäneverstoß“. Viele Infizierte und Kontaktpersonen hielten sich an die Auflagen, berichtet die Beamtin.

Todesfälle gehen vielen an der Hotline nah

Doch eine Frau sei trotz Quarantäne auf der Autobahn gestoppt worden. Und ein Arzt, dessen Sohn zu einer Reisegruppe mit vielen Coronafällen gehörte, sei weiter in seine Praxis gegangen - ohne Test. „Da war ich echt erschüttert“, sagt Hanwig-Köhler. Ein bisschen ist sie auch Sozialarbeiterin, organisiert Unterstützung beim Einkaufen oder kümmert sich um ein neues Quartier für Familienmitglieder - zum Schutz. Doch es ist auch ein tödliches Virus. „Einmal war ein älterer Vater schon im Krankenhaus und die ältere Mutter blieb pflegebedürftig alleine zu Hause.

Die beiden Töchter mit eigenen Familien durften nicht mehr zu ihrer Mutter“, berichtet Hanwig-Köhler. Dann sei der Vater gestorben. „Die Kollegin, die das an einem Wochenende betreut hat, war ganz schön fertig.“ Todesfälle gingen vielen an der Hotline nah. „Da ist niemand gefeit vor, das lässt sich nicht einfach wegdrücken“, sagt Hanwig-Köhler.