Stefan Freytag sitzt am Steuer des 181-ers. Ein Flatterband sperrt den Fahrerbereich ab, auf Schutzfolie wurde verzichtet. Der Bus gehört nicht der BVG. Foto: Gerd Engelsmann

Die Corona-Krise ist noch lange nicht vorbei, aber eines kann Stefan Freytag jetzt schon feststellen: Bis Berliner Fahrgäste bestimmte Eigenarten ändern, muss schon etwas mehr geschehen als eine Pandemie. Virus hin oder her: In dem Doppelstockbus, den Freytag auf der Linie 181 von Steglitz über Mariendorf nach Britz steuert, ballen sich die Menschen im Unterdeck. Der Fahrer kann sich noch so sehr mühen, seiner Kundschaft mit Durchsagen den Aufstieg auf das fast leere Oberdeck schmackhaft zu machen – kaum jemand scheint hinzuhören. Keine ungewöhnliche Situation in der BVG.

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Schon an der Starthaltestelle am Walther-Schreiber-Platz steigen an diesem Nachmittag viele Menschen ein. Am S-Bahnhof Feuerbachstraße wird es unten richtig voll. Stefan Freytag zieht das Mikrofon zu sich heran und ruft: „Auf dem Oberdeck sind noch viele Sitze frei. Also auf nach oben – Distanz halten!“ Keine sichtbare Reaktion. Etwas später versucht es der 55-Jährige noch einmal.

„Wenn Sie Wert auf Distanz legen – Oberdeck!“ Und noch einmal: „Oberdeck!“ Egal. Im Erdgeschoss bleibt es voll, oben bleiben die meisten Sitzplätze unbesetzt. Der Busfahrer zuckt ratlos mit den Achseln.

Kleine Schilder enthüllen das Geheimnis des Fahrzeugs

Das Konzept, dass die Menschen Abstand halten sollen, um die Gefahr einer Ansteckung zu verringern, kann Stefan Freytag verstehen. „Doch bei vielen scheint es weiterhin nicht zu gelten“, stellt der 55-Jährige fest. Es gehe ihm aber nicht um Kundenbashing.

„Es ist schwer, im öffentlichen Verkehr Distanz zu halten“, das liege in der Natur der Sache. Ein Kollege habe ihm erzählt, dass kürzlich schätzungsweise 80 Bauarbeiter auf einmal in seinen Bus stiegen. „Was will man da machen?“ fragt Freytag. Doch etwas mehr Aufmerksamkeit würde er sich schon wünschen, sagt der Steglitzer.

Etwas lauter als ein moderner Doppeldecker rollt Bus 3550 durch den Süden von Berlin. Es ist ein besonderes Fahrzeug, das selbst Stammfahrgästen, die sich in ihre Alltagsroutine vergraben haben, auffällt. Außen ist es in einem dezenten hellen Beige namens Sandgelb lackiert, nicht im knalligen Sonnengelb der heutigen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).  Die Sitzbezüge leuchten hellrot. Der Handstempel, den Freytag für die Fahrscheinentwertung bereit hält, wirkt ebenso antiquiert wie die Wodka-Gorbatschow-Werbung am Oberdeck. Schildchen, die von älteren männlichen Fahrgästen fotografiert werden, enthüllen das Geheimnis des Fahrzeugs.

Der Doppeldecker 3550, den die BVG 1987 geliefert bekam, gehört zum Bestand der Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin (ATB), deren Geschäftsführer Stefan Freytag seit vielen Jahren ist. Die Fans haben fast 60 Fahrzeuge gesammelt, von denen 15 für den Verkehr zugelassen sind. Der MAN D86, den Freytag fährt, ist einer davon.

Kurze Rast: Bus 3550 pausiert am Walther-Schreiber-Platz in Steglitz. Foto: Gerd Engelsmann

Nicht mehr mit dem Bus zur Pfaueninsel

Einen Teil der Einkünfte verdienten sich die Busfans fast genau 20 Jahre lang damit, dass sie auf der Linie 218 im Auftrag der BVG Fahrten übernahmen. Doch Ende März verfügte das Landesunternehmen, dass der Betrieb erst einmal eingestellt wird. Wanderwege und Ausflugsziele wie die Pfaueninsel oder die Havelchaussee sind nun nicht mehr mit dem Nahverkehr erreichbar – außer man nimmt weite Fußwege auf sich. „Die Menschen sollen keinen Ausflug in den Grunewald mehr unternehmen“, hieß es.

Zum Ausgleich darf die ATB aber nun auf der Linie 181 fahren. Die Klientel ist anders als auf der 218, wo Stammfahrgäste Weihnachten schon mal Geschenke überreichten, berichtet Freytag. „Einmal wurde eine Bierflasche ausgekippt, dann mussten Schmierereien von einer Trennwand entfernt werden. Zuletzt hatte jemand ein paar Brötchen vergessen." Immerhin: Das Backwerk war noch genießbar und bereicherte am folgende Morgen das Frühstück des Fahrers.

An diesem Tag hat Norbert Deitert den Bus 3550 gesteuert, bevor Freytag den Oldtimer übernahm. Deitert fährt noch ein paar Haltestellen mit. Fühlt er sich nicht mulmig, wenn er so lange auf engem Raum mit anderen Menschen zusammen ist? „Ich war Anfang Januar zu einer Operation im Krankenhaus. Ich lag in einem Vierbettzimmer. Dort muss ich mich mit Grippe angesteckt haben“, erzählt Deitert. „Es stand ernst um mich, aber ich habe es überstanden.“ Er hofft, dass ihm so etwas jetzt nicht schon wieder passiert.

„Natürlich habe ich ein Grundmisstrauen. Aber was soll ich machen?“ Er ist auf die Einkünfte angewiesen. Fahrgäste verhalten sich unterschiedlich, so Deitert. Jüngere scheinen das Thema immer noch ziemlich sorglos zu sehen.

Blumen für das Fahrpersonal

Im Oberdeck genießt ein anderes Mitglied des Bussammlervereins die Fahrt in der Nachmittagssonne. „Die Fahrgäste sind freundlicher geworden“, erzählt der BVG-Busfahrer. In Wittenau habe eine Frau jedem Bus, der anhielt, eine Blume in den Einstieg gelegt. Andere Fahrgäste hätten ihn mit einem freundlichen Winken begrüßt oder verabschiedet. So etwas habe es vor der Krise selbst auf Lokallinien, auf denen sich Fahrpersonal und Stammfahrgäste kennen, kaum gegeben.

Ein paar Autos sind unterwegs, doch der Doppeldeckerbus kommt auf dem Steglitzer Damm und der Attilastraße zügig voran. Die früheren Staus vermisse er nicht, sagt Stefan Freytag. Er stelle aber fest, dass es wieder voller geworden ist – nicht nur auf den Straßen, auch im Nahverkehr. Im Bus drängen sich inzwischen die Menschen. „Diesmal haben sich die Fahrgäste gut verteilt. Doch nach Coronamaßstäben hätte ich eigentlich keinen mehr mitnehmen dürfen.“

Etwas unwohl fühlt sich Freytag schon, für sich selbst legt er Wert auf Distanz. „Auch wenn es nette Menschen sind – aufpassen.“ Sollten Fahrgäste dazu verpflichtet werden, Atemschutzmasken zu tragen? Der Fahrer denkt lange nach, aber zu einem Ergebnis kommt er nicht. Hätte er schon einmal eine Coronaerkrankung durchlitten, hätte er vielleicht eine klare Meinung, lautet die Antwort.

Die Fahrgäste werden wiederkommen

Die Straßen heißen nun Windröschenweg, Grünlingweg. Eine Berliner Idylle mit Reihenhäusern und kleinen Mietshäusern. Nach 46 Minuten erreicht Doppeldecker 3550 die Endhaltestelle Kielingerstraße.  „Ich denke, dass sich nach Corona die Fahrgastzahlen wieder auf das vorige Niveau einpendeln werden,“ sagt Freytag. „Die Menschen werden das gleiche Bewegungsbedürfnis haben wie zuvor.“ Auf vielen Linien, auch der 181, stellen Menschen, die kein Auto haben, das Gros der Fahrgäste dar.

Zehn Minuten später. Stefan Freytag lässt den Motor an. Gleich wird er den Bus wieder nach Steglitz fahren. Einer muss es ja tun.