Zuleyha Simsek (40) und Özgür Simsek (38) wissen nicht, wie nach der Schließung weitergehen soll. Foto: Gerd Engelsmann

Auf dem Helmholtzplatz sind Plakate an den Zäunen angebracht: „Raumer6 bleibt!“Ein Aufsteller auf dem Gehweg wirbt, sich an einer Online-Petition zu beteiligen, Flyer werden verteilt.  Ein Kiez will die Schließung des Spätis in der Raumerstraße 6 stoppen.  Späti-Betreiber Özgür Simsek (38) muss nach einer Räumungsklage seines Vermieter Ende August zumachen.  Es wäre das Aus für den beliebten Treff am Helmi nach 18 Jahren. „Ich habe kaum noch Hoffnung, dass wir etwas ändern können“ so  Özgür Simsek. Er sorgt sich um seine Frau und seine beiden Kinder. Doch die Anwohner geben nicht auf,  planen Protest-Aktionen.

So wird auf den grünen Flyern für ein Straßenfest am 15. August geworben. Dazu die Aufforderung, Transparente aus den Fenstern zu hängen. Das klingt fast nach der Rebellion aus dem Prenzlauer Berg, die man aus der Nachwende-Zeit kennt und die vergessen schien.

Anwohner Lars Holzbrecher (41) erklärt, warum „Raumer6“ nicht nur irgendein Späti ist und Simsek nicht irgendein Betreiber. „Das ist ein Anziehungspunkt für Jung und Alt, hier lernt sich die Nachbarschaft wirklich kennen. Ich komme mindestens einmal am Tag hierher. Und Özgür ist für die Jugendliche am Helmi so etwas wie ein Sozialarbeiter. Er passt auf, dass nichts passiert. Mütter geben ihre Kinder im Späti ab, wenn sie kurz einkaufen gehen.“

Tatsächlich wird der Treff an diesem Freitag gut besucht. Das Angebot reicht von Backwaren und Kaffee bis hin zu Lebensmitteln und Getränken. Anwohner holen Pakete ab und geben sie an der Theke ab. Viele wissen von der Schließung. Die, die jetzt erst davon erfahren, sind erschrocken. 

Protestplakate auf dem Helmholtzplatz. Gerd Engelsmann

Neben Lars Holzbrecher hat der Betreiber zusammen mit seiner Frau Zuleyha Simsek (40) vor dem Treff Platz genommen. Das Ehepaar sieht müde aus. „Ich schlafe in der Nacht nur zwei bis vier Stunden, habe Kopfschmerzen“, sagt er. Wie es nach der Schließung weitergehen soll, wissen die beiden noch nicht. Die Anwohner suchen einen Ort in der Nähe, wo der Späti neu eröffnen könnte. Doch das ist bisher nur eine Idee. Mehr noch nicht.

Der Zoff mit dem Vermieter begann laut den Simseks bereits 2018. Erst gab es Lärmbeschwerden, dann kam die erste Kündigung. Der Rechtsstreit dauerte an. „Als der Anwalt des Vermieters einen Formfehler im Mietvertrag entdeckte, kam er mit der Kündigung durch“ sagt Özgür Simsek.

Bis vor kurzem hieß es noch, der Mietvertrag ende erst am 31. 12. 2020.  „Doch der Vermieter hat Räumungsklage eingereicht. Wir müssen Ende August raus“, sagt der Betreiber. 

Sein Frust ist zu spüren und zu hören: „Berlin macht seine Spätis kaputt. Erst kam das Verbot, sonntags zu öffnen. Nun muss ich ganz zumachen. In der Corona-Zeit waren wir immer für die Leute da. Immer. Zum Dank gab nur schärfere Kontrollen durch das Ordnungsamt“, so Simsek.

Elisabeth Wier (29) kauft regelmäßig im Späti ein und ist über die Schließung erschrocken. Foto: Gerd Engelsmann

Der KURIER hat die Hausverwaltung des Vermieters schriftlich und telefonisch um eine Stellungnahme gebeten. Eine Antwort steht noch aus. Pankows Stadträtin Rona Tietje (SPD) hat am Freitag angeboten, zu vermitteln.

Anwohner Tommi Brezinski (37) kommt aus dem Späti. Er sagt: „Ich habe einen persönlichen Draht zu den Betreibern. Ihre Freundlichkeit werde ich vermissen. Wirklich schade.“