50 Schülerinnen und Schüler sind zum Spanisch-Abitur in der Schule erschienen. Foto: Andreas Klug

Wie viel sind 1,50 Meter? „Stopp!“ sagt Christian Briegleb. Eine Schülerin grinst unsicher und tritt einen Schritt zurück. Es ist acht Uhr morgens, vorm Haupteingang der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg stehen im Halbkreis vier Schüler um den Musiklehrer herum. „Sehr gut!“, sagt Briegleb zufrieden und rattert die Ansage herunter, die er an diesem Vormittag noch Dutzende Male wiederholen wird: „Ihr geht jetzt im Treppenhaus A hoch bis zu der Etage, in der eure Gruppe Unterricht hat. Da wascht ihr euch als Erstes die Hände, immer nur eine Person in den Toiletten. Und erst dann geht ihr ins Klassenzimmer. Dabei haltet ihr die ganze Zeit diesen Abstand. Und nach der Stunde kommt ihr bitte durchs Treppenhaus B wieder runter.“

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Musiklehrer Christian Briegleb sorgt dafür, dass die Hygieneregeln im Schulhaus eingehalten werden. Foto: Andreas Klug

28.000 Zehntklässler sind am Montag in Berlin zum ersten Mal seit sechs Wochen wieder in die Schule gegangen. Doch so viel wie an der Friedensburg-Oberschule war wohl an keiner anderen Schule los: Neben rund 200 Zehntklässlern kommen noch knapp 50 Abiturienten an, die ihre Spanisch-Prüfung schreiben. Die Schüler wurden in Kleingruppen aufgeteilt und per Email über ihre Ankunftszeit informiert.

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„Die Atmosphäre ist angespannt“

Alle 15 bis 20 Minuten kommen die nächsten daher und werden über einen von vier Eingängen in ihre Prüfungsräume und Klassenzimmer geschleust – oft, so beobachtet es Schulleiter Sven Zimmerschied, sind sie im Pulk unterwegs. „Die gehen erst auseinander, wenn wir in Sichtweite sind“, sagt er und klingt dabei halb amüsiert, halb verzweifelt. Die meisten hier haben sich seit fast sechs Wochen nicht mehr gesehen, aber die Erster- Schultag-nach-den-Sommerferien-Stimmung will nicht so recht aufkommen. Umarmen ist verboten, in Grüppchen zusammenstehen auch.

Spanisch-Abiturientin Aymara von Borries ist nicht aufgeregt: „Nach dem langen Hin und Her, ob die Prüfungen stattfinden, bin ich jetzt einfach froh, wenn es vorbei ist.“ Foto: Andreas Klug

In den vertrauten Fluren hängen überall neue Schilder mit Verhaltensanweisungen, orangefarbenes Tape auf den Fluren soll den Schülern verdeutlichen: So lang sind 1,50 Meter. „Es nervt, wenn man ständig ermahnt wird auseinanderzugehen“, sagt Zehntklässlerin Joanna. „Es fühlt sich komisch an, die Atmosphäre ist angespannt“, findet auch Emily, die neben ihr steht. Die beiden hatten sich eigentlich gefreut, mal wieder in die Schule gehen zu dürfen. Das Lernen zu Hause, berichten sie, sei anstrengend gewesen. „Wenn man eine Frage hat, kann man nur googeln oder in den Klassenchat schreiben. Und bis der Lehrer antwortet, dauert es“, sagt Joanna.

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Unterricht im Zweischichtsystem

Es ist erst zehn Uhr, doch die zwei Mädchen fahren schon wieder nach Hause. Wie viele andere fährt auch die Friedensburg-Oberschule am ersten Tag behutsam hoch: Erst mal wieder ankommen, fragen, wie es allen geht, die neuen Regeln erklären, 60 Minuten pro Gruppe á neun Schüler. Bis in den Nachmittag dauert es, bis alle 200 da waren. Sie sitzen im Stuhlkreis zusammen, bei offenen Türen und Fenstern.

Der „richtige“ Unterricht soll hier am Dienstag beginnen. Deutsch, Mathe, die erste Fremdsprache, immer in der gleichen Neunergruppe, immer im gleichen Raum, damit im Falle einer Infektion nicht die ganze Schule wieder stillgelegt werden muss.

Sie achtet drinnen und draußen auf Abstand: Luisa Fotopoulos, Leiterin der Sekundarstufe I. Foto: Andreas Klug

Geplant ist ein Zweischichtsystem: Die eine Hälfte kommt von 8 bis 12 Uhr in die Schule, die andere von 13 bis 17 Uhr. Ab kommender Woche sollen Montag und Dienstag die Zehntklässler kommen, Mittwoch und Donnerstag die Neuntklässler – und die Zwölftklässler die ganze Woche über. „Wie das funktionieren soll, wenn irgendwann auch noch die Siebt- und die Achtklässler dazukommen – ich habe keine Ahnung“, sagt Sven Zimmerschied.

Sicherheit geht vor

Für ihn ist diese Woche schon spannend genug: Der Musterhygieneplan der Senatsschulverwaltung, der die meisten
Schulleitungen erst am Freitag erreicht hat, sieht unter anderem vor, dass Tische, Stühle, Türklinken und andere Oberflächen „mehr als einmal pro Tag gereinigt“ werden müssen – bei den Toiletten ist nur eine Reinigung pro Tag vorgesehen, was Zimmerschied aber für „Humbug“ hält.

Er hat beim Bezirksamt um eine Zwischenreinigung in der Mittagspause gebeten. Wenn das nicht klappt, will Zimmerschied den Zehntklässlern, die Dienstagnachmittag kommen sollen, wieder absagen. Sicherheit geht vor.