Im Gesundheitsamt wird digital und analog gearbeitet. Foto: dpa/Britta Pedersen

Weltweit versucht man, mithilfe von Computersoftware die Corona-Epidemie zu überwachen, Infektionsketten nachzuvollziehen – in Berlin sieht die Realität allerdings noch recht altbacken aus. Hier wird auf Papier gearbeitet, das Faxgerät wird zum Arzthelfer. Doch nun steht ein neues Programm in den Startlöchern.

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Mitte hat sich als erster Bezirk digital für den Kampf gegen Covid-19 gerüstet – mit einem neuen digitalen Seuchenmanagement-Tool: Sormas (Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System), entwickelt 2014 vom deutschen Helmholtz-Institut im Kampf gegen Ebola in Nigeria und Ghana. Die Software ist für 20 Infektionskrankheiten nutzbar. Seit Anfang April bietet das Helmholtz-Institut allen deutschen Gesundheitsämtern kostenfrei die eigens entwickelte Covid-19-Version an.

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Für die Zahl der Infizierten, die das Robert-Koch-Institut und die Gesundheitsverwaltung täglich vermelden, nutzen die Bezirke eine Software des Robert-Koch-Instituts namens Surfnet. Die neue Software Sormas soll nun zusätzlich die Nachverfolgung von Infektionsketten erleichtern. Eine in der Bekämpfung der Pandemie extrem wichtige Aufgabe. Apps und technische Lösungen könnten hier Hilfen sein, empfehlen Forscher.

Vernetzung aller Berliner Bezirke

Auch die Bundespolitik arbeitet an der Entwicklung einer Corona-Warnapp für die Infektionsketten. In den Berliner Gesundheitsämtern sieht die Realität, bis vor kurzem auch in Mitte, allerdings anders aus: Gearbeitet wird immer noch viel auf Papier, Arztpraxen und Labore schicken Testergebnisse auch per Fax, Kontaktpersonen werden in Excel-Listen aufgeführt.

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat arbeitet an einem neuen System zur Überwachung der Seuche. Foto: dpa/Britta Pedersen

Sormas soll das perspektivisch ändern: Die Software ist eigentlich als App gedacht, vernetzt alle relevanten Mitarbeiter in Kliniken, Laboren und Behörden und ermöglicht so das Sammeln und Tauschen von Daten zu Infektionsfällen in Echtzeit. In Mitte läuft die Software bisher nur auf Rechnern und nur der 120-köpfige
Krisenstab des Gesundheitsamtes nutzt sie – auch jetzt werden noch Daten von Papier übertragen. Von bezirks- oder gar berlinweiter Vernetzung, einem Datenaustausch in Echtzeit kann also noch lange nicht die Rede sein. Um die App zu nutzen, in Echtzeit zu arbeiten, müssten sich zunächst alle Bezirke vernetzen, erklärt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci(SPD). „Alle Bezirke arbeiten daran.“

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Große Infektionsherde schneller entdecken

Dennoch sei der Einsatz der Software ein großer Fortschritt, sagt Mittes Gesundheitsstadtrat Ephraim Gothe (SPD). „Vorsintflutlich“ sei das Gesundheitssystem der Hauptstadt im Digitalen bisher aufgestellt. An Karfreitag brach das
Excel-Listen-System des Krisenstabs zusammen. Zu viele Fälle, vor allem aber zu viele Mitarbeiter, die von außen auf die Listen zugreifen wollten.

Sormas ermöglichte dem Gesundheitsamt zuerst einmal überhaupt wieder das Arbeiten. Außerdem verortet auch die
abgespeckte Version der Software die Wohnorte von Infizierten und Kontaktpersonen schon jetzt auf einer Karte. So sollen große Infektionsherde rascher entdeckt werden. Gothe ist sich sicher, dass er das Programm nicht nur in den nächsten Monaten für Corona gebrauchen kann,wo man gerade erst „vom Sprint in den Marathon“ wechsele: „Das nächste Virus wird kommen.“