Lady Susan darf nicht arbeiten – in ihrem Keller wird derzeit niemand ausgepeitscht.
Foto: cam.cop media / Andreas Klug

Viele Berliner ächzen unter den Folgen der Corona-Krise – andere würden gern endlich wieder ächzen! So geht es der Berliner Domina Lady Susan: Seit Beginn der Pandemie ist ihr SM-Studio in Wedding geschlossen, ihre Dienste darf sie nicht anbieten. Und das, obwohl es in ihrem Gewerbe nicht immer Körperkontakt gibt. Sie sagt: „Ich will endlich wieder Männer schlagen!“

Unter normalen Umständen ist das kleine Studio von Domina Lady Susan in Wedding ein Tempel der Lust – doch nun herrscht seit Wochen tote Hose. „Die Situation ist wirklich schwierig, die Einnahmen sind geschrumpft“, sagt sie. „Ich kann meine Dienste nur online anbieten – und selbst das funktioniert nicht, weil meine Kunden durch die Corona-Maßnahmen nicht allein zu Hause sind – meistens sind ja auch die Frauen daheim.“

Normalerweise bietet die Berlinerin beinahe alle Formen von BDSM-Spielchen an, der Kundenstamm ist groß. Ihre Räume sind dementsprechend eingerichtet – im Keller gibt es sogar eine Gefängniszelle und eine stattliche Auswahl an Peitschen. Doch alles ist verwaist, weil das Angebot der Domina als Prostitution gewertet wird. „Dabei ziehe ich mich bei meinen Sitzungen nicht aus – und viele der Dinge, die ich anbiete, wären sogar auf Abstand möglich. Wenn ich jemanden auspeitsche, kann ich den Sicherheitsabstand schon aufgrund der Länge der Peitsche einhalten. Außerdem arbeite ich hier allein, habe keine Angestellten. Und manche Gäste wollen überhaupt nicht angefasst werden.“ Zudem sei sie mit Desinfektionsmitteln ausgestattet, Hygiene sei sowieso das A und O. „Und manche meiner Kunden tragen beim Spielen gern Gasmasken – sicherer geht es wirklich nicht.“

Die Ausrüstung der Domina ist verwaist – Lady Susan hofft, dass sie bald wieder arbeiten kann. Foto: cam.cop media / Andreas Klug

Sie kritisiert, dass Geschäfte wie ihres pauschal verurteilt werden und niemand genau betrachtet, unter welchen Umständen gearbeitet wird. Hinzu kommt: Vergnügungsstätten haben in der aktuellen Situation keine Priorität. Lady Susan sieht das anders: „Mein Telefon läuft heiß. Die Kunden wollen endlich wieder zu mir kommen. Für sie gehören die Sitzungen bei mir zum Leben, ein wichtiger Teil ihres persönlichen Lebens fällt damit weg. Sie kommen her, um dem Alltag zu entfliehen, das ist momentan nicht möglich.“ Der Job und Sexarbeit im Allgemeinen erfülle auch wichtige gesellschaftliche Funktionen. „Wo sollen sich denn die Menschen ausleben, die allein sind, keinen Partner haben? Wo sollen sie die Dinge ausprobieren, die sie zu Hause nicht ausprobieren können? Ich habe sogar Frauen, die ihre Männer zu mir schicken, weil sie sie selbst nicht schlagen wollen!“

Ich habe darüber nachgedacht, wieder im Büro zu arbeiten. Aber ich weiß, dass ich dann nach einem Jahr vermutlich Depressionen hätte. Die Arbeit als Domina fordert mich körperlich, emotional und mental. Andere Leute gehen zum Sport, ich arbeite.

Lady Susan, Domina

Auch für sie selbst ist das schwer – denn ihren Job macht sie aus Leidenschaft. Ihre eigene Dominanz kam schon im Kindergartenalter ans Tageslicht. „Ich hatte zwei Freunde, die damals immer meine Taschen tragen mussten“, sagt sie und lacht. Erst Jahre später ging Susan ihrer Leidenschaft intensiver nach. „Vor Jahren beendete ich eine langjährige Beziehung. Als Single schaute ich, was es sonst noch gibt.“ Sie suchte im Netz, fand Webseiten der Szene. Sie zog ein schwarzes Minikleid und Stiefel an, fuhr in einen Club, das „Gargoyle“ in Tempelhof – und fühlte sich auf Anhieb wohl. „Ich sah einen Sklaven, der vor einer Dame kniete. Sie hielt die Leine in der Hand, er schien total glücklich darüber zu sein. Das hat mich sehr fasziniert.“

Die ersten Kunden empfing sie dann im eigenen Wohnzimmer, später richtete sie das Studio ein. Ihren Bürojob hängte sie schnell an den Nagel. Heute ist der Job eine echte Wundertüte, denn jeder, der ihre Dienste in Anspruch nimmt, kommt mit anderen Wünschen. Manch einer mag von ihr nur ignoriert oder im Käfig eingesperrt werden und versteht dies als ultimative Form der Erniedrigung. „Für andere bin ich die KGB-Agentin. Dann endet es damit, dass am Ende eine Scheinhinrichtung stattfindet. Die Spielarten sind vielfältig, das gefällt mir.“ Sie habe schon darüber nachgedacht, aufgrund der derzeit schwierigen Lage wieder im Büro zu arbeiten. „Aber ich weiß, dass ich dann nach einem Jahr vermutlich Depressionen hätte. Die Arbeit als Domina fordert mich körperlich, emotional und mental. Andere Leute gehen zum Sport, ich arbeite.“

KURIER-Reporter Florian Thalmann im Gespräch mit Lady Susan – in der Gefängniszelle. Foto: cam.cop media / Andreas Klug

Wie es weitergeht, weiß sie noch nicht. Soforthilfe habe sie bekommen, drei Monate könne sie jetzt noch durchhalten. Traurig, denn: Viel Geld, Nerven und Gefühl habe sie in ihr Studio gesteckt. „Ich hoffe, dass es bald eine Perspektive gibt. Ich verstehe auch nicht, dass zum Beispiel medizinische Massagen möglich sind, aber mein Service nicht. Es wird im Bereich der erotischen Dienstleistungen einfach nicht differenziert.“

Auch der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) hat sich bereits mit einem Appell an Öffentlichkeit und Politik gewandt. Die Gewerkschaft fordert die Gleichbehandlung von Sexarbeit mit vergleichbaren körpernahen Dienstleistungen. „Im Sinne der Übertragung und Bekämpfung des Coronavirus besteht kein Unterschied zwischen einer nichtmedizinischen Massage und einer erotischen Massage“, heißt es in einer Mitteilung. Man plädiere für eine „geordnete Öffnung aller Bereiche der Sexarbeit unter Anwendung entsprechender Hygiene-Konzepte“.