Mitglieder der „Singing Shrinks“, einem Chor aus Psychiatern, Neurologen und Psychologen, proben in der Hörsaalruine der Berliner Charité.  Foto: dpa /Christoph Soeder

Berlin -Sie würden gern singen, doch sie können nicht: Berlins Chöre stehen angesichts der Corona-Regelungen vor großen Herausforderungen. Während des Lockdown konnten die Sänger der Stadt nur per Video-Konferenz über das Internet proben – und auch jetzt machen die Abstandsregelungen das Trällern schwierig. Deshalb werden nun Privatgrundstücke im Freien gesucht, auf denen geprobt werden kann.

Mit Hygiene-Konzept endlich wieder proben

Denn die Mitgliedschaft in einem Chor ist für viele Berliner wichtig – und das hat nicht nur mit dem Gesang zu tun, sagt Gerhard Schwab, der Geschäftsführer des Berliner Chorverbandes. „Sie genießen die Gemeinschaft, nutzen die Proben, um abzuschalten. Chöre erfüllen eine soziale Funktion – und sind systemrelevant.“

Während des Lockdown konnten viele der Gesangs-Gruppen nur online proben, sie nutzten dafür Videokonferenz-Systeme. Das Problem: „Man hört nur sich selbst, die Verzögerung bei der Übertragung macht gemeinschaftliches Singen unmöglich.“

Gerhard Schwab ist der Geschäftsführer des Berliner Chorverbandes. Foto: Chorverband/Cornelia Lembke

Damit die Proben wieder beginnen können, erarbeitete der Chorverband in Absprache mit dem Gesundheitsamt ein Hygiene-Konzept und legte es der Senatsverwaltung für Kultur vor. Vorgesehen ist dort unter anderem das Tragen von Masken während der Proben. Und: In Probenräumen muss ein Abstand von 1,50 Metern eingehalten werden. Da reicht in vielen Probenräumen der Platz einfach nicht.

In einem Positionspapier des Chorverbandes heißt es nach Rücksprache mit Experten der Charité auch: „Eine Tröpfchen-Infektion wird durch Abstandsregeln verhindert, eine Ansteckung durch Aerosole während einer Chorprobe in geschlossenen Räumen  kann jedoch auch bei Einhaltung des Mindestabstands nicht verhindert werden.“ Die Fachleute sind sich einig, dass es draußen sicherer ist.

Wer Grundstück spendet, bekommt Privat-Konzert

Die Idee: Per Aufruf sucht der Chorverband nach Berlinern, die ihre Grundstücke zur Verfügung stellen – gesucht werden Hinterhöfe und Gewerbeflächen im Freien, die die Chöre zum Singen nutzen könnten. Der Nebeneffekt: Die Aktion bringt die Musik mitten in die Stadt. Wer sein Grundstück zur Verfügung stellt, bekommt sozusagen ein Privat-Konzert. „Es sind keine Veranstaltungen, zu denen eingeladen wird. Aber wer vorbeikommt, kommt in den Genuss der Musik“, sagt Schwab. Einzige Voraussetzung: „Es wäre schön, wenn der jeweilige Platz von Wänden begrenzt wäre, gegen die gesungen werden kann – sonst hören sich die Sängerinnen und Sänger nicht selbst.“

In mehr als 300 Chören sind in Berlin 11.000 Sängerinnen und Sänger aus allen Altersgruppen, Milieus, Kiezen und Stilrichtungen vertreten. „Unsere Sängerinnen und Sänger sind regelrecht ausgehungert nach gemeinschaftlichem Gesang, sie wollen ihre Leidenschaft wieder ausleben und auch andere erfreuen“, sagt Gerhard Schwab.