Die Berlinerin  Andrea Funk ist erfolgreiche Modebloggerin und kämpft seit Jahren gegen ihre Depression an. Foto: Thomas Uhlemann

Nerv, nerviger Hauptstadt! Das Leben in Berlin wird zunehmend anstrengender. Die Folge: Die Menschen werden seelisch krank. Das belegt eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse, die besagt dass sich immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme krankschreiben lassen. Der KURIER hat Andrea Funk (32) aus Schöneweide getroffen, die selbst Erfahrungen mit einem seelischen Leiden gemacht hat.

Andrea Funk ist eine  hübsche und körperbewusste Frau, die erfolgreich einen Modeblog (andysparkles.de) betreibt. Bei Instagram hat sie schon 46.000 Follower. Doch was bisher kaum jemand wusste: Sie ist psychisch krank. „Ich bin depressiv und mich ärgert es, dass viele immer noch denken, dass man deshalb ein schwache und sensible Persönlichkeit ist“, sagt sie. Um Vorurteile abzubauen, hat sie ihr Schicksal auch schon in den sozialen Netzwerken öffentlich gemacht. „Die Gesellschaft denkt, dass depressive Menschen den ganzen Tag im Bett liegen“, sagt sie.

Stress zermürbt

Natürlich sei das ein klassisches Symptom, doch viele Depressive steigerten sich, so wie sie, auch in übertriebene Freizeit- und Arbeitsgestaltung hinein, um so nur wenige ruhige Momente mit sich selbst zu erleben. Bei Andrea Funk wurde die Krankheit 2012 von einer Psychiaterin diagnostiziert. „Ich war ständig traurig und konnte das selbst gar nicht verstehen und ging deshalb zum Arzt“, sagt sie.

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Bei Funk könnte die Ursache der Erkrankung in der Kindheit liegen, so glaubt sie zumindest. „Ich wuchs in sehr schwierigen Verhältnissen auf. Meine Mutter war völlig überfordert und selbst psychisch krank. Mein Vater war gewaltsam. Beiden fehlte das Verantwortungsbewusstsein für ihre Kinder.“

Mit 16 zog Andrea Funk mit ihrer sieben Jahre älteren Schwester in eine eigene Wohnung. Die Auswirkungen der Vergangenheit machten ihr bis heute zu schaffen. Sie litt unter Problemen an ihrem Arbeitsplatz im Büro. Bis vor drei Monaten war sie neben ihrer freiberuflichen Arbeit als Bloggerin und Fotografin in einem Angestelltenverhältnis. Doch der Stress zermürbte sie.

„Hauptstadt der psychischen Erkrankungen“

„Ich habe jeden Tag gedacht, hoffentlich schaffe ich mein Pensum. Die Arbeit wurde immer mehr. Es geht auf dem Arbeitsmarkt nur noch um Leistungsdruck“. Als ihr Chef ihr an einem Montag wieder ihre Aufgaben für die Woche zuteilte, habe sie Panik bekommen, weil ihr „alles zu viel wurde.“ Doch statt mit ihrem Vorgesetzten über die hohe Arbeitsbelastung zu sprechen, habe sie sich am Tag darauf krankgemeldet und anschließend gekündigt. So wie Andrea Funk geht es vielen Arbeitnehmern in der Hauptstadt. Berlin sei die „Hauptstadt der psychischen Erkrankungen“, heißt es im Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse.

Biopsychologe Peter Walschburger (72, Freie Universität Berlin). Foto: picture alliance / dpa

2018 sei jeder fünfte krankheitsbedingte Fehltag auf das Konto der „psychischen und Verhaltensstörungen gegangen“. Das sei eine Steigerung von drei Prozent zum Vorjahr. Bundesweit hat sich die Anzahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen 2019 erneut um vier Prozent erhöht, regional liege noch keine Auswertung vor. Woran liegt das? „Es zieht uns immer mehr in Städte. Dort können wir unsere materiellen Bedürfnisse oft besser befriedigen als in ländlichen Regionen, aber es kommt zu Nebenwirkungen“, sagt Stressforscher Professor Peter Walschburger dem KURIER. Der Lebensrhythmus sei massiv beschleunigt und könne zu Hektik, Stress und Krankheit führen. Außerdem treffe man allzu oft mit fremden statt mit vertrauten Sozialpartnern zusammen.

Entschleunigung und Auszeiten

„Die Lebenszufriedenheit nimmt vor allem dort ab, wo ein ökonomisches, leistungsorientiertes Denken überhand nimmt und zeitaufwendige menschliche Beziehungen zu sehr verkümmern“, erläutert Walschburger.

Sein Rat: Auf Entschleunigung, Auszeiten und verstärkt auf Sozialbeziehungen achten, wenn man sich überfordert fühle. Chronisch überforderte Menschen zögen sich zurück, redeten nicht mehr oder reagierten unfreundlich oder gar aggressiv. Dramatisch: „So mancher wird dabei psychisch labil, reagiert ängstlich, entwickelt körperliche Krankheitssymptome oder beschäftigt sich gar mit Selbstmordgedanken“, sagt der Wissenschaftler.

Traurigkeit und trübe Gedanken

Andrea Funk weiß selbst wie es sich anfühlt, wenn man vor lauter Traurigkeit und trüber Gedanken nicht mehr weiter weiß. Seit ihrer Kündigung arbeitet sie nur noch freiberuflich als Modebloggerin und kann sich ihre Zeit jetzt frei einteilen. Das sei schon ein enormer Vorteil. Trotzdem gibt es Tage, an denen sie verzweifeln könnte.

Auch mit ihren Partnern hatte sie bislang wenig Glück. Sie erklärt das so: „Ich geriet oft an bindungsunwillige Männer, weil ich nie eine gesunde Beziehung vorgelebt bekommen habe.“ Andrea Funk will mit ihrer sehr persönlichen Geschichte mehr Verständnis für psychisch Kranke erzielen. Sie sagt: „Der Alltag verlangt uns sehr viel ab. Gerade in Berlin. Es kann jeden treffen.“