Autor Wilfried Bergholz lebt und schreibt seit 50 Jahren an der Schönhauser Allee. Benjamin Pritzkuleit

„Überhaupt war bei der Kaspermaus eine ganze Menge spitz. Die Ohren, die Nase und die Zunge. Jaja, die Zunge auch. Der Mäuserich sagte nämlich immer das, was er gerade dachte, einfach so und oft sogar noch laut. Und das gefiel den meisten Leuten nicht.“ So steht es im ersten Kapitel eines neuen, alten Kinderbuchs, das mitten im Kiez im Prenzlauer Berg, mit Blick auf die U2, entstanden ist, und das in diesem Tagen endlich Premiere feiert.

Und: „Ja, natürlich bin ich die Kaspermaus“, sagt der Autor Wilfried Bergholz und lacht. Der 69-Jährige ist der Erfinder der frechen Figur, die Kinder und ihre Eltern aus den Hörspielen vom Ohrenbär im Radio kennen. Schon immer war der Autor, Journalist, Psychologe und Künstler Bergholz einer, der lieber aneckt, als die Klappe zu halten.

50 Jahre Prenzlauer Berg: alles hat sich ausgetauscht

Seit 50 Jahren lebt und arbeitet Wilfried Bergholz in der Schönhauser Allee. Als Bergholz Anfang der 1970er in die Wohnung mit Ofenheizung einzog, vierter Stock, gegenüber vom Colosseum, Auge in Auge mit der U-Bahn, die alle paar Minuten vorbei rattert, stand hier noch kein Baum. Heute lässt es sich an der Ecke Stargarder unter den im Frühling klebrigen Linden gut im Schatten sitzen. Zu unserem Treffen bringt Bergholz alte Fotos von der Gegend mit und schon ist er mitten drin in der Erzählung.

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Dort, wo sich heute der Optiker Fielmann befindet, war früher die Schnellgaststätte, zeigt er. Hinter weißen Gardinen gab es Kohlrouladen und andere Gerichte. „Man musste sich beeilen, damit die Bauarbeiter nicht schon alles weggegessen hatten.“

Schnellgaststätte, Venezia und Plattenladen an der Schönhauser Allee

Oder gegenüber: das Venezia. Wenn man beim Plattenladen nebenan eine Roland Kaiser Platte verkauft hatte und 20 Mark dafür bekam, konnte man im Venezia mit den weißen Tischdecken fürstlich dinieren.

Wilfried Bergholz, der junge Autor 1988 auf seinem Dach  an der Schönhauser Allee. Norbert Bischoff

Willi Bergholz mit der schwarzen abgeschabten Lederjacke ist mit diesem Kiez verwachsen, wie die Linden hier verwurzelt sind. Auch wenn es immer weniger werden, die er hier noch von früher kennt. „Von den alten Bewohnern sind es vielleicht noch fünf Prozent“, sagt er. Man treffe sich zwar regelmäßig. Dennoch: „Alles hat sich ausgetauscht.“ Doch Bergholz ist darüber nicht wehmütig geworden. Zugezogen sind sie schließlich alle irgendwann einmal, so wie die jungen Leute, die den Kiez heute bevölkern.

Berlin - Sehnsuchtsziel aller jungen Wilden in der DDR

Bergholz kam aus Greifswald zum Studium nach Berlin, dem Sehnsuchtsziel aller jungen Leute in der DDR. Rundfunk wollte er machen, nach einer Zeit beim Sender DT 64 studierte er an der HU Psychologie. Im Osterberlin der 1980er Jahre war er damals  freier Journalist und Schriftsteller tätig.

„Ich habe versucht, mich nie festzulegen“, sagt Bergholz. So wie sein Held für Kinder, die Kaspermaus, spaziert auch er immer wieder aus der Stadt, um neue Abenteurer zu erleben. Da ist etwa das alte LPG-Haus in Form eines Flugzeugs, das er in der Uckermark ausgebaut hat, die Ultraleicht-Fliegerei, die Arbeit als Psychologe mit verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen. Und immer sind es die Menschen, mit denen er seine zahllosen Projekte verwirklicht, auf die es ihm ankommt. „Ich habe immer im Kollektiv gearbeitet“, sagt Bergholz. Lieber als über seine Werke spricht er über die Leute, mir denen er sie schuf. Seine bekannteste Arbeit sei wohl die für das  Kindertheater Ulf und Zwulf gewesen, für das er alle Texte schrieb. Auch hier spielen in den „Bildern einer Stadt“ seine feinen Beobachtungen über das Leben in der Stadt eine Hauptrolle. Rolf Zuckowski nannte die Texte von Wilfried Bergholz einen „wahren Schatz“.  Recht hat er.

Ulf, Zwulf und Willi 1996. Die Shows mit dem Kindermusiktheater liefen nach dem Sandmann und hatten viele Fans. Bernd Lammel

Die Schönhauser Allee zog Künstler und Freigeister in der DDR an

Das Leben in der Schönhauser Allee mit all ihren Künstlern und Freigeistern war auf jeden Fall alles andere als langweilig. Gerhard Schöne wohnte um die Ecke, man kannte sich in der Dichter- und Liedermacherszene. Bergholz betreibt am Arnimplatz außerdem einen Jugendclub, macht Theater in einem Kasten direkt vor der Haustür an der Ecke Stargarder. Das undichte Dach mit den Eimern auf dem Trockenboden flicken sie mit Dachpappe kurzerhand selbst.

Über die Dächer vom S-Bahnhof in die Gethsemanekirche

„Früher konnte man auf den Häusern am S-Bahnhof Schönhauser im Karree auf den Dächern laufen. Wer am Bahnhof Flugblätter abwarf, war im Nu obenrum an der Gethsemanekirche und spazierte dort als unbescholtener Bürger wieder auf die Straße“ erinnert er sich. Nur einmal muss er Strafe zahlen, als er 1988 zum ersten Mai ein unliebsames Banner auf einem der Dächer an der U-Bahn aufhängt.

Alltag im Prenzlauer Berg in den 1980ern

Aus dieser Zeit, dem letzten Kapitel der DDR, erzählt Bergholz' erstes Buch für Erwachsene „Umsturz im Kopf“ – Der Alltag im Prenzlauer Berg in den 1980er Jahren. Fingerübungen nennt Bergholz seine Schriften, die zwischen 1983 und 1987 entstanden und die mal liebevoll, mal bitterböse von dem erzählen, was sich vor seinem Fenster auf der Magistrale abspielt.

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Wie die Menschen auf der Schönhauser alles kaufen, was es in der Planwirtschaft gerade gibt, nicht etwa das, was sie benötigen. Oder vom ständigen Abfahren der U-Bahn. Da er 1987 für das Buch in der DDR keinen Verlag findet,  lässt er das Manuskript von einer Freundin abtippen, mit vier Durchschlägen. Die so entstandenen 55 Bücher verlieh  Bergholz an Interessierte. Nach 14 Tagen sollten sie wieder zurück gebracht werden, doch mit der Zeit wurden es immer weniger Bücher, die den Weg zurück zum Autor fanden. Das letzte Exemplar war Ausgangspunkt für einen Nachdruck, der 2017 erschien.

Umsturz im Kopf: Alltag und Skizzen aus dem Prenzlauer Berg in den 1980er Jahren. Bergholz

Kinderbücher und Poesie

Auch die Kaspermaus für Kinder gibt es schon seit dem Ende der DDR. Der Text für Kinder und Eltern, der jetzt als Buch erschienen ist, stammt aus dem Jahr 1989 und ist ein Reflex auf die Demo am 4. November, bei der sich DDR-Bürger die Frage nach Wahrheit und Betrug in der DDR stellten. In ihrem Abenteuer findet die Maus eine Zauberwaage. Die misst statt des Gewichts, einfach wie gut oder schlecht jemand ist. Freund oder Wicht? Das ist auf Anhieb zu sehen, wenn sich die Waagschale senkt.  Am Ende steht die Erkenntnis, dass es überall Dinge gibt, die schwerer wiegen als Schönheit und Geld. Freunde zum Beispiel. Und dann man meist gar keine Waage braucht um sie zu erkennen. Augen, Ohren und Herz sind Anzeiger genug. Nur zuhören muss man ihnen.

Wo sich heute das Café Spreegold  befindet, war früher ein Lebensmittelladen. Die Häuser sind noch die gleichen. Benjamin Pritzkuleit

Schönhauser, die Straße meines Lebens

Für den Jungen Wilfried Bergholz, der einmal nur mit einer Zahnbürste aus Greifswald in die große Stadt zog ist es ganz schön viel, was da an Glück und guten Zeiten zusammen kam.  „Ich bin so richtig glücklich“, sagt Wilfried Bergholz heute. Für alle seine Weggefährten will er zum 70.  Geburtstag im nächsten Jahr eine große Fete in der Kulturbrauerei geben. „Das hier, die Schönhauser, das ist die Straße meines Lebens“, sagt Willi Bergholz zum Schluss noch, bevor er die vier Stockwerke zu seiner Wohnung wieder hinaufklettert. Dahin, wo der Himmel überm U-Bahnviadukt nach allen Richtungen grenzenlos ist.

Buch-Premiere „Kaspermaus und die Zauberwaage“ mit Wilfried Bergholz am 22. Juni 16:30 Uhr in der Bibliothek am Wasserturm, Prenzlauer Allee 227, 10405 Berlin