Der Mann schleppt was weg: Kohlenhändler Dirk Kögler. Foto: Berliner Kurier/ Markus Wächter

Der Tag beginnt nicht gut für Dirk Kögler. Er steht auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Britz. Um ihn herum stapeln sich meterhohe Türme aus Kohlen und Kaminholz, der Boden ist schlammig vom Morgentau. Es ist kurz nach sieben Uhr, Sonnenlicht kriecht langsam in diesen kalten Morgen. Kögler zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Ick krieg hier langsam schlechte Laune.“

Kögler ist ein großer, wuchtiger Mann. Man hört, dass die Zigaretten seine Stimme über die Jahre einige Intervalle tiefer gefärbt haben. Der Grund für Köglers schlechte Laune ist sein Gabelstapler. Der Keilriemen ist gerissen und ein neuer nicht vorhanden. „Hätte man alles gestern besorgen können“, blafft er seine Mitarbeiter an. Ein Kollege fehlt. Er hat verschlafen, wie sich rausstellt. „Die jungen Leute haben alle wat am Ballon“, sagt Kögler dazu. „Die wissen gar nicht, wie man richtig arbeitet. Ab Jahrgang 1975 kannste dit vergessen.“

Kögler, Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Kreuzberg, weiß noch, wie man arbeitet. Er hat einen Beruf, von dem man meinen könnte, er sei im letzten Jahrhundert ausgestorben. Dirk Kögler ist Kohlenhändler. Einer der letzten Berlins.

Es gibt in Berlin immer noch Wohnungen, die nicht ans Fernwärmenetz angeschlossen sind, in denen täglich der Ofen angefeuert werden muss, um es im Winter warm zu haben. Sie sind der Grund, warum es Kohlenhändler wie Kögler überhaupt noch gibt.

40000 bis 50000 regelmäßig genutzte Öfen gibt es in Berlin

Wie viele Wohnungen es genau sind, die noch mit Kohlen heizen, weiß keiner genau. Der Senat hat nur einen Überblick über landeseigene Wohnungen. Hier sind es knapp 2000. Die Schornsteinfegerinnung schätzt, dass es zwischen 40000 und 50000 regelmäßig genutzte Öfen in Berlin gibt.

Was sich viel anhört, ist in Wirklichkeit nur ein Bruchteil von dem, was es einst an Kohleöfen gab. Früher hätte es an jeder Straßenecke einen Kohlenfritzen gegeben, sagt Kögler. An die 900 seien es alleine in West-Berlin gewesen. Heute seien gerade mal noch zehn in ganz Berlin übrig. Und selbst die haben zu kämpfen. „Nur mit Kohlen geht es ja schon lange nicht mehr“, sagt Kögler. Neben Heizkohle liefet er auch Kaminholz aus. Und den Sommer, in dem früher Kohlen für die kalten Monate eingekellert wurden, muss Kögler mit anderen Arbeiten überbrücken. Er macht Fahrten für den Pflanzengroßhandel oder hilft bei Entrümpelungen.

Die erste Tour mit Heizkohlen geht heute nach Treptow. Ein sozialer Träger, der mehrere Wohnungen als Übergangshaus für Obdachlose betreibt, hat insgesamt fünf Tonnen Kohlen bestellt. Zwei wurden schon letzte Woche geliefert. Heute kommen die nächsten zwei, bevor morgen die letzte Tonne folgt. Kögler hat seinen alten Mercedes-Truck, Baujahr 1965, schon gestern Abend beladen. 40 Säcke mit je 50 Kilogramm Kohlen stehen dicht an dicht auf der Ladefläche. Kögler hat noch zwei kleinere Laster, mit den seine Mitarbeiter Holz und Kohlen ausfahren. Den großen 7,5-Tonner fährt nur er. „In den 70ern hatten wir mal zehn Laster“, sagt Kögler. Sein Urgroßvater hat das Unternehmen Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet. Später habe sein Vater übernommen, der mit 75 auch heute noch mindestens einmal in der Woche ins Büro kommt.

In Treptow angekommen klappen Kögler und sein Mitarbeiter Emo die seitliche Ladebordwand herunter. Bei dem, was nun folgt, würde jeder Physiotherapeut wohl einen Herzinfarkt kriegen. Der 50-Jährige greift sich mit einer Hand einen der zentnerschweren Säcke, wuchtet ihn auf seinen Rücken und watschelt dann mehr, als dass er läuft, in den Hinterhof, die Treppe zum Keller hinunter, wo er den Sack in einem Lagerraum ausschüttet. Knapp eine Dreiviertelstunde brauchen er und Emo für die 40 Säcke. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Knochenjob. Der Schweiß auf Köglers Gesicht mischt sich nach wenigen Minuten mit dem Ruß der Kohlen. „Sechs Wochen kannst du das maximal am Stück machen“, sagt Kögler. „Dann brauchst du eine Pause.“

Dirk Köglers Tag wird unterdessen nicht besser. Eine Palette mit Kaminholz ist abgerutscht und hängt eingeklemmt zwischen zwei Paletten-Türmen. Da immer noch kein neuer Keilriemen für den Gabelstapler da ist, fragt Kögler schnell beim „Gerüstfritzen“ nebenan nach, ob er ihm seinen Gabelstapler leihen kann, um die Palette auf ihren Platz zu heben.

Der Wende-Kohle-Boom war ein kurzer

Es sind diese kleinen Probleme, die oft an der Laune des ansonsten fröhlichen Kögler zehren. Dennoch mache ihm sein Job Spaß, sagt er. Dass er Kohlenhändler geworden ist, hat Kögler einem historischen Moment zu verdanken. Während seiner Schulzeit hilft er nachmittags manchmal beim Kohlenaustragen im Betrieb seiner Eltern aus. Aber das Geschäft hat seinen Zenit schon damals überschritten. „Wäre die Mauer nicht aufgegangen, hätte ich nicht weitergemacht“, sagt Kögler heute. Auf einmal steht den Kohlenhändlern eine ganze halbe Stadt mehr zur Verfügung. „Wir dachten damals, jetzt haben wir für die nächsten 40 Jahre zu tun.“

Doch der Wende-Kohle-Boom ist ein kurzer. Blockweise werden im Osten Häuser saniert. „Wofür sie im Westen 40 Jahre gebraucht haben, das haben sie im Osten in fünf Jahren gemacht“, sagt Kögler. Schon Mitte der 90er gehen die Aufträge wieder zurück.  

Dirk Kögler nimmt Aufträge an, schreibt Rechnungen. Nur am Donnerstag, wenn sie besonders viele Aufträge haben, hilft er nun noch mit beim Ausliefern. Zwei Touren macht Kögler an jenem kalten Donnerstag im Januar noch. Um 19 Uhr, nach zwölf Stunden, ist sein Tag vorbei. Die Palette sitzt wieder aufrecht, und selbst der Gabelstapler ist repariert. Zum Schluss belädt Kögler noch einen seiner kleineren Trucks, damit es morgen um sieben Uhr wieder losgehen kann.

Wie lange man Kögler noch mit seinem alten Laster durch die Stadt fahren sehen wird, wie lange er Kohlen schleppen wird, darüber mache er sich nicht allzu viele Gedanken. Noch gebe es ihn ja. Die genau Anzahl seiner Kunden weiß Kögler nicht: „Wir haben ja keinen Computer.“