Immer mehr Hotels bieten an, ihre Zimmer tageweise fürs Arbeiten zu mieten. Redakteurin Stefanie Hildebrandt macht den Test.
Foto: camcop media/Andreas Klug

Kabelsalat auf dem Küchentisch, Kinder, die Videokonferenzen kapern. Es gibt genug Gründe, warum einem nach wochenlanger Heimarbeit die Decke auf den Kopf zu fallen droht. Auf der anderen Seite gibt es in der Stadt Tausende Hotelzimmer, die leer stehen. Zusammen ergibt das eine Geschäftsidee, die immer mehr Liebhaber findet: Hotels in Berlin bieten ihre Zimmer tageweise als Büro-Ersatz an.

Ruhe, W-Lan, ein Schreibtisch. Mehr braucht es oft nicht zum Büroarbeiterglück. Einen Versuch ist es wert. Normalerweise ist mein Weg in die Redaktion entlang der Schönhauser Allee ein Krampf. Heute aber surfte ich den Radweg entlang, als wäre es der Sunset Boulevard. Ich küsse Mann und Kinder zu Hause zum Abschied, heute fühlte es sich an, als würde ich auf eine aufregende Reise gehen.

Meine Geschäftsreise für einen Tag beginne ich im Hotel Oderberger in der gleichnamigen Straße im Prenzlauer Berg pünktlich um neun Uhr. Einchecken, Passwort für den Internetzugang, schon surrt der Fahrstuhl in den zweiten Stock. Nur eine weitere konzentrierte Arbeiterin strebt in ihr Zimmer nebenan. Die Tür klappt zu. Zu Hause müsste ich spätestens jetzt kurz aus dem Schlafzimmer-Office brüllen, weil die Kinder mit dem neuen Metalldetektor vor der Tür hantieren. Es gibt sehr viel Metall in einer Dreizimmerwohnung, es piept ohne Unterlass und gleich beginnt die Morgen-Konferenz. Hier in Zimmer 214 reiße ich die Fenster auf und atme durch.

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Alles was Umsatz macht, hilft uns

„Die Idee flatterte schon seit längerem in der Branche herum“, erzählt mir Verena Jaeschke, die Hoteldirektorin im Oderberger. Für den Familienbetrieb, der nebenan  auch das Schwesterhotel „Die Schule“ betreibt, war schnell klar: „Da machen wir mit. Die Hotels waren für den Gästeverkehr geschlossen, wir waren aber dennoch tagsüber da“, sagt Jaeschke. Viel Marge bleibe natürlich bei der Bürovermietung nicht, aber es helfe dennoch. „Für uns Hoteliers ist die derzeitige Situation eine absolute Herausforderung. Doch alles, was wir an Umsatz generieren können, hilft uns, die laufenden Kosten zu decken.“ Eine normale Übernachtung mit Frühstück in dem Hotel im alten Stadtbad kostet 160 Euro, ein Tag im Homeoffice schlägt mit 55 Euro zu Buche. Viele nutzen das Angebot gern tageweise, sagt Verena Jaeschke. Einige buchten hingegen wochenweise, andere gleich einen ganzen Monat. Etwa fünf bis zehn Gästen kommen am Tag. Von 9 bis 17 Uhr ist geöffnet.

Ungestört Arbeiten geht auch im Hotelzimmer 

Foto: campcop media/Andreas klug

„Abgesehen vom finanziellen Aspekt ist es auch auf menschlicher Ebene hilfreich. Menschen machen Hotels, wir fühlen uns hier wie Rennpferde, die nicht laufen dürfen“, sagt Verena Jaeschke. „Wir haben einfach gern Gäste und Leben im Haus.“ Auch wenn die Hotels am 25. Mai wieder öffnen dürfen, werden einige wie das Hotel Oderberger das Angebot weiter bereithalten. 

Es ist halb eins und mein Text ist zur Hälfte fertig. Ohne Ablenkung arbeitet es sich wesentlich effektiver. Auch wenn die Hotels am 25. Mai wieder öffnen dürfen, werden einige wie das Hotel Oderberger das Angebot weiter bereithalten. „Wir sind realistisch: die Touristen werden noch nicht wieder so kommen, wie vor Corona.  Früher hatten wir den Luxus regelmäßig  ausbucht zu sein, das wird es wo schnell nicht wieder geben.“

Portale für die Hotelzimmersuche: Homeoffice im Hotel hier haben sich 500 Hotels aus ganz Deutschland eingetragen. Auch das Hotelportal hrs.de hat die Zeichen erkannt und hat den MeWork Concierge-Service ins Leben gerufen. Auf www.goinnside.de sind 19 Hotels in Berlin aufgelistet. Die Preise beginnen bei etwa 40 Euro pro Tag.