Ein Anleger im Müggelsee. Bald könnte es davon weniger geben Foto: imago stock&people 

Segler, Surfer, Ruderer und Kanuten in Treptow-Köpenick fürchten um ihre Anlegestellen. Betroffen sind mindestens 29 der 87 Wassersportvereine im Bezirk. Sie wissen nicht, was mit ihren Stegen passiert, wenn ein neues Konzept in Kraft tritt. Von Rückbau und Abriss ist sogar die Rede. Dem Berliner KURIER liegt ein Beschwerdeschreiben des Bezirkssportbundes vor. Empfänger: Umweltstadtrat Bernd Geschanowski (AfD).

Der Vorwurf: Geschanowski habe  vor, Naturschutzpläne des Umweltamts schnell durchzuwinken, ohne dass das Bezirksparlament (BVV) abstimmen kann. In der Corona-Krise, wo keiner so genau auf Demokratie schaue, wolle er die Situation „ausnutzen“, heißt es in dem recht empörten Schreiben. Andere Entscheidungsträger im Bezirksamt bestätigen Geschanowskis Vorgehen. Ursprünglich habe der AfD-Stadtrat die BVV abstimmen lassen wollen. Jetzt plötzlich nicht mehr.

Uferzonen werden mit Grün, Gelb und Rot gekennzeichnet

Die Pläne heißen im Beamtendeutsch „Steganlagenkonzeption.“ Die Uferzonen aller Gewässer im Bezirk (Spree, Dahme, Müggelsee, Müggelspree, Seddinsee, Zeuthener See und weitere) sollen demnach wie eine Ampel gekennzeichnet werden. Grün bedeutet: Die Genehmigung für einen Steg ist für die Natur kein Problem. Gelb heißt: Eine Genehmigung ist unter Auflagen möglich. Rot bedeutet, dass eine Genehmigung unwahrscheinlich ist.

Zwei Segler auf der Müggelspree. Foto: images-images

Das Stegkonzept mit den Ampelfarben ist schon älter – wie der Streit zwischen Umweltschützern und Wassersportlern auch. 2017 gab’s eine große Bootsdemo auf dem Wasser dagegen. Neu ist jetzt, dass die Pläne in der Coronakrise  in Kraft treten könnten und die Vereine überrannt werden. Das fürchtet zumindest Heidolf Baumann, Vizechef des Bezirkssportbundes Treptow-Köpenick.

Er ist selbst Segler und sagt: „Es kann sein, dass wir dann keine Rechte mehr haben und viele Vereine in arge Schwierigkeiten kommen.“ Baumann erklärt: „Die Genehmigung für einen Steg ist in der Regel auf zehn Jahre befristet. Wenn die Vereine ihre Genehmigungen verlängern wollen, bekommen sie diese mit den neuen Plänen nicht mehr.“ Im Ernstfall müssten dann Stege abgerissen oder zurückgebaut werden.

Bernd Geschanowski (AfD) ist Stadtrat für Gesundheit und Umwelt in Treptow-Köpenick. Foto: AfD

Ein Beispiel: Der  Seglerverein Rahnsdorf am Müggelsee liegt in der roten Uferzone, hatte aber vor acht Jahren seine Steganlage erneuert – für 140.000 Euro. Tritt das Konzept in Kraft, müsste der Verein einen Teil des Stegs komplett wegreißen. Neben dem finanziellen Schaden würde der Verein dann seine Grundlage verlieren.

Heidolf Baumann macht klar, dass ein Wassersportverein ohne Steg eigentlich kein Verein mehr ist. „Die Mitarbeiter im Umweltamt sehen nur die Natur, doch mit solchen Entscheidungen werden Menschen ignoriert. Ihre jahrzehntelange Leistung wird missachtet“, regt er sich auf. Viele Clubs in Ost-Berlin sind über 100 Jahre alt.

Der Heimatverein von der Berliner Segel-Legende Jochen Schümann (65) will gegen die Umweltpläne vorgehen.  Foto: imago/Thomas Zimmermann

Hinzu kommt die Unklarheit. „Wer entscheidet, welcher Steg bleiben darf? Wir haben Angst vor Willkür“, sagt Baumann. Jörg Heibeck vom Landeskanuverband klagt ebenso: „So ein Konzept wäre für uns fatal. Eine Genehmigung für die Stege müsste unbefristet sein.“  Die ersten Vereine wollen gegen das Konzept von Stadtrat Geschanowski vor Gericht klagen. Einer von ihnen ist der Yachtclub Berlin Grünau, wie der Vorsitzende Reinhard Hübner klarmacht. Denn auch der Yachtclub müsste einen Teil wegnehmen.

Die Grünauer stehen für jahrzehntelangen Leistungssport. Der dreifache Olympiasieger Jochen Schümann (65) lernte hier segeln. Der Yachtclub sammelte und sammelt unzählige Titel. 

Stadtrat Bernd Geschanowski reagierte auf mehrfache Anfrage des KURIER bis Redaktionsschluss nicht.

Club-Chef Reinhard Hübner: „Diese Pläne sind  unfair. Wir schließen uns als Vereine zusammen und klagen gemeinsam.“ Hübner nimmt die Sache mit. Er ist bereit, weit zu gehen. Durch alle Instanzen.