Der Wirt Uwe Schild hofft, dass das Bezirksamt ein Auge zudrückt, wenn seine Außen-Tische mal ein paar Zentimeter über die Grundstücksgrenzen hinausragen sollten. Foto: Berliner Kurier/Markus Wächter

Der 22. März war ein schwarzer Tag für Berlins Gastronomie. Alle Restaurants wurden geschlossen, um die Verbreitung des Corona-Virus einzudämmen. An diesem Freitag, nach fast acht Wochen ohne nennenswerte Einnahmen, dürfen die Wirte ihre Lokale wieder öffnen. Die stabilen Zahlen von Neuinfektion machen es möglich. Die Branche atmet auf, doch der Blick in die Zukunft ist nicht ungetrübt.

Keiner weiß, ob sich das Geschäft lohnen wird. Und ob man nicht bald wieder schließen muss, wenn es wieder mehr Krankheitsfälle gibt.

In diesen Tagen kurz vor Wiedereröffnung hat Peter Schulz vor allem in der Mittagszeit jede Menge zu tun. Er betreibt das Gasthaus Ebel – Werbespruch „Ob Sturm oder Nebel, wir gehen zu Ebel“ – in der Semmelweisstraße an der Kirche in Altglienicke in fünfter Generation. 1870 hat seine Familie das Restaurant übernommen, seitdem gibt es gutbürgerliche Küche. An diesem Tag klingelt es fast pausenlos, Kunden bestellen Spargel, Bauernfrühstück oder Currywurst. Während ein Koch die Gerichte zubereitet und Schulz sie ausreicht, putzen mehrere Frauen die Gasträume. Es sind die Kellnerinnen, den ersten Tag im Dienst nach Wochen der Kurzarbeit daheim. Schulz hat ihre Spanne zum vollen Gehalt bezahlt. Schlimm genug, dass sie auf das Trinkgeld verzichten mussten, sagt er.


Verhaltenskodex für Restaurants:

  • Öffnung: Der Betrieb ist zwischen 6 und 22 Uhr erlaubt.
  • Mindestabstand: Zwischen bestuhlten Tischen muss 1,50 Meter Abstand bestehen.
  • Gäste: An einem Tisch dürfen maximal Angehörige von zwei Haushalten sitzen.
  • Service: Es darf kein Büffetangebot geben, Speisen und Getränke dürfen ausschließlich an Tischen angeboten werden.
  • Reservierung: Reservierungssysteme oder andere Verfahren zur Nachverfolgung werden dringend empfohlen.
  • Maskenpflicht: Das Personal soll Mund-Nasen-Schutz tragen. Das gilt insbesondere für alle Mitarbeiter mit Gastkontakt.
  • Erfassung: Viele Wirte werden Namen und Daten ihrer Gäste notieren, damit das Gesundheitsamt Kontaktwege nachvollziehen kann.
  • Tipps: Die Gaststätteninnung Dehoga hat eine eigene Checkliste erarbeitet.

„Wir hatten nicht einen Tag geschlossen“, sagt der Gastwirt. Nach zwei schlaflosen Nächten entschied er sich für Außer Haus-Verkauf mit reduzierter Speisekarte. „Am ersten Tag hatten wir 57 Euro Umsatz, inzwischen sind es bis zu 600 Euro pro Tag“, sagt Schulz. Das rechne sich sogar, sagt er und lobt seine treuen Stammkunden, die zumeist aus der Nachbarschaft stammen.Da sei es sogar zu verschmerzen, dass er wegen des Berufsverbotes – so empfindet er die behördlich erzwungene Schließung seines Lokals – Waren im Einkaufswert von rund tausend Euro wegwerfen musste: Speisen, Weine, Liköre.

Doch vor den ersten Tagen mit Gästen an seinen Tischen ist Schulz ein wenig mulmig. Er hat in der Zeit getan, was zu tun war: Er hat aus den drei Gasträumen Tische und Stühle rausgenommen, damit der Mindestabstand gewährleistet ist, er hat Waren bestellt und die Bierleitung gereinigt. Für den ersten Tag habe er genug Bestellungen. Doch er fragt sich: „Was kommt danach?“ Schließlich könne er nur etwa ein Drittel der sonst üblichen Gästeanzahl bewirten.

Drei Wirte, drei Welten

Ähnlich klingt Uwe Schilds Ausblick. Seit sechs Jahren betreibt er die Schildkröte, ein Traditionsrestaurant am Kudamm, Ecke Uhlandstraße. Auch hier sind Ambiente und Küche rustikal. Anders als das Ebel in Altglienicke lebt die Schildkröte in Charlottenburg zu 75 Prozent von Touristen.

Besonders in Norwegen kenne man sein Restaurant, erzählt Schild. Das habe mit dem norwegischen Autoren Jan Otto Johansen zu tun, der daheim über das Lokal berichtet hat. Seitdem kommen viele Norweger und bestellen den „Jan-Otto-Teller Spezial“ für 24,50 Euro: eine Haxe mit Rotkohl und Kartoffeln, dazu ein Bier und ein Korn. „Doch leider werden dieses Jahr nur wenige Norweger kommen“, sagt Schild. Jetzt hofft er, dass das Bezirksamt ein Auge zudrückt, wenn seine Tische vor der Tür mal ein paar Zentimeter über die Grundstücksgrenzen hinausragen sollten.

DatVuong ist der Gründer des Monsieur Vuong an der Alten Schönhauser Straße in Mitte, seit 20 Jahren eines der bekanntesten und beliebtesten vietnamesischen Restaurants der Stadt. Für Dat Vuong, der sich selbst als „sehr zuversichtlichen Menschen“ beschreibt, zeige das Virus uns allen, wie vergänglich das Leben ist. „Alles ist Veränderung“, sagt Dat Vuong, das müsse man akzeptieren, innehalten und als Chance begreifen. Und dennoch: „Es wird hart. Das Monsieur Vuong lebt nicht nur von seinen frischen, guten Speisen, sondern auch von der engen, lustigen Stimmung. Die wird massiv gestört.“

Drei Wirte, drei Welten. Alle warten mit einem Mix aus Skepsis und Vorfreude auf den großen Tag, an dem sie wieder Gäste empfangen dürfen.