Das Jahn-Stadion mit der markanten Haupttribüne, auf der zu DDR-Zeiten Stasi-Chef Erich Mielke saß. Foto: imago images/Koch

Für Sportsenator Andreas Geisel (SPD) und seiner Behörde war es längst beschlossene Sache, das marode Jahn-Stadion abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen. Bereits Anfang 2021 sollten die Bagger auf der Spielstätte des BFC Dynamo an der Cantianstraße in Prenzlauer Berg anrollen. Doch daraus wird erst einmal nichts. Nach Gesprächen der Koalitionsparteien SPD, Linke und Grüne/Bündnis 90 mit dem Senat wurde nun der Stadion-Abriss vorerst gestoppt. Ein Kompromiss wurde ausgehandelt, der jetzt einen neuen städtebaulichen Wettbewerb für den gesamten Umbau des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks bis zum Herbst 2021 vorsieht und der der Arena bis dahin eine Art Gnadenfrist verschafft, berichtete der Grüne-Abgeordnete Andreas Otto dem KURIER.

Jetzt wird wieder um das Stadion gekämpft! Auf politischer Ebene. Abgeordnete der Koalitionsparteien hatten sich vor Wochen unter anderem mit Sportstaatssekretär Aleksander Dzembritzki (SPD) und der Landesbaudirektorin Regula Lüscher zu mehreren Gesprächen zur Zukunft des Jahn-Stadions getroffen. „Es gab sogar Vorort-Termine“, so Otto. „Im Ergebnis wurde die weitere Vorgehensweise des Umbaus des Jahn-Sportparks zu einem Inklusionssportpark beschlossen. Damit kommt es nun nicht zu dem sofortigen Abriss der Arena.“ Es gelte jetzt der Grundsatz: Erst planen, dann bauen.

Bisher berief sich die Senatssportverwaltung auf eine Machbarkeitsstudie von 2014, nach der es für das jetzige Jahn-Stadion keine Zukunft mehr gebe, weil es marode sei und erhebliche technische Baumängel hätte. Stattdessen sollte ein neue Arena für 120 Millionen Euro gebaut werden. Denn Sportsenator Geisel wollte 2023 in diesem modernen Neubau ein Teil der Special Olympics World Summer Games für Sportler mit Behinderungen stattfinden lassen. Seit Mai diesen Jahres drückte seine Behörde verstärkt auf die Abriss-Tube, drängte auf den Beginn der Arbeiten ab 2021.

Sportsenator Andreas Geisel favorisiert den Stadion-Neubau. Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Die Pläne stießen seit langem auf Kritik im Abgeordnetenhaus, auch unter Vertretern der Koalitionsparteien. Abgeordnete wie Otto forderten, die Sportverwaltung sollte erst einmal prüfen, ob die Sanierung und ein Umbau des Stadions nicht kostengünstiger als ein Neubau sei. So wurde im Haushaltsausschuss vor einem Jahr beschlossen, die im Landeshaushalt stehenden 14 Millionen Euro für den Stadion-Abriss zu sperren. Die Gelder sollten erst freigegeben werden, wenn die Sportverwaltung ein Gesamtkonzept für den Park und der maroden Arena vorliegt, den die Stadtentwicklungsverwaltung bis August erarbeiten sollte. Infolge dieses Prozesses kam es nun zu den Gesprächen zwischen Senat und den Koalitionsparteien.

2018 wurde die Arena bereits als Wettkampfstätte für den Behindertensport genutzt.  Foto: dpa

Der jetzt getroffene Kompromiss sieht im Kern vor, dass mit Beginn des kommenden Jahres die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gemeinsam mit der Sportsenatsverwaltung einen städtebaulichen Wettbewerb für einen Masterplan für den Sportpark durchführt. Laut dem Papier sollen die Bezirke, Sportvereine und auch die Anwohner an dem Verfahren beteiligt werden.

Der Wettbewerb biete die Chance, sich jetzt mit der bestehenden Arena vernünftig auseinanderzusetzen, wie Andreas Otto erklärte. Denn in dem Verfahren soll auch untersucht werden, ob man das alte Jahn-Stadion teilweise oder komplett erhält beziehungsweise die Arena durch einen Neubau wirklich ersetzen muss.

„Das Stadion gehört schon wegen seiner markanten und weit sichtbaren Flutlichtmasten zum historischen Stadtbild“, sagt Otto. „Denkbar wäre, ob man nicht von den vier Masten, zwei erhält.“ Erhaltenswert sei auch das Tribünengebäude, auf der zu DDR-Zeiten Stasi-Chef Erich Mielke seinem Lieblingsfußballklub BFC Dynamo zujubelte. Ebenfalls muss geklärt werden, wie bei Umbauarbeiten die denkmalgeschützte Hinterlandmauer gesichert wird. Sie ist Zeugnis dafür, dass sich hinter dem Stadion einst der Todesstreifen der Berliner Mauer befand.

„Die Ergebnisse des Wettbewerbs sollen noch vor der Abgeordnetenhauswahl im dritten Quartal 2021 vorliegen“, sagt Otto. Eventuelle Rückbaumaßnahmen erfolgen erst nach Abschluss des Wettbewerbs. Die Ergebnisse sollen dann für Stadion und Sportpark in einen Realisierungswettbewerb fließen, der innerhalb von sechs Monaten abgeschlossen sein soll, um das Projekt Umgestaltung des Jahn-Sportparks „schnellstmöglich“ umzusetzen.

Der Kompromiss sieht allerdings im Gegenzug zur möglichen Erhaltung und Sanierung des Stadions auch vor, dass der Stadion-Neubau weiter verfolgt wird. Die Senatsbauverwaltung soll „unverzüglich“ mit einem Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan beginnen. „Die Planreife wird für Ende 2022 angestrebt“, heißt es. Danach wäre der Bau des neuen Stadions möglich. Man sehe nach wie vor die Notwendigkeit für einen Neubau, heißt es aus der Sportverwaltung.

Tobias Gunte (FC Viktoria 89 Berlin, li.) und  Nico Donner (VSG Altglienicke) bei einem Regionalliga-Spiel im Jahn-Stadion. Foto: imago images/Koch

Zum Problem wird die Betriebserlaubnis für die alte Arena, die am 31. Dezember endet. Diese sei endgültig, erklärt Martin Pallgen, Sprecher der Innen- und Sportverwaltung. „Eine Nutzung der Tribünen und des Hauptgebäudes ist darüber hinaus nicht mehr möglich. Einzige Ausnahme machen wir für den Schulsport und Trainingsbetrieb, die den Rasenplatz im Stadion noch benutzen dürfen“, sagt er. Das bedeutet, dass die Fußballvereine BFC und VSG Altglienicke nun ihre Heimspielstätte für die Regionalliga verlieren. Sie werden nun andere Plätze nutzen können, so der Behördensprecher. Beim BFC wäre es das Sportforum Berlin, beim VSG Altglienicke der Olympiapark.

Den nun getroffenen Kompromiss mit dem Senat wertet die Bürgerinitiative Jahnsportpark als Erfolg. Diese hatte über 5.000 Unterschriften unter anderem gegen den Stadion-Abriss gesammelt und in Form einer Petition der Sportverwaltung überreicht. „Die Planungen für das Areal gehen nun in die richtige Richtung“, sagt Philipp Dittrich, Mitbegründer der Initiative.

Kritik kommt von der FDP. „Es liegen alle Gutachten auf dem Tisch, die einhellig belegen, dass der barrierefreie Neubau alternativlos zu einer Sanierung ist, die mit erheblichen finanziellen, baulichen und rechtlichen Risiken behaftet wäre“, sagt der sportpolitische Sprecher Stefan Förster.