Michael Ottow bei der Mitgliederversammlung 2017. Foto: City-Press/Florian Pohl

Es war Wolfgang Holst, der unvergessene ehemalige Hertha-Präsident, später in höherem Alter die graue Eminenz des Vereins, der immer wieder in schwierigen Situationen (von denen es stets genug gab) den Zusammenhalt der Hertha-Familie beschwor. Diese ist inzwischen auf 38.020 Vereinsmitglieder angewachsen. Am zurückliegenden Sonntag wählten über 1000 von ihnen im Olympiastadion das neue Präsidium für die kommenden vier Jahre.

Eines hat mich dabei ganz besonders beeindruckt und gefreut: Diese blau-weißen Familienmitglieder, sehr unterschiedlich in ihrer sozialen Herkunft, in ihrer Wurzeln und bei ihren Wünschen und Ansprüchen, haben ein starkes gemeinsames Signal gesendet. Sie wählten in Michael Ottow einen Mann erneut ins Präsidium, der wegen seiner schon länger anhaltenden schweren Krankheit nicht anwesend sein konnte. Der 57 Jahre alte Diplom-Verwaltungswirt arbeitete beinahe 30 Jahre ehrenamtlich für den Verein, war lange Zeit Stadionsprecher der U23 und engagierte sich in verschiedenen Funktionen immer für seine Hertha.

Ich kenne Michael Ottow seit vielen Jahren als „Ur-Herthaner“, der lange rund um die Uhr für seinen Verein da war. Wenn ich ihn als Reporter nach Präsidiumssitzungen wegen „geheimer“ Informationen löcherte, verriet er mir nie irgendwelche Interna, lächelte mich an und schwieg. Seine Frau Barbara, in Fankreisen unter dem Kürzel „BWO“ bekannt, verpasste viele Jahre kein Hertha-Spiel, egal ob in Barcelona, Hamburg, Jüterbog oder Bernau. „Es gibt mal gute, mal schlechte Tage bei meinem Mann“, sagte sie mir nun am Telefon. Michael Ottow verfolgte zu Hause die Versammlung am Liveticker. Vorgeschlagen für die Wiederwahl hatte ihn Präsident Werner Gegenbauer, der auch die kurze Bewerbungsrede für Ottow hielt. Für die Familie ist das Votum der Mitglieder sicher ein Signal, aus dem sie Kraft ziehen kann.

Ein positiver Schub für Michael Ottow

Für Gegenbauer aber hatten die Mitglieder ein ganz anderes Signal parat, denn der Unternehmer wurde für seine vierte Amtszeit als Präsident nur mit schlappen 54 Prozent der Stimmen gewählt. Ein deutlicher Abfall an Zustimmung gegenüber den zurückliegenden Jahren 2008 (77,8 Prozent), 2012 (73,2 Prozent) und 2016 (83,0 Prozent). Das wirft Fragen auf. Hat die Angst vieler Mitglieder, dass Hertha in Zusammenarbeit mit Investor Lars Windhorst nicht nur Anteile, sondern auch seine Seele verkauft, den Präsidenten Stimmen gekostet? Muss Werner Gegenbauer nahbarer gegenüber Fans, Mitgliedern und der Öffentlichkeit werden? Der Unternehmer hatte schon eine erste schlüssige Antwort parat: „Wir haben den Mitgliedern zu viel zugemutet in einer Zeit schneller Veränderungen. Das liegt in meiner Verantwortung.“

Der große Einfluss des Investors, die Digitalisierung rund um den Verein, die Veränderungen in der Struktur der Klubspitze oder diverse, zu abgehobene Werbekampagnen haben einige Mitglieder unsicher gemacht.

Nicht in der Verantwortung des Präsidenten liegt das sportliche Abschneiden der Mannschaft, die einen gewaltigen personellen Umbruch erlebt. Manager Michael Preetz warb angesichts des schlechten Saisonstarts um Vertrauen und Geduld, damit der gut besetzte Kader zu einer Einheit wachsen kann. Ich verstehe seine Argumente, dennoch müssen schleunigst Erfolge her und die Negativspirale muss gestoppt werden. Ich will hier den Teufel nicht an die Wand malen, aber 2009/10 begann die Saison auch mit einem Sieg und vier Niederlagen in Serie, denen vier weitere Pleiten folgten … Natürlich waren es damals ganz andere Zeiten und die Mannschaft von einst ist nicht mit dem heutigen, mit vielen starken Individualisten bestückten Team zu vergleichen. Doch Siege würden außer den Profis vor allem der in Corona-Zeiten arg gebeutelten Fanseele guttun und vielleicht auch der Genesung kranker Herthaner wie Michael Ottow einen positiven Schub verleihen.