Wollten von Anfang an alle in eine andere Richtung: Hertha-Präsident Werner Gegenbauer, Investor Lars Windhorst und Ex-Manager Michael Preetz. Foto: Imago

Man mag es kaum glauben, aber es war an jenem Tag Ende Mai 2012 tatsächlich nachts um 2.50 Uhr, als sich auf dem Podium im Saal 1 des Internationalen Congress-Centrums (ICC) sieben Männer und eine Frau müde den Fotografen für ein Gruppenbild präsentierten. Es handelte sich um das frisch gewählte Präsidium von Hertha BSC um Vereinsboss Werner Gegenbauer.

Acht Stunden (!) hatte die längste Mitgliederversammlung der Klubgeschichte gedauert, ehe ein heftiger Machtkampf zugunsten von Gegenbauer und Manager Michael Preetz ausgegangen war. Eine kleine Opposition um den ehemaligen Hertha-Profi Michael Sziedat hatte das Nachsehen. Ich war damals Augenzeuge des Spektakels und sehnte vergeblich Stunde für Stunde das Ende der oft nervigen Veranstaltung herbei.

Gegenbauer-Windhorst-Machtkampf neue Dimension

Nach dem zweiten Abstieg binnen zwei Jahren waren der einstige Abwehrspieler Sziedat, der 280 Bundesligaduelle im Hertha-Trikot bestritt, und seine Verbündeten unter dem Motto „Zeit für Veränderung“ angetreten. Vor allem Manager Preetz sollte das Feld räumen. Doch Gegenbauer, damals mit weit besserem Standing als heute unter den Mitgliedern, verknüpfte sein Weitermachen im Amt ans Verbleiben von Preetz („Wer gegen Preetz ist, ist auch gegen mich!“) - und gewann deutlich.

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Waren jahrelang ein eingespieltes Team: Ex-Hertha-Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer.

Dieses Szenario war der letzte große Machtkampf bei Hertha vor dem gegenwärtigen Beben, das allerdings aus meiner Sicht eine weitaus größere Dimension besitzt. Der heftige Konflikt zwischen Investor Lars Windhorst und Gegenbauer stellt den Verein vor eine Zerreißprobe und er wird zu einem Zeitpunkt ausgetragen, der unpassender nicht sein kann, weil die Mannschaft sicher bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt kämpfen muss.

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Hertha BSC: Gegenbauer gewann gegen Hoeneß

Dennoch: Machtkämpfe – mal kleinere, mal größere - gab es immer wieder im speziellen Hertha-Kosmos. Auch 2009 spielte der Präsident im Duell mit Dieter Hoeneß eine Hauptrolle. Manager Hoeneß, der ab 1997 Professionalität in den Verein brachte und die Mannschaft über viele Jahre in die obere Liga-Hälfte hievte, war später ins finanzielle Risiko gegangen, um sein Ziel, Hertha in der Spitze zu etablieren, möglichst schnell zu erreichen.

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Die Schulden stiegen in Rekordhöhe. Das widersprach dem Kurs von Präsident Gegenbauer, der den Verein vor allem wirtschaftlich konsolidieren wollte. Hoeneß hatte von 1997 bis 2009 rund 75 Millionen Euro in gut 100 neue Profis investiert – viel Geld, aber Peanuts im Vergleich zum Transfergebaren der Hertha seit 2019.

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2008 schlossen Präsident Werner Gegenbauer, Ex-Manager Dieter Hoeneß und Vizepräsident Joerg Thomas (v.l.) einen Pakt, der nur ein Jahr hielt.

Als das Team 2008/09 unter Trainer Lucien Farve lange sogar um die Meisterschaft spielte, ließ sich der Manager gern öffentlich feiern. Das aber missfiel seinem einstigen Golffreund Gegenbauer, der süffisant von „Dieter-Hoeneß-Festspielen“ sprach. Gegenbauer wusste Präsidium und Aufsichtsrat hinter sich. In diesen Gremien hatte Hoeneß stark an Rückhalt verloren. Die Trennung im Juni 2009 war die Folge.

Bei Hertha ging es um Macht, Einfluss und Eitelkeiten

Kleinere Machspielchen gab es auch lange zuvor. In den 1990er Jahren war es die Auseinandersetzung zwischen etablierten Alt-Herthanern und dem neuen Partner Ufa (später Sportfive) im Zuge der Professionalisierung. Auch Hertha-Legende Wolfgang Holst, von 1979 bis 1985 Präsident, zoffte sich im Alter von 76 Jahren mit dem gleichaltrigen Aufsichtsratschef Robert Schwan und schimpfte: „Herr Schwan, Sie sind das schwächste Glied im Aufsichtsrat. Hören Sie auf, mit der Spitzhacke aus Kitzbühel zu drohen!“ Schwan lebte in Österreich und der Schweiz. Es ging immer um Macht, Einfluss, Ansehen und Eitelkeiten.

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Doch der gegenwärtige Machtkampf zwischen dem Investor, der mehr Einfluss bekommen und zu Recht wissen will, wo exakt seine 374 Millionen Euro geblieben sind und Gegenbauer, dem Bewahrer der Unabhängigkeit des Vereins, scheint mir durchaus existenzbedrohend. Es bedarf jetzt aus meiner Sicht eines geschickten Vermittlers zwischen den beiden Parteien. Doch die sind rar wie in der aktuellen Politik. Aber über allem sollte jetzt erst einmal der Klassenerhalt stehen.

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