Auf Sami Khedira kann und muss Hertha-Trainer Pal Dardai im Abstiegskampf bauen. Foto: dpa

Haben sich alle getäuscht mit den Prognosen über das Potenzial des Hertha-Jahrgangs 2020/21? Allen voran die Verantwortlichen des Bundesligisten, aber auch die vielen ehemaligen Profis, die sich als TV-Experten tummeln, die Fans und wir Berliner Journalisten? Auch ich glaubte, dass es Richtung Europa-League-Plätze gehen könnte, in die obere Tabellenhälfte allemal.

Doch die Realität sieht ganz anders aus. Das mit zig Millionen Euro aufgepeppte Team befindet sich zwölf Spieltage vor Saisonschluss im dramatischen Abstiegskampf. Da gibt es kein Drumherum reden mehr. Die letzten Auftritte – auch unter Trainer Pal Dardai – zeigten trotz zahlreicher Fortschritte viele Symptome eines Abstiegskandidaten. Es gibt meist Lob vom Gegner, für das man sich nichts kaufen kann, schon gar keine Punkte. Und es gibt krasse individuelle Fehler und unglückliche Entscheidungen auf dem Platz.

Dardai braucht Verbündete

Mal steht ein Hertha-Spieler bei einem eigenen Treffer mit einer Fußspitze Millimeter im Abseits (manchmal verfluche ich den Videobeweis samt Kölner Keller) oder Schüsse fliegen Zentimeter am gegnerischen Tor vorbei. Und es fehlt seit Wochen das Spielglück. Mir kam sofort der berühmte Spruch des ehemaligen Bundesligaprofis Jürgen „Kobra“ Wegmann in den Sinn: „Zuerst hatten wir kein Glück, dann kam noch Pech dazu!“

Zwei Aussagen, meist nebenbei geäußert, zeigen die Ursachen für die Misere klipp und klar auf. Arne Friedrich, der Sportdirektor, sagte: „Die Mannschaft ist nicht für den Abstiegskampf ausgerichtet.“ Und Pal Dardai mit dem Blick zurück: „Die Spieler sind für andere Träume gekauft worden. Es ist viel Geld ausgegeben worden, das bedeutet aber nicht, dass die Spieler im deutschen Fußball angekommen sind.“

Zu viele Schönwetter-Fußballer? 

Diese Kritik trifft die Kaderplaner – vor allem Michael Preetz und Jürgen Klinsmann, die im Januar 2020 für 77 Millionen Euro vier Profis kauften. Cunha, Piatek, Tousart oder später Guendouzi waren für höhere Aufgaben gedacht. Abstiegskampf waren sie nicht gewohnt.

Was also tun? Pal Dardai bleibt positiv, vermittelt vor allem Lockerheit und Zuversicht und verordnet „harte Arbeit“.

Ich habe Dr. Gerd Driehorst, der als Mentalcoach Führungskräfte in Politik und Wirtschaft berät, kontaktiert. 1998 war Driehorst der erste Mentalcoach der Bundesliga – bei Hertha BSC! Er arbeitete damals sehr gut mit den Trainern Jürgen Röber und Falko Götz zusammen, Huub Stevens aber wollte lieber auf solch zusätzliche Hilfe verzichten. Die klare Aussage von Driehorst: „Wenn einer diese schwierige Situation meistern kann, dann ist es Pal.“ Seine Meinung, die er ausdrücklich als Ferndiagnose verstanden haben will: „Hertha hat zu viele Schönwetter-Spieler, die Fußball zelebrieren wollen. Es fehlen die Kämpfertypen. Jeder muss begreifen, dass nur noch Endspiele folgen. Man muss dem Gegner wehtun, unangenehm sein und ihn niederkämpfen.“

Viel Zeit bleibt Dardai nicht

Driehorst geht davon aus, dass sich Dardai in Einzelgesprächen mit den wenigen Führungsspielern verbündet, „weil er viele verlängerte Arme auf dem Platz braucht. Alle müssen im Kopf auf Abstiegskampf umschalten.“ Sami Khedira sieht er als wichtige ordnende Hand.

Pal Dardai sagte nun, er hasse es, zu verlieren. Das müssen alle seine Spieler verinnerlichen. Ich gehe mit Mentalcoach Driehorst konform und glaube an die Fähigkeiten von Dardai. Seit er das Amt übernommen hat, hat er die Stimmung gedreht, aus einer depressiven Mannschaft eine neue, positiv auftretende Truppe geformt, die stabiler geworden ist. Ihr fehlt aber außer Punkten noch viel: neben Spielglück auch der unbedingte Wille und das Vermögen, Spiele zu kippen, für Überraschungen zu sorgen und auch Favoriten zu schlagen.

Viel Zeit bleibt Dardai nicht. Stellt sich die Frage: Hätte Hertha früher Trainer und Manager wechseln müssen? Stand heute: Ja!