Marvin Plattenhardt ist einer von Herthas Marktwertverlierern. imago-images

Nach vielen Jahren habe ich mal wieder bei Karl Marx nachgelesen, was mir als Student einst recht schwer fiel. Keine Angst, nicht im dicken Werk „Das Kapital“. Mir ging es aus noch immer aktuellem Anlass um die Definition des Begriffes „Mehrwert“. Den hatte der von Hertha geflohene Trainer Jürgen Klinsmann in drastischer und manchmal auch herabwürdigender Art und Weise gegenüber den Hertha-Profis gebraucht, um ihre Leistungsfähigkeit einzuschätzen. Bei Karl Marx ist der Mehrwert, „den Lohn übersteigender Wert, den die Arbeiterschaft produziert.“ Andere Lexika sprechen von einem „Zuwachs an Wert, der durch ein Unternehmen erarbeitet wird.“ Damit genug der Philosophie!

Ganz klar: Der abrupte Abgang von Klinsmann bei Hertha war unmöglich und nicht zu verzeihen. Auch ich war maßlos enttäuscht. Doch ich habe mich nun, in einer Zeit ohne Fußball, noch einmal in Ruhe Klinsmanns Spielerbewertung gewidmet, die publik wurde und nur für Herthas großen Investor Lars Windhorst gedacht war. Klinsmann nahm alle 26 Profis „auseinander“, gab kühle Kurz-Kommentare in der Unternehmer-Sprache ab, etwa so: „Salomon Kalou: 35, zu alt und satt, kein Mehrwert“. Oder: „Jarstein: 36, noch ein Jahr ok zu spielen, aber erzeugt keinen Mehrwert mehr.“ Oder auch: „Marko Grujic, 23, Leihspieler von Liverpool, kein Mehrwert, da er sich weder für Hertha noch für Liverpool zugehörig fühlt.“

Lediglich zehn von 26 Spielern bescheinigte Klinsmann, dass sie Mehrwert bringen können oder wenigstens die Chance auf Mehrwert besteht – also auf eine Steigerung ihres Marktwertes, darunter sind natürlich seine Wintereinkäufe Santiago Ascacibar, Matheus Cunha, Kryzstof Piatek und der Franzose Lucas Tousart, der im Sommer nach Berlin kommen soll. Es geht ja auch um mögliche Erlöse bei einem Verkauf der Kicker.

Große Verluste bei Herthas Spielern

Was ist dran an dieser Analyse, die für Aufsehen und Verärgerung bei den Spielern sorgte? Ich habe mir das neutrale Portal „transfermarkt.de“ zu Hilfe genommen, wo die Markwerte der Profis ständig bewertet und neu berechnet werden. Dieses Portal ist jeglicher Parteinahme unverdächtig und liefert meist zuverlässige Informationen. Es trat folgendes zu Tage: 19 Spieler haben in dieser Spielzeit bislang an Marktwert gegenüber ihrem einstigen Spitzenwert verloren, sieben Profis konnten ihren Marktwert halten. Gesteigert hat keiner seinen Wert! Das verwundert nicht, denn die Mannschaft befindet sich im Abstiegskampf, hat teilweise schlimme Spiele abgeliefert und besitzt im Moment keinen herausragenden Mann – abgesehen vom erst 20-Jährigen Brasilianer Matheus Cunha, der aber erst vier Spiele für Hertha absolvierte. Dessen Marktwert blieb konstant mit 15 Millionen Euro.

Platz eins belegt Stürmer Kryzstof Piatek, der vom AC Mailand kam und im Moment einen Marktwert von 27 Millionen Euro besitzt. Immerhin konnte sich der polnische Nationalspieler in Italiens Serie A einen guten Namen erarbeiten. Die größten Verluste gibt es bei Marvin Plattenhardt, Santiago Ascacibar und den beiden Altmeistern Salomon Kalou und Vedad Ibisevic. Die beiden Letzteren gehören zu denjenigen sechs Profis, deren Verträge auslaufen plus die Kontrakte zweier Leihspieler (Marius Wolf, Marko Grujic). Fakt ist, die Mannschaft wird sich in der neuen Saison wieder verändern.

Irgendwie lag Jürgen Klinsmann mit seinen knappen Einschätzungen angesichts der Werte auf transfermarkt.de bei vielen Kickern nicht falsch – die Analyse zu Grujic etwa teile ich voll - aber die Formulierungen kamen oft etwas verletzend daher. Das sollte die Spieler allerdings reizen, ihrem ehemaligen Coach das Gegenteil zu beweisen. Ich kann nur hoffen, dass sie alle noch in dieser unterbrochenen Saison, bei der ja noch neun Spieltage ausstehen, dazu die Gelegenheit bekommen.