Hans Meyer (l). und Pal Dardai (2.v.l.) bildeten in der Hertha-Saison 2003/04 ein starkes Duo.  Foto:  Imago Images

Gestern habe ich mir eine aufregende Szene auf YouTube angeschaut. Beim Betrachten der nur 30 Sekunden langen Sequenz bekam ich Gänsehaut – natürlich längst nicht so heftig wie einst vor über 16 Jahren, als ich auf der weitläufigen Pressetribüne des Münchner Olympiastadions saß. In diesem Fall stand ich aber längst auf meinem Platz, hatte aufgeregt die Hände zu Fäusten geballt und hoffte inständig auf den Fußball-Gott, den ich allerdings noch nie live gesehen hatte. Was war passiert?

Am vorletzten Spieltag der Saison 2003/04 spielte Hertha bei 1860 München und benötigte wenigstens ein Remis, um den Klassenerhalt zu sichern. Beim Stand von 1:1 berührte Arne Friedrich in der 89. Minute den Münchner Martin Stranzl, der ging zu Boden und Referee Stefan Trautmann aus Hannover entschied auf Strafstoß. Wahnsinn! Ein Drama! 1860-Stürmer Francis Kioyo trat an und verballerte, schoss scharf links neben das Tor. Hertha-Keeper Christian Fiedler hämmerte vor Erleichterung wild mit den Fäusten auf den Rasen. Hertha war gerettet! Auf YouTube ist dieser Moment festgehalten. Herthas Profis zogen sich flugs T-Shirts über mit der Aufschrift „Danke, Hans!“ Gemeint war Trainer Hans Meyer, der in der Winterpause die Herkulesaufgabe übernommen hatte, Hertha vor dem Abstieg zu bewahren.

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Irgendwie erinnert mich diese aufregende Saison an das gegenwärtige Geschehen. Die mit zig Millionen Euro verstärkte Hertha im Jahr 2021 sollte und wollte wenigstens Europa im Blick haben. Noch höher hinaus sollte es 2003 gehen. Im Sommer hatte sich die Mannschaft noch unter Trainer Huub Stevens, der im Dezember entlassen wurde, die Champions League als Ziel gesetzt. Wow! Beide Vorhaben wurden schnell zu Makulatur. Als Meyer nach Berlin kam, stand das Team nach der Hinrunde mit 13 Punkten auf Rang 17 und nach dem 20. Spieltag mit 19 Zählern auf Platz 15. Pal Dardai rangiert nach Spieltag 20 ebenfalls auf Platz 15 mit 17 Pünktchen. Er sagte nun: „Entscheidend ist, dass wir am letzten Spieltag über dem Strich stehen und in der Liga bleiben.“ Dardai hat selbst erlebt, wie es im gnadenlosen Abstiegskampf zugeht. Auch er stand im Mai 2004 beim dramatischen 1:1 in München auf dem Platz.

Der Retter von einst, Hans Meyer, sagte mir nun am Telefon: „Pal hat mir damals als Spieler in der schwierigen Lage sehr geholfen, er hat schon damals strategisch gedacht.“

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Aber was tun im Februar 2021? Meyers allgemein gültiges Rezept, das besonders im Abstiegskampf gilt: „Man muss den Spielern sofort das Gefühl geben, dass der Trainer, der vor ihnen steht, genau weiß, was zu tun ist. Man muss schnell die Schwachpunkte erkennen und die Balance im Team herstellen. Und man sollte eine angenehme Atmosphäre schaffen, aber sehr fordernd sein.“

Nationalspieler Marko Rehmer, damals in der Hertha-Abwehr, bestätigte mir die Worte Meyers. „Hans war relativ entspannt in der Krise, aber auch akribisch, sehr fokussiert und engagiert. Er war ein ganz besonderer Trainer-Typ, eine Autorität.“

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Pal Dardai, das steht felsenfest, handelt derzeit ähnlich wie einst Meyer. Auch er strahlt Ruhe und Zuversicht aus, lässt dabei hart arbeiten. Er redet nicht vom Abstieg, traut dem Team noch weitere 18 bis 20 Punkte zu. „Das ist machbar und wird reichen.“

Am Ende, da bin ich mir sicher, wird im Mai der Klassenerhalt stehen. Matheus Cunha, Niklas Stark, Sami Khedira und alle anderen Profis können sich nach dem letzten Spieltag T-Shirts überstreifen – dann mit dem Schriftzug „Danke, Pal!“