Einen Stürmer vom Format eines Erling Haaland konnten die Herthaner nicht stoppen. imago-images/Nordphoto

Einen Stürmer-Typ wie Erling Haaland habe ich in dreißig Jahren in einem Hertha-Trikot tatsächlich nie erlebt. Der 20-Jährige Norweger scheint die Wucht eines Andrej Woronin, die Schlitzohrigkeit eines Marko Pantelic, die Torgefahr eines Michael Preetz und die Schnelligkeit eines Adrian Ramos, die allesamt Hertha prägten, in sich zu vereinen. Zumindest war das so, als er am Wochenende für Dortmund vier Tore gegen die Hertha schoss und Berlins Verteidiger wie Anfänger aussehen ließ.

Vier Treffer und mehr schafften in der Ersten Liga gegen Hertha zuvor erst zwei Profis! Weltmeister Gerd Müller schockte Hertha einst mit fünf Toren bei einem 7:4-Triumph der Bayern im Juni 1976 und erst in dieser Saison traf Robert Lewandowski viermal beim 4:3 des FC Bayern am dritten Spieltag.

Woher kommt diese Urgewalt, mit der Haaland Herthas Abwehrspieler düpierte? Kjetil Rekdal, der ehemalige Kapitän der Hertha aus erfolgreichen Champions-League-Zeiten, 52 Jahre alt, lebt in Hamar und sagte mir am Telefon: „Erling war als Junge lang und dünn, hat nun körperlich unglaublich zugelegt und ist sehr schnell. Es hat gedauert, bis das passte.“ Vielleicht, so mutmaßte ich, liefert auch seine Jugendzeit eine Erklärung für das Fußballwunder. Rekdal bestätigte: „Haaland ist etwas außerhalb von Stavanger aufgewachsen mit viel Natur. Er hatte viele Freiheiten, musste aber zu Hause mit anpacken und ist ein echter Naturbursche. Das hat ihn geprägt.“

Kjetil Rekdal ist schwer enttäuscht

Kjetil Rekdal ist trotz der Super-Show seines Landsmannes in Berlin schwer enttäuscht von den Leistungen der Hertha: „Unverständlich bei den großen Möglichkeiten. Leider geht das schon Jahre so.“ Als ich die These aufstellte, dass die Konstante bei Hertha BSC in den zurückliegenden Jahren die Unbeständigkeit ist, stimmte er sofort zu. Hertha als eine Wundertüte zu titulieren, ist sicher richtig. Die Leistungsentwicklung gleicht der Kurve des DAX an der Börse, mal rauf, mal runter. Attraktive Leistungen gepaart mit Siegen über einen längeren Zeitraum findet man nur selten. Deshalb ist Hertha auch keine Spitzenmannschaft. Lange, erfolgreiche Serien gab es in der Ära mit Trainer Jürgen Röber, die als Krönung das Erreichen der Champions League brachte. Später einige Zeit unter Falko Götz, noch später 2008/09 eine Saison unter Chefcoach Lucien Favre. Während der relativ stabilen Periode mit Pal Dardai als Trainer musste man nicht ängstlich nach unten zu den Abstiegsplätzen schauen, konnte eher vorsichtig Richtung erstes Liga-Drittel blicken. Aber sonst?

Die vielen Trainerwechsel seit 2010 und die personellen Umbrüche machten es schwer, ein einheitliches, festes Konzept zu finden. Pal Dardai träumte einst von einem Mini-Ajax-Amsterdam. Beim holländischen Rekordmeister wird seit Jahren von den Jüngsten bis zu den Profis der gleiche, offensive Fußball gespielt und gelehrt, alle Teams im 4-3-3-System. Geduldiges Ballbesitzspiel wird mit temporeichem Umschaltspiel kombiniert. Neue Spieler oder auch Trainer müssen sich dem System-Ajax anpassen. Ein „System Hertha“ aber ist noch nicht zu erkennen.

Im Moment aber müssen erst einmal Siege her, um später, aus gesicherter Position heraus, die Philosophie vom attraktiven und erfolgreichen Fußball Schritt für Schritt umzusetzen.

Doch die Lösung scheint ganz nah. Beim Zappen durch die TV-Programme blieb ich am zurückliegenden Sonntagabend beim Bayerischen Rundfunk hängen. In der Sendung „Blickpunkt Sport“ war der ehemalige Nationaltorhüter Jens Lehmann zu Gast. Der wurde bekanntlich von Investor Lars Windhorst als dessen Mann in den Aufsichtsrat der Hertha BSC GmbH & Co KGaA delegiert. Lehmann behauptete binnen zehn Minuten mindestens dreimal: „Ich weiß, wie man Spiele gewinnt!“ Na bitte!