Kevin-Prince Boateng (M.) spielt  bei Hertha eine entscheidende Rolle. Der Rückkehrer soll auf und neben dem Platz den Ton angeben. City-Press

Am zurückliegenden Sonntag habe ich den Pokal-Auftritt der Hertha in Meppen voller Spannung im Live-Ticker verfolgt. Mein Tipp – 2:1 nach Verlängerung für das Team von Pal Dardai – traf nicht ein. Ich lag aber nur knapp daneben. Gut, dass es nicht in die Verlängerung ging. So konnten Kevin-Prince Boateng & Co. Kräfte für den Liga-Auftakt am Sonntag beim 1. FC Köln sparen.

Ich nutzte die lange Zeit bis zum für Hertha erlösenden Treffer durch Davie Selke in der 91. Minute, um in meinem Archiv zu kramen. Zutage kam ein Artikel von mir vom Mai 1997 unter der Überschrift: „Das Zweitliga-Duell: Hauptstadt gegen Provinz: Meppen kommt nicht in Gummistiefeln“.

Gummistiefel? Zur Erklärung: Meppen galt lange als Synonym für Zweitklassigkeit, man lästerte über „Gummistiefel-Anhänger und Torfstecher“ nahe der holländischen Grenze. Es war sogar Spitzen-Torhüter Toni Schumacher, der 1988, den Abstieg mit Schalke vor Augen, sagte: „Ich spiele doch nicht in Meppen, da gehe ich lieber in die Türkei!“

Bobic will aus Hertha eine Pokalmannschaft machen

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Im Mai 1997 aber empfing Hertha das Team aus Meppen am 30. Spieltag der Saison 1996/97 vor 23.000 Fans im Olympiastadion und siegte 3:0. Eine Woche später gelang der Mannschaft von Trainer Jürgen Röber der Aufstieg in die Erste Bundesliga. Mit Meppen, dass von 1987/88 an zehn Jahre in der Zweiten Liga eine gute Rolle spielte, agierte der damals recht farblose Zweitligist Hertha lange lediglich auf Augenhöhe, ehe sich die Wege trennten. Schon 1995 hatte der damalige Hertha-Präsident Manfred Zemaitat auf einer Mitgliederversammlung den Aufstieg gefordert und gerufen: „Jetzt oder nie – sonst spielen wir im Jahr 2000 immer noch in Meppen!“ Naja, soweit ist es ja nicht gekommen, abgesehen vom Pokal.

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Herthas neuster Zugang Marco Richter steht für viel Tempo und bedingungslosen Einsatz: Genau das, was Sportchef Fredi Bobic (r.) fordert.

Herthas neuer Geschäftsführer Sport, Fredi Bobic, sagte mir kürzlich während eines Interviewtermins, Hertha müsse eine „Pokalmannschaft“ werden. Er meinte das in doppelter Hinsicht. Ziel müsse es sein, den Pokal im eigenen Stadion zu gewinnen, aber im übertragenen Sinne ging es ihm vor allem um eine neue Siegermentalität, die Hertha in den letzten beiden Spielzeiten sehr oft vermissen ließ.

Fakt ist, damit Hertha den angestrebten Weg nach oben gehen kann, wäre ein emotionales Erlebnis absolut hilfreich. Ein Pokalsieg oder ein weites Vordringen im nationalen Cup-Wettbewerb und eine starke Liga-Saison würde den gesamten Verein, der auf allen Gebieten gerade optimiert wird, nach vorne bringen – und die Fans nach komplizierten Pandemie-Zeiten wieder näher an die Mannschaft binden. Mit Profis, die auf dem Rasen alles geben, können sich alle – vor allem auch Kinder und Jugendliche – identifizieren. Wenn es vielleicht bald heißt, schon allein wegen Kevin-Prince Boateng, wegen Davie Selke oder wegen Marton Dardai gehe ich ins Stadion, ist viel gewonnen.

Hertha mit neuer Siegermentalität

Wie emotionale Höhepunkte einen Klub in Euphorie und voranbringen können, haben Fredi Bobic und Kevin- Prince Boateng 2017/18 mit Eintracht Frankfurt bewiesen, als sie im DFB-Pokalfinale den FC Bayern München mit 3:1 besiegten. Diese tolle Erfahrung wollen die beiden Protagonisten nun auf ihre neue Mannschaft und den Klub übertragen.

Die erste Feuertaufe im Pokal hat Hertha in Meppen bestanden – mit viel Glück, aber vor allem mit Siegermentalität. Es ist für mich durchaus eine neue Qualität, dass Hertha in der Schlussminute den Siegtreffer erzwang. Oft kassierte man in der Vergangenheit in wichtigen Duellen am Ende den entscheidenden Gegentreffer.

Nun wartet am Sonntag auswärts der 1. FC Köln als erster Gegner in der Liga. Achtung, Hertha: Mit dem neuen Cheftrainer Steffen Baumgart haben die Kölner im besten Sinne ein Mentalitäts-Monster an der Seitenlinie. Das war der ehemalige Mittelstürmer schon als Spieler.

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