Feierte beim 3:1 in Bochum sein Bundesliga-Debüt: Herthas U19-Spieler Linus Gechter. City-Press/Jan-Philipp Burmann

Am Wochenende habe ich lange mit Nello di Martino telefoniert. Herthas in der Fußballszene überall hochgeschätzter Mitarbeiter feiert im November seinen 70. Geburtstag (Kinder, wie die Zeit vergeht!) und ist nun sage und schreibe 50 Jahre in Diensten des Klubs. Eine Wahnsinns-Leistung, die in der Liga ihresgleichen sucht!

Nello, der 1971 aus der Nähe von Neapel nach Berlin kam, war Torhüter, als Hertha in den Niederungen der Amateur-Oberliga spielte, später Torwarttrainer, Co-Trainer, Teammanager, eben „Mädchen für alles“. Im Moment hilft er als Torwarttrainer bei der U19 aus und sprach begeistert von den Jungs, die von Michael Hartmann und Andreas Thom trainiert werden. „Da herrscht ein unglaublicher Teamgeist, die treten als verschworene Gruppe auf“, lobt di Martino.

Hertha seit 2019 im Dauerumbruch

Warum erzähle ich das an dieser Stelle? Genau diese Eigenschaften braucht die Mannschaft von Pal Dardai, um schnell aus dem Tabellenkeller zu kommen und danach eine stabile Saison abzuliefern. Doch Dardai muss den wohl größten Umbruch bewältigen, den Hertha je erlebte. Dieser Umbruch auf allen Gebieten – personell im Team, mit Spezialisten rund um die Mannschaft und Änderungen an der Vereinsspitze – ist seit 2019 Dauerzustand im Klub. Viele dieser Umwälzungen sind notwendig, um den Verein fit für die Zukunft zu machen.

Größere Personalwechsel in der Mannschaft, die mit wechselnden Spielphilosophien zusammenhängen, sind nicht neu und waren in der Vergangenheit oft zu beobachten. Auf der Suche nach dem richtigen Mix und einer spielerischen Richtung änderte man häufig die Strategie bei den Transfers.

Beispiele gab es etwa Anfang der 2000er-Jahre. Dort setzte man auf zahlreiche Spieler, die ihre Karriere im Osten  begannen. Marko Rehmer, Rene Tretschok, Dariusz Wosz, Andreas Thom, Michael Hartmann, Stefan Beinlich und Sixten Veit gehörten zur Stammformation.

Hertha und Bobic setzen auf Mentalität

Später nannte man die Mannschaft gern „Hertha do Brasil“, weil mit Alex Alves, Marcelinho, Luizao und Nene vier Brasilianer im Team standen. 2007/08 kam die zweite Welle aus Rio und São Paulo. Unter dem Schweizer Trainer Lucien Favre kickten gleich fünf Brasilianer mit den starken Raffael und Gilberto an der Spitze. Nach dem Ende der relativ kurzen Favre-Zeit in Berlin im September 2009 folgten bis heute elf Trainer. Jeder trat mit einer eigenen Philosophie an, bevorzugte bestimmte Spielertypen. Kontinuität in der Entwicklung war nur selten zu beobachten.

In der aktuellen Situation hat Hertha erneut einen gravierenden Wechsel in der Transferpolitik vorgenommen. Sportchef Fredi Bobic trennte sich mit finanziellem Gewinn von zu egoistischen Individualisten und setzt bei den acht Zugängen vor allem auf Mentalität, auf Spieler, die liebend gern das Hertha-Trikot tragen wollen. Bobic verweist dabei gerne auf Europameister Italien, dessen Erfolgsgeheimnis der unglaubliche Teamspirit war. Das Motto von Bobic: Mentalität kann Qualität schlagen.

Diese Strategie deckt sich auch mit den enormen Erfahrungen, die Kult-Herthaner Nello di Martino gemacht hat. Er erlebte ja mehrere Generationen von Hertha-Profis täglich und hautnah. Sein kurzes Fazit: „Um dauerhaft Erfolg zu haben, brauchst du Spieler mit Leidenschaft. Am Ende aller Umbrüche zählt nur eins: der Sieg auf dem Platz!“ Recht hat er.

Blau-weiße Einheit gegen Fürth

Pal Dardai ließ beim jüngsten 3:1-Erfolg in Bochum vier Sommer-Zugänge spielen und wechselte dazu überraschend den erst 17-Jährigen Linus Gechter aus der von di Martino gelobten U19 ein. Ich muss zugeben, den Namen kannte ich nicht.

Durch den Erfolg in Bochum verhinderte das Team auch die Einstellung eines Negativrekordes aus dem Jahr 1972/73. Damals startete Hertha mit vier Niederlagen in Serie, kam am Ende auf Rang 13. Wenn die Mannschaft am Freitag im Olympiastadion gegen Aufsteiger Greuther Fürth wieder als Einheit auftritt und gewinnt, ist Auftrag Nummer eins während des Umbruchs – raus aus der Abstiegszone – greifbar nahe.

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